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09.06.2016

18:37 Uhr

Wahlkampfguru Frank Stauss

„Wer hat in seiner Jugend gekifft?“

VonHeike Anger, Eva Fischer

Werbeguru Frank Stauss erklärt, was Markenmacher von Wahlkampfmanagern lernen können. Die SPD dürfte aufhorchen. Sie will sich bald entscheiden, ob sie den Bestsellerautor für den Bundestagswahlkampf 2017 engagiert.

Wahlkampfstratege Frank Stauss kennt die wichtigsten Anforderungen an den Kanzlerkandidaten. Agentur Butter

Kann er die SPD retten?

Wahlkampfstratege Frank Stauss kennt die wichtigsten Anforderungen an den Kanzlerkandidaten.

Berlin/Frankfurt„Wer hat in seiner Jugend gekifft? Wer ist besoffen beim Autofahren erwischt worden? Wer hat im letzten Jahr zu dem ein oder anderen Thema seine Meinung geändert“, fragt Frank Stauss in die Runde. Die rund 150 anwesenden Unternehmensleiter und Markenentscheider feixen. „Wenn Sie all diese Fragen mit Nein beantworten können, dann können Sie über eine Politikerkarriere nachdenken“, meint Stauss und erntet Gelächter. Der Wahlkampfexperte ist an diesem Donnerstagmittag zum Deutschen Marken-Summit nach Frankfurt gekommen, um über „Branding in der Politik“ zu sprechen. Es geht um Markenbildung in knapper Zeit und unter erschwerten Bedingungen.

„Ein Wahlkampf ist alles auf einmal“, sagt Stauss, der mit blauem Jackett über blauem Hemd und dunkelgrauer Jeans auf der Vortragsbühne des Branchentreffens steht. „Es ist CEO-Positioning der Spitzenkandidaten, klassische Werbung, Agenda-Setting, riesiges Event-Marketing auf Rockkonzertbühnen und Campaining.“ Der Wahlkämpfer arbeite permanent unter Ressourcenmangel, müsse alle Kanäle bedienen und das in einer zutiefst feindlichen Umwelt. „Und wir bieten kein Produkt an, dass so wahnsinnig begehrenswert ist und das jeder nachfragt“, gibt der 51-Jährige zu. „Aber der Wahlkampf ist das Mekka der Kommunikation.“

Chronik einer gescheiterten Volkspartei

März 2015

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) zweifelt offen an den Erfolgsaussichten der Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 2017. „Vielleicht müssen wir noch eine Weile warten, bis wir wieder Autogrammkarten eines sozialdemokratischen Kanzlers verteilen können“, sagt er in einem Interview. Im Juli stellt der Kieler Regierungschef zur Empörung der Genossen in Frage, ob die SPD überhaupt noch einen Kanzlerkandidaten aufstellen soll.

Juni 2015

Auch inhaltlich gerät Gabriel unter Druck. Insbesondere der linke Flügel nimmt ihm die Zustimmung zur Vorratsdatenspeicherung übel, für die er nach langen Debatten auf einem Parteikonvent im Juni eine Mehrheit bekommt. Zudem werfen viele Genossen dem Vorsitzenden Alleingänge in Sachen Pegida-Bewegung oder Griechenland-Krise vor. Umstritten bleibt auch Gabriels grundsätzliche Zustimmung zum transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP.

Dezember 2015

Auf dem Berliner Parteitag der SPD bekommt Gabriel den Unmut der Genossen ganz direkt zu spüren: Bei seiner Wiederwahl zum Vorsitzenden strafen ihn die Delegierten mit 74,3 Prozent ab – fast zehn Punkten weniger als bei der Wahl zwei Jahre zuvor. Der Parteichef ruft den Delegierten trotzig zu: „Jetzt ist mit Drei-Viertel-Mehrheit in dieser Partei entschieden, wo es langgeht - und so machen wir das auch.“

März 2016

Während die SPD aus den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz als Siegerin hervorgeht, bricht sie in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ein und fällt hinter die rechtspopulistische AfD zurück. Demonstrativ versuchen führende Genossen am Tag nach der Wahl, etwaige Personaldebatten im Keim zu ersticken. Gabriel gibt sich kämpferisch und verkündet trotzig, der SPD-Status einer Volkspartei hänge nicht an Wahlergebnissen.


April 2016

Obwohl er kurz nach der Wahl bekundet, er sehe keinen Grund zum „Nachjustieren“, wartet Gabriel vier Wochen später mit einem neuen Vorschlag auf: Er stellt die geplante Absenkung des Rentenniveaus auf bis zu 43 Prozent bis 2030 infrage – und überrascht damit auch die eigenen Parteifreunde. Zugleich sieht das Meinungsforschungsinstitut Insa die SPD mit 19,5 Prozent erstmals unter der 20-Prozent-Marke. Auch andere Institute sehen die SPD im 20-Prozent-Bereich.

Mai 2016

Angesichts des anhaltenden Tiefs in den Meinungsumfragen und einer Erkrankung Gabriels machen erneut Rücktrittsgerüchte die Runde – die der Vorsitzende schnell dementiert: „Dass man in Deutschland nicht mal mehr krank werden darf als Politiker, ohne dass einer dummes Zeug erzählt, hat mich auch ein bisschen überrascht“, sagt der Vizekanzler. Er reagiert damit auf den „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort, der gesagt hatte, Gabriel wolle zurücktreten.

Diese Worte dürften die Spitzengenossen im Willy-Brandt-Haus aufhorchen lassen. Die Bundes-SPD will im Herbst entscheiden, ob Stauss mit seiner Agentur Butter den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten 2017 in die Schlacht gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) führt.

Das ist nicht eben ein Traumjob in der Wahlkämpfer-Szene. Schließlich harrt die SPD in den Umfragen bleiern bei nur 20 Prozent. SPD-Chef und Wahrscheinlich-Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel ist in der Partei umstritten. Und programmatisch weiß die Sozialdemokratie auch nicht so recht, wo sie hinwill. Wie soll da ein Werber verdichten und zuspitzen?

Frank Stauss dürfte das alles keine Angst machen. In den vergangenen Jahren ist der Werbeguru und Bestsellerautor von „Höllenritt Wahlkampf“ für die SPD zu einer Art Troubleshooter geworden. Zuletzt geleitete er Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz doch noch zum Wahlsieg, obwohl diese lange Zeit rund zehn Prozentpunkte hinter ihrer Herausforderin Julia Klöckner (CDU) lag. 2005 legte er mit Gerhard Schröder eine fulminante Aufholjagd hin, auch wenn die Wahl dennoch knapp verloren ging.

Gabriel und die SPD: Behutsamer Linksruck

Gabriel und die SPD

Behutsamer Linksruck

Selbstfindung hinter verschlossenen Türen: Die angeschlagene SPD will von der sozialdemokratisierten Union wieder unterscheidbar sein. Was bedeutet der Abgrenzungskurs für die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten?

Der Mitinhaber der Kommunikationsagentur Butter, der auch Lebensmittel, Versicherungen oder Banken bewirbt, hat in 20 Jahren rund 25 Wahlkämpfe bestritten. Der Diplom-Politologe lernte sein Handwerk in den USA bei der Clinton/Gore-Kampagne.
Später dann trommelte er für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, in Nordrhein-Westfalen für Hannelore Kraft, zweimal für Kurt Beck in Rheinland-Pfalz. In Hamburg führte er Olaf Scholz zur absoluten Mehrheit. Mit Frank-Walter Steinmeier erlitt Stauss bei der Bundestagswahl 2009 allerdings eine schmerzhafte Niederlage. Im September nun soll er dem regierenden Michael Müller in Berlin zum Wahlsieg verhelfen. Im Anschluss könnte er mit seiner Aufbauarbeit für die Bundes-SPD beginnen.

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