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20.06.2013

19:30 Uhr

Was die deutschen Türken denken

„Erdogan randaliert“ - „Was bleibt ihm sonst?“

VonMaike Freund

In Istanbul bekriegen sich Ministerpräsident Erdogan und Demonstranten. Doch was denken die türkischstämmigen Bürger in Deutschland? Die Meinungen der Menschen auf der Keupstraße in Köln-Mülheim sind gespalten.

„Die ganze Welt schaut auf die Türkei. Meinen Sie, die Regierung riskiert Fehler?“ dpa

„Die ganze Welt schaut auf die Türkei. Meinen Sie, die Regierung riskiert Fehler?“

KölnIm Schatten eines Baumes stehen die drei Rentner Achmed, Metin und Erin. „Heute ist es fast so heiß wie in der Heimat“, sagt Metin und klingt dabei etwas wehmütig. Heimat, damit meint er die Türkei. Doch sein Zuhause ist schon seit dreißig Jahren die Keupstraße in Köln. Jeden Tag treffen sich die Freunde hier. Manchmal trinken sie im Café gegenüber süßen Tee. Manchmal stehen sie aber auch einfach nur auf der Straße und reden; über das Wetter, die Verwandten oder Heimat.

Was sie über die Demonstrationen in der Türkei denken? „Da ist ganz schön was in Bewegung“, sagt Achmed. „Erdogan täte gut daran, genau hinzuhören, was sein Volk...“ Sein Freund Eren lässt ihn nicht aussprechen: „Wie kannst du das sagen? Erdogan trägt keine Schuld an der Situation. Das sind Randalierer.“ Metin schaltet sich ein: „Die randalieren doch nicht, die demonstrieren.“ „Quatsch“, kommt die Erwiderung. „Wieso Quatsch? Erdogan setzt Tränengas ein. Der randaliert“ „Das ist sein gutes Recht! Was soll er denn sonst machen?“

Es geht hin und her, immer weiter. Hier auf der Keupstraße in Köln gibt es nicht die eine Meinung über die Lage in der Türkei.

Deutschland ist das Auswanderungsland Nummer eins der Türken. Knapp 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben laut Mikrozensus (2011) hier, die meisten haben türkische Wurzeln (18,5 Prozent). In Nordrhein-Westfalen ist der Anteil der Migranten am höchsten, 4,3 Millionen türkischstämmige Bürger leben hier. In Köln sind es besonders viele, im Kölner Stadtteil Mülheim liegt der Anteil bei rund 31 Prozent. Und nirgendwo ist er so konzentriert wie auf der Keupstraße.

Kösem und Asya heißen die Läden hier, die sich dicht an dicht in den Jahrhundertwendebauten reihen. Es gibt Baklava, türkisches Brot und Brautkleider, Frisöre und Kioske, Handyläden und türkische Lebensmittel. Viele Frauen tragen Kopftücher und langärmlige Blusen, trotz der 35 Grad - doch längst nicht alle.

In den Cafés sitzen Männer und trinken Tee aus kleinen Gläsern. Die Menschen sprechen türkisch miteinander. Die Keupstraße, jene Straße, auf der 2004 der Nagelbombenanschlag passierte, ist fest in der Hand der türkischen Bürger.

„Er hat vollkommen Recht, wenn er die Terroristen nennt“, sagt Mehmet. Er redet vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und den Demonstranten in der Türkei. „Das sind Erzfeinde der Türkei, weil sie dem Land schaden.“

Mehmet arbeitet im Laden seiner Mutter auf der Keupstraße in Köln, ist 32 Jahre alt und lebt seitdem er vier Jahre alt ist im Rheinland. Geboren ist er in der Türkei und mit ihr fühlt er sich eng verbunden, auch wenn er froh ist, in Deutschland zu leben. Demonstrieren sei O.K., das gehöre zum Recht der Bürger in jeder Demokratie, sagt er. Doch unter den Demonstranten seien Randalierer und Moschee-Schänder, die die Grenzen überschreiten würden. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Gewalt von Erdogan ausgehen könnte: „Die ganze Welt schaut auf die Türkei. Meinen Sie, die Regierung riskiert Fehler?“

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