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27.02.2013

13:46 Uhr

Wechsel im Vatikan

Auf den neuen Papst wartet viel Arbeit

Benedikt XVI. verabschiedet sich feierlich von Gläubigen. Nun muss ein anderer die Probleme lösen, die er im Vatikan hinterlässt. Dabei spielen nach der Vatileaks-Affäre auch Spekulationen um Sexskandale eine Rolle.

Deutsche Gläubige bei der Generalaudienz auf den Petersplatz. dpa

Deutsche Gläubige bei der Generalaudienz auf den Petersplatz.

Zum letzten großen öffentlichen Auftritt von Papst Benedikt XVI. kamen am Mittwoch 150.000 Menschen zur Audienz auf den Petersplatz in Rom. Auch viele Pilger aus Deutschland hatten sich für die Generalaudienz auf den Weg gemacht. Was hinter den Fassaden des Vatikans vorgeht, können sie allerdings nur ahnen - und spekulieren.

Denn der Kirchenstaat hat mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Die Frage, wann und wie der neue Papst gewählt wird, scheint vor dem Hintergrund der vielen Probleme, die Benedikt XVI. seinem Nachfolger hinterlässt, schon beinahe zu verblassen.

Bestimmt wird der neue Pontifex in geheimer Wahl vom sogenannten Konklave. Diese Versammlung der Kardinäle beginnt normalerweise 15 bis 20 Tage nach dem Tod oder - wie jetzt - dem Rücktritt eines Papstes und tagt in der Sixtinischen Kapelle. Papst Benedikt XVI. hat die Regeln allerdings so geändert, dass das Konklave früher beginnen kann.

Mit der Vorbereitung des Konklave ist der sogenannte Camerlengo betraut. Der Kardinalkämmerer des Heiligen Stuhls steht der Apostolischen Kammer vor, die zwischen dem Ende eines Pontifikats und der Ausrufung eines neuen Papstes die Güter des Vatikans verwaltet.

Schon die Einberufung des Konklave kommt nicht ohne öffentliche Diskussion aus: Nicht nur, dass der ranghöchste Katholik Großbritanniens, Kardinal Keith O'Brien, am Montag nach Vorwürfen des unangemessenen Verhaltens gegenüber Priestern sein Amt aufgegeben hatte und damit nicht an Papstwahl teilnehmen wird. Auch gegen die Teilnahme des umstrittenen US-Kardinals Roger Mahony regt sich Widerstand. Der frühere Erzbischof von Los Angeles soll versucht haben, Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche zu vertuschen und beschuldigte Geistliche zu schützen.

Doch auch nach erfolgreicher Neuwahl wird Benedikt seinem Nachfolger einige heikle Dossiers hinterlassen. Höchst persönlich übergeben will er ihm zum Beispiel einen geheimen Bericht über die "Vatileaks"-Affäre. Dabei waren geheime Dokumente des Papsts kopiert und aus dem Vatikan geschmuggelt worden.

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Details dieses Berichts könnten laut Vermutungen der italienische Zeitung „La Repubblica“ sogar ein Grund für den Rücktritt gewesen sein. Das von Kardinälen angefertigte Geheimdokument über aus dem Vatikan gestohlene Informationen wurde dem Papst im Dezember vorgelegt und handelt laut der Zeitung auch von Erpressung, Sex- und Machtgier im Gottesstaat.

Benedikt (85) hatte als Begründung seines Rücktritts zwar Altersgründe ins Feld geführt, laut „La Repubblica" sei die Entscheidung aber an dem Tag gefallen, an dem er den Bericht erhalten habe. Der Vatikan lehnte es ab, sich zu den Spekulationen über mögliche spektakuläre Hintergründe der Entscheidung des Papstes zu äußern. Es gebe keine Kommentare, Bestätigungen oder Dementis zu einzelnen Punkten.

Die möglichen Papst-Kandidaten

Joao Braz de Aviz, Brasilien, 65 Jahre

Er brachte frischen Wind in den Vatikan, als er 2011 zum Präfekten der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens gewählt wurde. Er befürwortet die Hinwendung zu den Armen, wie sie die lateinamerikanische Befreiungstheologie anstrebt, tendiert aber nicht zu den extremeren Ausprägungen dieser Lehre. Ein Nachteil für ihn dürfte sein, dass er relativ unbekannt ist.

Timothy Dolan, USA, 62 Jahre

Er ist die Stimme der US-amerikanischen Katholiken, seit er 2009 zum Erzbischof von New York ernannt wurde. Sein Humor und sein Schwung haben den Vatikan beeindruckt, dem es häufig an beidem mangelt. Die Kardinäle stehen einem Papst aus einer Supermacht jedoch skeptisch gegenüber, außerdem könnte seine kumpelhafte Art für einige zu amerikanisch sein.

Marc Ouellet, Kanada, 68 Jahre

Als Leiter der Bischofskongregation ist er so etwas wie der Personalchef im Vatikan. Er sagte einmal, Papst zu werden "wäre ein Alptraum". Obwohl er innerhalb der Kurie gut vernetzt ist, könnte der weitverbreitete Säkularismus in seiner Heimatprovinz Quebec gegen ihn sprechen.

Gianfranco Ravasi, Italien, 70 Jahre

Er ist seit 2007 der Kulturminister des Vatikan und vertritt die Kirche in der Welt der Kunst, der Wissenschaft, der Kultur und gegenüber Atheisten. Dieser Lebenslauf könnte ihm schaden, falls die Kardinäle beschließen, dass sie einen erfahrenen Seelsorger als Papst wollen und nicht schon wieder einen Professor.

Leonardo Sandri, Argentinien, 69 Jahre

Er kam als Kind italienischer Eltern in Buenos Aires zur Welt und ist damit ein echter transatlantischer Brückenbauer. Von 2000 bis 2007 hatte er den dritthöchsten Posten der Kirche als Stabschef des Vatikan inne. Er besitzt allerdings keine seelsorgerische Erfahrung und als Aufseher der Kirchen im Osten hat er nicht viel Macht in Rom.

Odilo Pedro Scherer, Brasilien, 63 Jahre

Er gilt als stärkster Kandidat aus Lateinamerika. Der Erzbischof von Sao Paolo, der größten Diözese im größten südamerikanischen Land, zählt in seiner Heimat zu den Konservativen, würde andernorts aber als gemäßigt durchgehen. Das rasante Wachstum der protestantischen Kirchen in Brasilien könnte gegen ihn sprechen.

Christoph Schönenborn, Österreich, 67 Jahre

Er ist ein früherer Student von Papst Benedikt, aber stärker als dieser von der Seelsorge geprägt. Der Erzbischof von Wien gilt als Anwärter auf das Amt des Papstes, seit er in den 90er Jahren den Katechismus herausgegeben hat. Er ist allerdings bei einigen Priestern in Österreich sehr unbeliebt.

Angelo Scola, Italien, 71 Jahre

Sein Posten als Erzbischof von Mailand gilt als Sprungbrett für das Amt des Papstes. Viele Italiener setzen auf den Bioethik-Experten. Als Chef der Stiftung zur Förderung des Verständnisses zwischen Muslimen und Christen kennt er auch den Islam. Er ist allerdings nicht sonderlich beredt, was ihm schaden dürfte, falls die Kardinäle einen Charismatiker an der Spitze der Kirche sehen wollen.

Luis Tagle, Philippinen, 55 Jahre

Sein Charisma wird oft mit der Ausstrahlung von Papst Johannes Paul verglichen. Er gilt auch als Vertrauter Benedikt, nachdem er mit ihm in der Internationalen Theologenkommission zusammengearbeitet hat. Er verfügt über viele Anhänger, wurde aber erst 2012 zum Kardinal ernannt - und jüngeren Kandidaten steht das Konklave meist skeptisch gegenüber.

Peter Turkson, Ghana, 64 Jahre

Er gilt als aussichtsreichster Kandidat aus Afrika. Als Leiter des vatikanischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit ist er das soziale Gewissen der Kirche und plädiert für eine globale Finanzreform. Bei einer vatikanischen Synode zeigte er ein muslimkritisches Video und erregte damit Zweifel daran, wie er zum Islam steht.

Laut italienischen Medien wird in dem Geheimdokument jedoch „ein genaues Bild des Schadens und der faulen Fische“ im Vatikan gezeichnet. Die Kardinäle sollen ein verborgenes Schwulen-Netzwerk ausgemacht haben, das in Rom und im Vatikan Sex-Treffen organisiert habe.

Kurienmitglieder in dem Netzwerk seien durch ihre sexuelle Orientierung erpressbar gewesen. Dem Zeitungsbericht zufolge will er die „Vatileaks“-Informationen persönlich seinem Nachfolger übergeben, in der Hoffnung, dass dieser „stark, jung und heilig“ genug sei, um dann die notwendigen Schritte zu unternehmen.

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