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04.01.2017

17:45 Uhr

Weihnachtsmarkt-Anschlag

Keine Zweifel mehr an der Täterschaft Amris

Die Ermittler sind sich inzwischen sicher: Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Anis Amri den Lkw in die Menschen auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gelenkt hat. Die Suche nach Mitwissern geht derweil weiter.

Eine ballistische Untersuchung ergab, dass die Waffe, mit der der mutmaßliche Attentäter Amri auf Polizisten bei Mailand geschossen hat, dieselbe ist, mit der ein Lkw-Fahrer beim Anschlag in Berlin getötet wurde. AP

Neue Erkenntnisse aus Italien

Eine ballistische Untersuchung ergab, dass die Waffe, mit der der mutmaßliche Attentäter Amri auf Polizisten bei Mailand geschossen hat, dieselbe ist, mit der ein Lkw-Fahrer beim Anschlag in Berlin getötet wurde.

Karlsruhe/BerlinDie Ermittler haben keine Zweifel mehr: Der 24 Jahre alte Tunesier Anis Amri hat das Attentat auf einen Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten verübt. „Nach unseren Erkenntnissen, nach all dem, was wir zusammengetragen haben, gehen wir davon aus, dass Anis Amri den Anschlag begangen hat“, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft am Mittwoch in Karlsruhe.

Ihren Angaben nach ist die bei dem Anschlag vom 19. Dezember verwendete Schusswaffe identisch mit der, die vier Tage später bei Amri in Italien gefunden wurde. Dieser war nahe Mailand bei einem Schusswechsel mit Polizisten getötet worden. Mehr als zwei Wochen nach dem Attentat suchen die Ermittler weiter nach Mitwissern oder Helfern des Tunesiers. Der Verdacht gegen einen mutmaßlichen Kontaktmann aus Berlin bestätigte sich nicht.

Den Ermittlungen zufolge steuerte Amri den Lkw in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Der Bundesanwaltschaft zufolge wurde er direkt nach der Tat wohl von einer Kamera am nahe gelegenen Bahnhof Zoo aufgezeichnet. Amri sei sich der Aufzeichnung offenkundig auch bewusst gewesen, sagte die Sprecherin Frauke Köhler. Der Mann habe den erhobenen Zeigefinger in Richtung Kamera gezeigt - ein Gruß, der von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt ist. Der sogenannte Tauhid-Gruß symbolisiert den Glauben an den einen und einzigartigen Gott. Ein Video, in dem Amri dem IS die Treue schwört, hatte die Bundesanwaltschaft zuvor als authentisch eingestuft.

Vereitelte und verübte islamistische Anschläge in Deutschland

April 2002

Die Polizei nimmt Anhänger der zum Al-Kaida-Netzwerk zählenden Terrorgruppe Al-Tawhid fest. Die Männer planten Angriffe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin und jüdische Gaststätten in Düsseldorf. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilt sie zu mehrjährigen Gefängnisstrafen.

Quelle: dpa / Stand: 20.12.2016

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof platzieren zwei Männer in Koffern versteckte Sprengsätze in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz. Die Zeitzünder-Bomben explodieren jedoch nicht. Im Dezember 2008 wird einer der „Kofferbomber von Köln“ zu lebenslanger Haft verurteilt.

September 2007

Die islamistische „Sauerland-Gruppe“ wird gefasst. 2010 werden die vier Mitglieder wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland zu bis zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

März 2011

Ein junger Kosovo-Albaner erschießt auf dem Flughafen Frankfurt/Main zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Der Mann gilt als extremistischer Einzeltäter. 2012 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

April 2011

Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird in Bochum ein viertes mutmaßliches Mitglied der „Düsseldorfer Zelle“ gefasst. Die vier Männer werden Ende 2014 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

März 2013

Die Polizei fasst vier Verdächtige aus der Bonner Islamisten-Szene, die einen Anschlag auf den Chef der rechtsextremen Splitterpartei „Pro NRW“ geplant haben sollen. Der Kopf der Gruppe soll zudem im Dezember 2012 einen Sprengsatz im Bonner Bahnhof deponiert haben. Der Prozess in Düsseldorf dauert an.

Februar 2016

Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt zeitgleich in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier verdächtigen Algerier sollen einen Anschlag in Berlin geplant haben. Der sei jedoch im Frühstadium durchkreuzt worden, heißt es.

Februar 2016

Bei einer Kontrolle am Hauptbahnhof Hannover verletzt eine 15 Jahre alte Deutsch-Marokkanerin einen Bundespolizisten lebensgefährlich mit einem Messer. Laut Bundesanwaltschaft war die Attacke eine „Märtyreroperation“ für den IS. Seit Oktober muss sich das Mädchen vor dem Oberlandesgericht in Celle für die Tat verantworten.

April 2016

Nach einer indischen Hochzeit verüben zwei junge mutmaßliche Salafisten aus Gelsenkirchen einen Bombenanschlag auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen. Drei Menschen werden verletzt. Der Prozess gegen die beiden Verdächtigen und einen Komplizen begann im Dezember in Essen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem versuchten Mord vor.

Juni 2016

Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche IS-Anhänger in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

Juli 2016

Ein 17-Jähriger geht - mit Axt und Messer bewaffnet - in einer Regionalbahn bei Würzburg auf Fahrgäste los. Fünf Menschen werden verletzt. Polizisten erschießen den Attentäter, der sich in einem Video als Kämpfer des IS bezeichnete. Er kam als Flüchtling nach Deutschland und gab sich als Afghane aus.

Juli 2016

Im bayerischen Ansbach sprengt sich ein 27-Jähriger auf einem Platz vor einem Musikfestival in die Luft, 15 Menschen werden verletzt. Der syrische Flüchtling stand nach einer mehrfach verlängerten Duldung kurz vor einer Abschiebung nach Bulgarien. Er war wiederholt in psychiatrischer Behandlung. Der IS beansprucht den Anschlag für sich.

September 2016

In Schleswig-Holstein nehmen Sicherheitskräfte drei Syrer wegen Terrorverdachts fest. Die Bundesanwaltschaft wirft den Männern im Alter zwischen 17, 18 und 26 Jahren vor, im Auftrag des IS nach Deutschland gekommen zu sein, „um entweder einen bereits erhaltenen Auftrag auszuführen oder sich für weitere Instruktionen bereitzuhalten“. Konkrete Aufträge gab es nach bisherigen Ermittlungen nicht, das Trio sitzt in Untersuchungshaft.

Oktober 2016

Der Syrer Dschaber al-Bakr wird in Sachsen festgenommen. Er soll einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen geplant haben. Der 22-Jährige erhängt sich in seiner Zelle.

Oktober 2016

Die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen einen seit März in Untersuchungshaft sitzenden 19-jährigen Syrer. Er soll Anschlagsziele für den IS in Berlin ausgekundschaftet haben.

November, Dezember 2016

Ein Zwölfjähriger steht im Verdacht, einen Anschlagsversuch auf einen Weihnachtsmarkt verübt zu haben. Der Junge hatte möglicherweise Kontakt zu radikalen Islamisten. Er soll laut Magazin „Focus“ zunächst am 26. November versucht haben, ein mit Sprengpulver gefülltes Konservenglas auf dem Weihnachtsmarkt zu zünden. Am 5. Dezember soll er es dann in einer Tasche in einem Gebüsch nahe dem Rathaus deponiert haben, wo es entdeckt wurde. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.

Dezember 2016

Kurz vor Weihnachten rast der 24-Jährige Tunesier Anis Amri mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Zwölf Menschen starben, 55 wurden verletzt. Vier Tage nach dem Anschlag hatten ihn italienische Polizisten nahe Mailand erschossen, nachdem er bei einer Personenkontrolle das Feuer auf die Beamten eröffnet hatte. In Deutschland hat der Anschlag eine Debatte über schärfere Gesetze und mehr Videoüberwachung auf Plätzen und Straßen ausgelöst. Amri galt als „Gefährder“, dem ein Anschlag zugetraut wurde, verschwand aber vom Radar der Behörden. Recherchen des WDR ergaben, dass er im Ruhrgebiet gut vernetzt war und ein Dutzend Moscheen besucht hatte.

Ebenfalls im Dezember erhebt die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen einen 16 Jahre alten syrischen Kriegsflüchtling. Der im September festgenommene Jugendliche soll einen Anschlag geplant haben. Er soll von einem Chatpartner im Ausland mit Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Anleitungen zum Bombenbau erhalten haben.

Die Behörde teilte zugleich neue Details zu dem Anschlag mit - so zu dem eigentlichen Lkw-Fahrer, der auf dem Beifahrersitz gefunden wurde. Nach Angaben der Sprecherin erfolgte der tödliche Schuss auf ihn am Friedrich-Krause-Ufer - mehrere Kilometer vom Breitscheidplatz entfernt. Dort war der Lkw vor dem Anschlag geparkt. Den Angaben nach hielt sich Amri bereits am Nachmittag des 19. Dezember am Friedrich-Krause-Ufer auf, begab sich dann in die unweit gelegene „Fussilet“-Moschee und gegen 19.30 Uhr wieder zurück in die Uferstraße. Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz ereignete sich rund eine halbe Stunde später.

Wo sich Amri am 20. Dezember aufhielt, ist noch nicht endgültig geklärt. Es gebe Erkenntnisse, wonach er nach der Tat über Nordrhein-Westfalen reiste, sagte Köhler. Nach Erkenntnissen der niederländischen Behörden sei der 24-Jährige am 21. Dezember um 11.30 Uhr in Nimwegen und gegen 13.30 Uhr in Amsterdam gewesen. Von Amsterdam fuhr Amri nach Lyon und Chambéry in Frankreich, dann nach Turin und schließlich nach Mailand.

Es sind aber noch zahlreiche Fragen offen: Nach wie vor sei ungeklärt, an wen Amri unmittelbar vor dem Anschlag aus dem Fahrerhaus des Lasters heraus eine Sprachnachricht und ein Foto versendet habe, sagte Köhler. Einzelheiten wollte die Sprecherin nicht bekannt geben, weil dies die laufenden Ermittlungen beeinträchtigen könne.

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Zu klären sei auch, ob Amri schon in Italien Kontakt zu dem später in Berlin getöteten Lkw-Fahrer aufgenommen habe. Es gebe bislang aber weder Erkenntnisse, die dafür oder die dagegen sprächen. Der Fahrer hatte mit seinem Lkw am 19. Dezember Stahlteile aus Italien nach Berlin-Moabit gebracht, wo Amri am Friedrich-Krause-Ufer das Fahrzeug kaperte. Zudem gehe die Bundesanwaltschaft davon aus, dass der Tunesier Vorkenntnisse darin hatte, wie er den Lkw habe fahren können. Zu Medienberichten, nach denen Amri möglicherweise am Tag nach der Tat sein Facebook-Profil von Nordrhein-Westfalen aus gelöscht habe, lägen keine Erkenntnisse vor, sagte die Sprecherin.

Gegen einen Bekannten Amris wurde derweil Haftbefehl wegen des Verdachts auf Leistungsbetrug erlassen. Der Verdacht, er könne in den Anschlag eingebunden gewesen sein, habe sich dagegen für einen Haftbefehl nicht genügend erhärtet, sagte die Sprecherin. Der Berliner Generalstaatsanwaltschaft zufolge soll der 26-jährige Tunesier mit mindestens zwei Aliasnamen von April bis November 2015 in mehreren Städten zu Unrecht Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten haben.

Der Mann war am Dienstag im Zusammenhang mit den Anschlagsuntersuchungen in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft vorläufig festgenommen worden. Er hatte Amri laut Bundesanwaltschaft am Vorabend des Anschlags in einem Restaurant getroffen und sich intensiv mit ihm unterhalten. Er kannte Amri demnach seit Ende 2015. Bei einer zweiten Durchsuchung ging es um einen früheren Mitbewohner Amris, den die Bundesanwaltschaft als Zeugen führt.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Alessandro Grande

04.01.2017, 11:24 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 
 

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