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20.02.2006

19:24 Uhr

Weitere tote Vögel

Mit dem Virus schwappt die Angst aufs Festland

Nicht einmal 20 Stunden dauerte es auf dem Festland vom ersten Nachweis des gefährlichen Vogelgrippe-Virus bis zum Katastrophenalarm.

HB ANKLAM/GRIMMEN. Während die in die Kritik geratene Rügener Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei) für diese Entscheidung fast fünf Tage brauchte, riefen ihre Kollegen in den Nachbarkreisen Nordvorpommern und Ostvorpommern am Montagvormittag den Katastrophenfall aus. Damit war der Weg frei für den Einsatz der Bundeswehr bei der Bekämpfung der Vogelgrippe. „Wir haben aus den Erfahrungen auf Rügen gelernt“, erklärte die Partei- und Amtskollegin Ostvorpommerns Barbara Syrbe (Linkspartei).

Mit dem Nachweis des H5N1-Virus in einem toten Bussard in Netzeband nahe dem ostvorpommerschen Wolgast und in einer Silbermöwe aus Prerow auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst wurde am Sonntagabend die Befürchtung außerhalb der Ostseeinsel Rügen zur Gewissheit: Die Vogelgrippe ist aufs Festland geschwappt. Und mit ihr auch die Sorge, dass sich das Virus weiter ausbreiten könnte.

Unmittelbar nach Bekanntwerden richteten die Behörden um den Fundort bei Netzeband eine drei Kilometer große Schutzzone ein. Der zuständige Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr, Siegfried Krüger, wurde am Montagmorgen um sechs Uhr alarmiert. Eine Stunde später durchkämmten rund 70 Helfer die Nebel verhangenen Wiesen, Moore und Wälder. „Ein toter Greifvogel bei Kühlenhagen“, das ist die magere Bilanz seiner Leute bis zum Mittag. Doch Krüger macht sich große Sorgen - auch wenn noch kein Testergebnis für H5N1 vorliegt.

Das könnte die Spitze des Eisberges sein. „Greifvögel sind Aasfresser. Der hat sich bei einem verendeten infizierten Tier angesteckt“, ist sich Krüger dennoch sicher. Rund 40 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Rügen und dem ostvorpommerschen Netzeband, wo noch am Montag Seuchenmatten ausgelegt werden sollten.

Auch am Montag wurden auf dem Festland zahlreiche tote Vögel entdeckt. Zunächst blieb jedoch unklar, warum sie verendet waren. Jedes Jahr verhungern oder erfrieren Vögel oder sterben an ganz anderen Krankheiten als der Vogelgrippe, wie Experten mehrfach betonten. Der Unterschied sei, dass davon sonst kaum jemand Notiz genommen habe.

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) forderte nun von den Kreisen und Städten an der Ostsee, die gesamte Küste des Landes zur Überwachungszone zu erklären. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes Wolgast fanden beispielsweise tote Schwäne auf küstennahen Äckern und direkt am Ufer. Alle Kadaver wurden zur Untersuchung in die Labore des Riemser Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit gebracht.

In dem Bundesforschungsinstitut haben die Experten kaum noch Zweifel, dass sich die Vogelgrippe bei Wildvögeln weiter ausbreiten wird. „Die Funde auf dem Festland zeigen, dass Aasfresser sich an toten Tieren infizieren und damit das Virus weiter tragen können“, betonte Institutspräsident Thomas Mettenleiter. Deshalb habe die Bergung von toten Tieren jetzt oberste Priorität.

Auf Rügen trafen am Montagnachmittag 250 weitere Bundeswehrsoldaten ein. Sie sollen vor allem beim zügigen Einsammeln von toten Tieren auf der Insel helfen. Sie brauchen starke Nerven - so wie ihre Kollegen von ABC-Spezialeinheiten, die am Rügendamm, der einzigen Zufahrt zur Insel, seit Sonntagmittag jedes Auto desinfizieren. Denn mit den kilometerlangen Staus und Wartezeiten bis zu drei Stunden wuchs am Montag auch der Frust der Autofahrer. „Solche Reaktionen sind doch menschlich“, sagt fast entschuldigend Fregattenkapitän Michael Büsching.

Ob die Bundeswehr auch in den jetzt betroffenen Festland-Kreisen zum Einsatz kommt, wird davon abhängen, wie sich dort die Situation in den nächsten Tagen zuspitzt.

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