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12.06.2013

19:03 Uhr

Weiterer Bombenanschlag?

Gericht ordnet im NSU-Prozess neue Ermittlungen an

Das Münchner Oberlandesgericht reagiert auf den überraschenden Hinweis eines Angeklagten. Im Fall des Anschlags auf eine Gaststätte in Nürnberg soll wieder ermittelt werden. Der Fall ist offenbar aus dem Raster gefallen.

Die neuen Ermittlungen gehen auf Aussagen des Angeklagten Carsten S. zurück. dpa

Die neuen Ermittlungen gehen auf Aussagen des Angeklagten Carsten S. zurück.

München„Ich habe mit der Bundesanwaltschaft Kontakt aufgenommen, um Abklärungen vorzunehmen, Unterlagen beizuziehen und Vernehmungen dort zu führen“, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Mittwoch im Münchner Prozess um die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds. Nach bisherigen Erkenntnissen soll die Gruppe für zehn Morde und zwei Bombenanschläge verantwortlich sein, die sich überwiegend gegen Menschen türkischer Herkunft richteten.

Die Anklage in dem Prozess befasst sich nach eigenen Angaben nun erstmals mit dem Anschlag der Gaststätte eines türkischstämmigen Wirts in Nürnberg aus dem Jahr 1999. „Dieser Fall ist offensichtlich aus dem Raster herausgefallen“, sagte Bundesanwalt Herbert Diemer nach der Verhandlung. Aus den früheren Erkenntnissen habe sich zwar möglicherweise ein ausländerfeindlicher Hintergrund, aber kein Bezug zum dem als Terroristengruppe eingestuften NSU ergeben. Seit Mittwoch lägen der Bundesanwaltschaft die Untersuchungsakten der Nürnberger Staatsanwaltschaft von 1999 vor. Das Bundeskriminalamt sei mit Ermittlungen beauftragt worden.

Am Dienstag hatte der Mitangeklagte Carsten S. überraschend ausgesagt, die mutmaßlichen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten ihm gegenüber bereits im Frühjahr 2000 Andeutungen über einen Bombenanschlag in Nürnberg gemacht. „Da haben die gesagt, dass die in Nürnberg in einem Laden eine Taschenlampe hingestellt haben“, hatte S. gesagt. Er habe dies als möglichen Sprengstoffanschlag gedeutet.

Tatsächlich soll die 1999 explodierte Bombe in dem Nürnberger Lokal wie eine Taschenlampe ausgesehen haben. Bei dem Anschlag wurde ein Mann leicht verletzt. Der Vorfall wurde seinerzeit zwar vom bayerischen Landeskriminalamt untersucht, fand aber in der Öffentlichkeit nur regionale Beachtung. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft wurde damals wegen Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gefährlicher Körperverletzung ermittelt, nicht wegen eines Tötungsdelikts.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Böhnhardt und Mundlos nahmen sich bei ihrer drohenden Festnahme im November 2011 das Leben. Hauptangeklagte in dem Prozess ist ihre Gefährtin Beate Zschäpe. Sie schweigt bisher zu den Vorwürfen.

S. sprach am Mittwoch in einer stundenlangen Vernehmung durch Richter Götzl erneut von dem Anschlag in Nürnberg: „Mir ist auch in Erinnerung, dass die gesagt haben, das hat nicht geklappt, und darauf hab ich mich auch ausgeruht“, sagte S. Er beteuerte erneut, er habe darauf vertraut, dass die rechtsextreme Gruppe keine Gewaltverbrechen begehe. Entsprechende Hinweise habe er nicht wahrhaben wollen. S. hat zugegeben, die Pistole beschafft zu haben, mit der neun der zehn Morde begangen wurden.

S. hat sich von seinen Taten distanziert und sich im Gegensatz zu den übrigen vier Angeklagten ausführlich in der Gerichtsverhandlung geäußert. Da er den Hinweis auf den Anschlag in Nürnberg aber in früheren Vernehmungen nicht erwähnt hatte und am Mittwoch eine Reihe von Fragen des Richters und der Bundesanwaltschaft nicht beantworten konnte, äußerte die Bundesanwaltschaft Zweifel an der Vollständigkeit seiner Aussagen. „Ohne mich ins Spekulative zu begeben, stellt sich naturgemäß die Frage, ob er alles das gesagt hat, was er zu sagen hätte“, sagte Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten, der S. befragt hatte.

Am Donnerstag soll in der Verhandlung die Vernehmung des Angeklagten S. fortgesetzt werden. Zudem sind als erste Zeugen drei Polizisten geladen.

Von

rtr

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