Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.08.2014

16:54 Uhr

Weniger Polizei bei Fußballspielen

Jäger nicht allein auf weiter Flur

VonTill Hoppe, Stefan Kaufmann

ExklusivGrätsche gegen NRW-Innenminister Ralf Jäger: Fast alle Länderkollegen lehnen seinen Vorstoß ab, weniger Polizei bei absehbar friedlichen Bundesligaspielen einzusetzen. Doch es kommen erste Unterstützer aus der Deckung.

Fußball-Vereine sollen zahlen: Zu Recht!

Video: Fußball-Vereine sollen zahlen: Zu Recht!

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfDie Fußball-Bundesliga ist in der Sommerpause – und dennoch im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte. Den Landesregierungen sind die Polizeieinsätze rund um die Spiele der deutschen Profi-Klubs zu teuer. Doch wie lassen sich die Kosten senken? Bremen war als Erstes vorgeprescht: Der klamme Stadtstaat will seinen Bundesligisten für Polizeieinsätze zur Kasse bitten. Der Vorschlag aus Nordrhein-Westfalen, Heimat zahlreicher Profi-Klubs: Weniger Polizei bei absehbar friedlichen Bundesligaspielen.

Und der Vorstoß von NRW-Innenminister Ralf Jäger findet Unterstützer. „Ich begrüße die Initiative aus Nordrhein-Westfalen ausdrücklich. Wir sind doch aufgerufen, die Steuermittel möglichst effizient einzusetzen. Dazu gehört sehr sorgfältig zu schauen, wie groß das Konfliktpotenzial ist und die Einsatzstärke der Polizei anzupassen“, sagte der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) gegenüber dem Handelsblatt. Außerdem sei in den Gesprächen der Länder mit der Deutschen Fußballliga (DFL) beschlossen worden, mehr Geld für Präventionsprojekte zur Verfügung zu stellen.

Der vom Sicherheitsgipfel beschlossene Verhaltenskodex

Zweck

Der vorliegende Verhaltenskodex definiert die wichtigsten Grundsätze zur Wahrung eines gewaltfreien, sicheren und fairen Wettbewerbs im deutschen Fußball. Er beschreibt Verhaltensregeln zum Schutz der Zuschauer bei Fußballspielen und zur Förderung einer friedlichen Fußballkultur.

Der Kodex ist das gemeinsame Bekenntnis der Vereine und Verbände, alle notwendigen Maßnahmen für noch mehr Sicherheit umzusetzen, sich deutlich sichtbar von Störern, Randalierern und Gewalttäter zu distanzieren und damit die Grundwerte des Fußballs zu bewahren.

Verhaltensgrundsätze

Mit dem vorliegenden Verhaltenskodex erklären wir: Wir treten für die Werte des Fußballs ein Fußball ist ein gesellschaftliches Gemeinschaftserlebnis, das Millionen Menschen auf emotionale und friedliche Weise verbindet. Die Fans sind ein wichtiger, zentraler Bestandteil unseres Sports. Ihre Unterstützung und ihre Leidenschaft sind Teil dieser einzigartigen, faszinierenden Fußballkultur, die es zu bewahren gilt.

Wir verurteilen jede Form von Gewalt

Die Sicherheit der Zuschauer und aller an der Organisation und Durchführung eines Fußballspiels Beteiligten ist die Basis unseres Fußballs. Wir distanzieren uns in aller Form und deutlich sichtbar von Störern, Randalierern und Gewalttätern. Für sie gibt es keinen Platz im Fußball.

Wir dulden keine Pyrotechnik beim Fußball

Das Abbrennen von Feuerwerk gefährdet die Gesundheit der Zuschauer und den Spielbetrieb. Schon aus diesem Grund kann Pyrotechnik kein Bestandteil einer schützenswerten Fankultur sein. Wir sagen 'Nein' zu Pyrotechnik im Stadion und im Umfeld von Fußballspielen.

Wir bestehen auf die Einhaltung der Regeln

Stadien sind kein rechtsfreier Raum. Wer zu einem Fußballspiel geht, muss sich, wie bei allen anderen Veranstaltungen an die Regeln halten. Das geltende Recht, die jeweilige Stadionordnung und die Weisungen der Ordnungsdienste sind von jedem Zuschauer zu respektieren und einzuhalten.

Wir stehen für eine konsequente Sanktionierung

Verstöße gegen die Stadionordnung und geltendes Recht müssen wirkungsvoll geahndet werden. Wir werden unsere Sanktionsmöglichkeiten gegen Störer, Randalierer und Gewalttäter konsequent ausschöpfen und umsetzen.

„Wir begrüßen dieses Projekt“, sagte Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle der Fanprojekte in Deutschland (KOS) am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. „Wir haben immer gefordert, dass mehr Verantwortung auf die Fanszene übergeht.“ Er ist sich sicher, dass die Fans dieser Verantwortung gerecht würden. „Wir wissen aus Erfahrung: Eine zurückhaltende, auf Kommunikation ausgerichtete Polizeistrategie ist genau der richtige Weg.“

Das sei wissenschaftlich gestützt. „Eine solche flexiblere Strategie wird der Dynamik rund um einen Spieltag gerecht. Denn umgekehrt kann eine große Polizeipräsenz manchmal Entwicklungen auslösen, die eben nicht der Sicherheit dienen.“ Diese veränderte polizeiliche Einsatzstrategie in NRW gehe auch auf die vielen Gespräche zurück, die es im Netzwerk unter anderem mit Fanprojekten und -Organisationen gegeben habe.

Begrüßt wird das NRW-Projekt auch von Gunter A. Pilz. „Ich glaube, dass das genau der richtige Weg ist – vorausgesetzt, er wird begleitet von einer intensiven Bemühung um Dialog und Gespräche mit den Fans“, sagte der bekannte Fanforscher dem Onlinedienst „web.de“. „Also die Gleichung „Mehr Polizei ist gleich mehr Sicherheit“, die geht nicht auf. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das sogar ins Gegenteil schlagen kann. Mehr Polizei heißt auch mehr Probleme.“

Jäger will die neue Strategie zunächst an vier Spieltagen testen. Das Pilotprojekt sieht vor, dass bei Partien der ersten Ligen, in denen in der Vergangenheit alles friedlich geblieben ist, die Polizeikräfte minimiert und die Polizeibegleitung von Fan-Bussen auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion eingestellt wird.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Arno Nym

05.08.2014, 20:43 Uhr

Zielführend ist allein das Modell Bremen. Wer konfliktträchtige kommerzielle Veranstaltungen geschäftsmässig organisiert soll auch für die Sicherheit sorgen und bezahlen. Das man für den Fussball-Zirkus schon per GEZ-Zwangsgebühr zahlen muss ist schlimm genug. Und ja, die Fussballveranstalter können es sich leisten, da muss man nicht auch noch anteilig bei der Putzfrau und dem Lagerarbeiter abkassieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×