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14.03.2014

11:49 Uhr

What´s right?

Deflation ist der Rinderwahnsinn der Ökonomen

VonWolfram Weimer

Die Debatte um Deflationsgefahren ist hitzig. Dabei drohen sie gar nicht. Das Thema soll nur die Notenbanken in die nächste Runde der eskalierenden Geldschöpfung treiben. Deshalb: Hört nicht auf Deflationsgurus.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Erst war es ein Lieblingsthema linker Propagandisten, denen der Staat nie genug Geld ausgeben und die Notenbanken nie genug drucken können. Dann entdeckten die Börsen die Chance, mit dem Deflationsgespenst die Gelddruckmaschinen noch heftiger rattern zu lassen. Und nun erreicht die „Sorge vor Deflation” die Wirtschaftsforscher vom DIW bis zum IWF als dankbares Profilierungsobjekt. Es wird nicht mehr lange dauern, dann hat auch die Politik ein neues Rettungsspielzeug.

Die Deflation ist so etwas wie der Rinderwahnsinn der Ökonomen. Sie wird die Menschheit nicht bedrohen, aber die Angst vor ihr nutzt manchen zur Verfolgung ihrer eigenen Interessen. Vor allem die Verfechter der ultralockeren Geldpolitik sind geradezu begeistert vom Deflationswahnsinn. Sie beobachten, dass die Notenbanken ihre gewaltigen Geldschöpfungen langsam reduzieren und das große Finanzmonopoly aus Nullzinsen, wilder Staatsverschuldung und allerlei Geldblasen an Finanz- und Immobilienmärkten zu Ende gehen könnte.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zum Beispiel fordert von der EZB einen massiven Aufkauf von Staatsanleihen nach amerikanischem Vorbild, um die Geldmaschine am laufen zu halten. Das DIW findet, sei es „höchste Zeit für die EZB zu handeln“. Sonst drohe Europa „in einen gefährlichen Abwärtsstrudel aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage zu geraten“.

Damit macht sich das DIW zum Agitator einer eskalierenden Geldmengenschöpfung nach amerikanischen und japanischen Vorbild. Bislang wollten das in Europa nur linke Institutionen aus Südeuropa. Doch nun überholen die Berliner deren kühnste Träume. Es sollten Staatsanleihen und private Anleihen im Umfang von monatlich 60 Milliarden Euro gekauft werden.

Das Argument der Geldmengeneskalierer: die Deflation stehe vor der Tür. Mit diesem Szenario sollen Notenbanken und Politik in die nächste Runde der Gelddruckerei getrieben werden. Dabei kann von einer drohenden Deflation keine Rede sein.

Zum einen sollten niedrige Teuerungsraten eher Grund zur Freude als zur Sorge sein. Zum anderen zeigt sich in der nachlassenden Inflation dieser Monate in erster Linie, dass die Lohnkosten in vielen Euro-Krisenländern sinken. Das aber ist wesentlicher Teil der Sanierungsstrategie, um Europas Wettbewerbsfähigkeit zurück zu erobern. Wer diese erfreuliche Anpassung als Deflation denunziert, will Europa in Wahrheit lieber inflationieren als sanieren.

Kommentare (3)

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14.03.2014, 14:37 Uhr

Solch eine Klarsicht habe ich schon gar nicht mehr erwartet! In den letzten Monaten durfte man selbst von Experten in lehrenden oder ausübenden Wirtschaftspositionen allerlei Unsinn zum Thema Deflation in den Medien lesen. Selbstverständlich kann man das auch unter dem Punkt Propaganda verbuchen. Umso erstaunter bin ich, dass endlich mal jemand die tatsächlich relevanten Faktoren exakt und propagandafrei kommuniziert. Vielen Dank Herr Weimer, so geht Wirtschaftsjournalismus!

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14.03.2014, 15:27 Uhr

Sehr gut Herr Weimer,
ich wundere mich schon seit Wochen, dass das von der EZB herbeigerufene "Deflationsgespenst" unkommentiert bleibt.
Alles Blindgänger oder Systemabhängige ?

Account gelöscht!

14.03.2014, 15:28 Uhr

Schön das hier mal einer Klar sieht. und das DIW ist eh n thema für sich.... reiner Lobbyverein

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