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20.09.2013

10:22 Uhr

What's right?

Die schärfsten Kritiker der Elche

Beim Pädophilen-Desaster der Grünen werden Trittin & Co. zu Opfern ihres eigenen Moralaposteltums. Sie scheitern an den Sünden ihrer Vergangenheit – vor allem aber an der Kälte, mit der sie damit umgehen.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Als in den Kirchen das Thema Kindesmissbrauch schmerzvoll aufkam, da führte keiner im Land das moralische Schwert so scharf wie Grünenpolitiker. „Entschuldigen reicht nicht”, war die Devise von Roth, Künast und Co. „Finanzielle Sanktionen” müssten her und eine „unabhängige Untersuchungskommission”. Mit Geifer attackierten sie Kirchen und deren „repressive Sexualmoral”, obwohl pädophile Übergriffe dort nur eine extreme Ausnahme und Sünde, nie aber Programm waren. Auf die unfassbare Idee, Pädophilie in Programmen zu legitimieren und zu propagieren, kamen die Grünen selbst. Von den Kindermissbrauchs-Prahlereien Cohn-Bendits über pro-pädophile Programme und Gesetzesentwürfe in den Achtzigern bis zum Treiben Hermann Meers und zum legendären Plädoyer Volker Becks zur „Entkriminalisierung der Pädosexualität” reicht die peinliche Traditionslinie der Partei.

Nun da immer mehr atemraubende Details bekannt werden, verhalten sich ausgerechnet die Grünen wie alte, herzlose Politikapparatschiks, die nur ihre Macht im Blick haben. Erst gibt es „Erinnerungslücken”, dann wird historisiert, verharmlost und verschwiegen, nur in Scheibchen zugegeben, was gerade bekannt geworden ist. Just diese politische Salamitaktik haben die Grünen einst bei anderen Mächtigen bekämpft, Transparenz gefordert und mit ihren Appellen an Anstand und Moral die Herzen vieler Menschen gewonnen.

Nun verhalten sie sich in einer ethischen Kernfrage genauso zugeknöpft und kalt wie einstige Gegner: Kein Erbarmen mit Opfern, keine öffentliche Entschuldigung, keine offene Selbstkritik, aber viel Taktieren, um den politischen Schaden in Grenzen zu halten. Claudia Roth meinte einst herablassend, die Kirche leide an einem „Komplex des Wegsehens”. In Wahrheit scheinen die Grünen selber genau an diesem Komplex zu leiden. Der ganze Skandal bestätigt den alten Sponti-Spruch „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.”

Wenn Jürgen Trittin die pädophile Nachtseite seiner Partei nun vergleicht mit einer geänderten Meinung zur Müllverbrennung, dann ist das entweder herzlos oder zynisch. Wahrscheinlich beides. Mathias Katsch, der Vorsitzende der Opfergruppe „Eckiger Tisch”, ist entsetzt über Bagatellisierungen, findet, dass die Partei-Ikone Cohn-Bendit „mitverantwortlich für den Missbrauch von Kindern” sei und versteht nicht, warum sich die Grünen nicht früher mit den Vergehen „in den eigenen Reihen” beschäftigt hätten. Die Beauftragung von Wissenschaftlern zur Aufarbeitung reiche nicht aus.

Kommentare (31)

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Berlinjoey

20.09.2013, 10:56 Uhr

Wenn ich an diese Grünen denke und mir vorstellte, ausgerechnet Herr Trittin würde Finanzminister, kann ich als Berliner nur den Berliner Max Liebermann zitieren: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte."

kfvk

20.09.2013, 10:57 Uhr

Dass die Grünen daherkommen als wären sie der Nabel der Welt und wüssten alles ganz genau, das stimmt leider.
Was aber den Rest angeht, doch eher ein schwacher Artikel. Schließlich sind die Dinge vor mehr als 20Jahren passiert. Nach solcher Zeit sind die meisten Straftaten schon verjährt und selbst verurteilte Mörder springen wieder frei herum. Passiert ist wohl nichts weiter passiert, als dass etwas merkwürdige Ansichten geäußert wurden, was nicht nur in jungen Jahren schon passieren kann. Aber entsprechende Taten gab es nicht und bis heute keine Vorstöße zu Gesetzen, die so etwas legalisieren würden. In kirchlichen Einrichtungen wurde dagegen weniger geredet -- es ging zur Sache.
Hier geht es doch nur darum den Anschein zu erwecken, die Grünen würden aktuell noch pädophilem Gedankengut anhängen und seien deshalb nicht wählbar. Ohne die bevorstehenden Wahlen hätte die Angelegenheit wohl weit weniger Interesse in den Medien gefunden, so sind sie aber ein gefundenes Fressen für Leute, die den Fortbestand der CDU/FDP Regierung wünschen und die der AfD hinterherhecheln. Es ist doch unbestreitbar gut, dass es die Grünen gibt, denn sie haben viel Bewegung und neue Ziele in unsere Politik gebracht. Das scheint doch wichtiger zu sein als das Wiederkäuen von alten Geschichten, wenn die auch das Licht der Grünen etwas verdunkeln.

ant-iPod

20.09.2013, 10:58 Uhr

Was für ein Plädoyer...das leider an der Realität vorbei geht. Weder die Grünen, noch einer der genannten Politiker, hat jemals Pädophilie propagiert oder gar betrieben (wie die Einzeltäter der Kirche, die sich tatsächlich vergangen haben!). Sowohl Trittin, als auch andere haben sich mehrfach entschuldigt und die Aufarbeitung der Wissenschaftler gewürdigt und um schonungslose Aufklärung gebeten, welche sie sogar bezahlen.
In der tatsächlichen Handlungsweise haben sich Grüne immer für Opfer eingesetzt und die angeblich so schlimmen Programme von damals hatten zum Kern, dass man Menschen (damals auch Homosexuelle etc.) nicht wegen ihrer Neigungen kriminalisieren sollte. Dabei sind die Grünen - wie sie offen sagen - weit, weit über das Ziel hinaus geschossen. Sie entschuldigen sich dafür und obendrein für die Verzögerung in der Aufarbeitung. Dies ist ein Versäumnis, welches sie außerordentlich bedauern und dies offen sagen - was der Kommentator völlig unterschlägt... mit welcher Absicht wohl?
Sie aber wegen uralter Forderungen nach Entkriminalisierung verantwortlich für Verbrechen zu machen, welche durchweg Verbrechen waren und was die Grünen auch seit einem Vierteljahrhundert uneingeschränkt so bezeichnen und dagegen arbeiten, ist infam. Das wäre so, wie den freien Besitz von Waffen zu fordern und deswegen für die Verbrechen von Amokläufern verantwortlich zu sein.
Man darf gerne anderer Auffassung als die Grünen sein - aber dieser Kommentar ist eine unfaire Frechheit, vorbei an Tatsachen und Wirklichkeit. Die Meinungsfreiheit erlaubt dies - aber der Anstand gebietet mehr Respekt und Genauigkeit.

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