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10.01.2014

12:00 Uhr

What's right?

Es sind genug Schulden, Herr Lew!

VonWolfram Weimer

Der US-amerikanische Finanzminister Jacob Lew kritisiert Deutschland wegen dessen Sparsamkeit und der hohen Exportüberschüsse. Dabei ist die Defizit- und Geldschwemmepolitik der USA das eigentliche Risiko der Zukunft.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Jacob Lew hat offenbar Spaß daran, Deutschland an den Pranger zu stellen. Zum wiederholten Mal kritisiert der US-amerikanische Finanzminister Deutschlands Stabilitätspolitik. Lew und Obama fordern von Berlin eine ähnliche Schuldenorgie wie in Washington. Eine „Ankurbelung von Konsum und Investitionen im eigenen Land” sei gewünscht. Dies könne zu mehr Wachstum in Europa und der ganzen Welt führen. „Wir machen deutlich, dass eine stärkere Binnennachfrage sehr gut wäre“, empfiehlt Lew im Gestus des großen Bruders, der finanzpolitisches Joint-Rauchen offenbar für eine coole Sache hält.

Die Obama-Administration stört sich am deutschen Spar-Ethos ebenso wie an der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, vor allem an unseren Exportüberschüssen. Für Aufsehen hatte eine Studie aus Lews Ministerium gesorgt, in der Deutschland unverblümt vorgeworfen wurde, mit seinen Exporterfolgen der wirtschaftlichen Stabilität in Europa und der Welt zu schaden.

Wolfgang Schäuble hat sich nun über die Washingtoner Belehrungen offen geärgert und seinen Amtskollegen schwäbisch-direkt in die Schranken gewiesen: „Wir führen unsere Gespräche nicht, um uns gegenseitig Zensuren zu verteilen, sondern um uns besser zu verstehen.“ Die Euro-Zone hätte ohne Deutschland ein Handelsdefizit, mahnte Schäuble, um schließlich mit der Breitseite zu kontern: „Das amerikanische Defizit wird nicht besser, wenn ein europäisches Defizit hinzugefügt wird.“
Schäuble hat Recht. Je nach Temperament kann man Lews Deutschlandschelte als ungeschickt oder dreist ansehen, sich darüber erschrecken oder empören. In der Sache liegt Lew jedenfalls völlig falsch. Und zwar aus fünf Gründen:

Erstens sollte der Westen froh sein, wenn es noch eine Volkswirtschaft (wie Deutschland) gibt, die dem asiatischen Wettbewerb halbwegs Stand halten kann und auf den Weltmärkten seine Produkte gut verkauft.

Zweitens liegt das Problem der westlichen Welt nicht in zu viel Sparsamkeit und fehlender Binnennachfrage, sondern in zu geringer Konkurrenzfähigkeit und zu hohen Schulden. Wenn Deutschland das Hochhetzen in den Schuldturm endlich beenden will, sollten andere eher folgen als das zu bekämpfen. Denn die Schuldtürme des Westens wanken bereits bedenklich.

Drittens führt die Politik von steigenden Schulden und eskalierender Geldschöpfung die Weltwirtschaft in ein riskantes Monopoly, dessen Ausgang zur Sorge Anlass gibt.

Viertens liegt das Problem der Ungleichgewichte zwischen den Volkswirtschaften wohl eher auf Seiten der Defizitstaaten, die offensichtlich über ihre Verhältnisse leben.

Fünftens geht das größte Risiko für die Stabilität der Weltwirtschaft nicht von Deutschland, sondern von den USA und seinen eigenen Schieflagen aus.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

10.01.2014, 12:28 Uhr

Herr Weimer hat grundsätzlich recht mit seiner Kritik an den realitätsentrückt-bizarren Äußerungen aus dem Land der Indianer. Allerdings greift seine Kritik zu kurz und enthält auch Illusionen. Allein die Einschränkung des Konsums wird die Probleme nicht lösen sondern zu einer scharfen Rezession, die viele Menschen in ihrer Existenz gefährdet und deshalb verbunden sein wird mit politischer Instabilität und Extremismus.

Man muss als Ursache der Probleme ebenfalls die

a) Sättigung in vielen Wirtschaftsbereichen, die organisches Wachstum begrenzt und
b) die Leistungsbilanzungleichgewichte innerhalb der Gesellschaft (immer mehr leistungslos durch "Kapitalgravitation" akkumuliertes, konsumfernes Vermögen, sammelt sich "oben" und fehlt "unten")

erkennen und entsprechend behandeln. Ohne eine maßvolle Relativierung des Eigentums (eigentlich des Eigentümers - aber das wäre hier zu esoterisch) ist der Rückfall in eine Form von autorotärer Barabarei kaum vermeidbar (nichts anders machen die Notenbanken ja schon implizit durch ihre Politik der ungedeckten Gelddruckerei/Kreditverschlechterung).

Hinzu kommt ein notwendiger Wertewandel, welcher die Fixierung auf rein quantitative und individuelle Formen des Wachstums zugunsten qualitativer ("besser" statt "mehr") und kollektiv/gesellschaftlicher überwindet. Dort staut sich enormes organisches Wachstumspotential (z.B. vitaleres Essen, saubere Energie ohne Ölkriege, Demokratisierung der Geselschaft) welches sich aufgrund der Beharrungskräfte des Systems nicht entfalten können.

Account gelöscht!

10.01.2014, 12:29 Uhr

Na Herr Weimer, das ist doch mal etwas anderes, als Ihr kürzlich erschienenes Pamphlet über die ach so tollen USA, die allen anderen - speziell den doofen Europäern, zeigen würden, wo der Frosch die Locken hat.
Woher der plötzliche Schwenk um 180 Grad ? Sie haben doch nicht etwa festgestellt, dass Zahlen mehr aussagen als Meinung ?

Wrdlbrmft

10.01.2014, 12:35 Uhr

Gratulation, Herr Weimer!
Endlich kommt das HB wieder zu früheren Tugenden zurück:
Eine objektive, sachliche, klar recherchierte und prägnante
Berichterstattung und Kommentierung.
Weiter so!
Und bitte lassen Sie Schumi Schumi und Hitze Hitze sein :-)

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