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31.10.2014

13:14 Uhr

What's right?

Gebt den Kurden ihren Staat

VonWolfram Weimer

Die Welt sollte den Kurden endlich einen unabhängigen Staat ermöglichen. Der ist moralisch und historisch längst überfällig. Gegen den Terror des IS und für die Stabilität im Nahen Osten wäre das ein kluges Projekt.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Die Kurden sind das größte Volk der Welt ohne einen eigenen Staat. Zwangsaufgeteilt in vier Ländern leben die rund 35 Millionen Kurden unter schwierigen bis katastrophalen Verhältnissen. Es wird Zeit, dass sich das ändert: Durch den Zerfall Syriens wie Iraks und den Aufstieg des IS-Terror-Kalifats wird die Gründung eines stabilen Kurdenstaates zu einer positiven Option des Weltpolitik. Und zwar aus drei Gründen.

Erstens haben die Kurden ihren eigenen Staat moralisch und historisch längst verdient. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wird in ihrem Fall seit Jahrzehnten systematisch negiert. Dabei war ihnen nach Ende des Ersten Weltkrieges und der Aufteilung des Osmanisches Reiches im Vertrag von Sèvres (1920) die staatliche Unabhängigkeit versprochen worden.

Die kurdischen Kämpfer im Überblick

Peschmerga

Im Irak stellt sich vor allem die Peschmerga den Dschihadisten entgegen, um die kurdische Autonomieregion im Norden zu schützen. Der Name der Armee bedeutet in etwa „Jene, die dem Tod ins Auge sehen“. Die Streitkräfte gingen aus bewaffneten Einheiten insbesondere der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) im Nordirak hervor. Experten gehen von etwa 130.000 bis 200.000 Kämpfern aus. Viele unterstehen der kurdischen Regionalregierung.

YPG

In Nordsyrien kämpfen derzeit insbesondere die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) gegen die IS-Extremisten. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden und wollen ihre drei „autonomen Kantone“ schützen, die nach dem Rückzug der syrischen Regierungstruppen in den überwiegend von Kurden bewohnten Regionen errichtet wurden.

PKK

Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist und auch in europäischen Ländern und den USA auf der Terrorliste steht. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen.

Doch es kam nie dazu. Nachdem Mustafa Kemal Atatürk die türkische Republik ausgerufen hatte, wurden die Kurden systematisch unterdrückt. Aber auch in Syrien, Iran und Irak blieben sie über Jahrzehnte ihrer grundlegenden Rechte beraubt und diskriminiert. Das Dauer-Unrecht an den Kurden schwankte zwischen systematischer Benachteiligung und blankem Terror. So verfolgte Saddam Hussein sie grausam, am Ende sogar mit Giftgas-Massenmorden. Allein in Halabdscha kamen mehr als 5000 Menschen um. Hunderte Dörfer wurden zerstört.
In der Türkei wiederum war bis vor einigen Jahren sogar der Gebrauch der kurdischen Sprache verboten. Im bewaffneten Kampf der kurdischen Untergrundorganisation PKK kamen mehr als 35.000 Menschen um. Die Türkei ging später auf die Kurden zu, verbesserte ihre Rechte als Minderheit. Doch erst nach dem Golfkrieg 1991 keimte für die Kurden die Hoffnung auf einen eigenen Staat, nachdem die Uno im Irak nördlich des 36. Breitengrades eine Schutzzone einrichtete. Sie war der Kern einer Autonomieregion mit eigener Regierung und eigenem Parlament. Kurzum: Die Kurden sind ein geprügeltes, geschundenes Volk, das seit Generationen tapfer um das Recht auf den eigenen Staat kämpft. Das Selbstbestimmungsrecht sollte endlich auch für sie gelten.

Der zweite Grund für die Gründung eines Kurdenstaates ist politischer Natur und liegt darin, dass die Staatenordnung im Nahen Osten zerfällt. Weder Syrien noch Irak existieren noch. Beide Staaten sind implodiert und versinken in Dauerbürgerkriegen. Mit jedem Monat wird klarer, dass die Willkürgrenzen der einstigen Kolonialmächte wohl nie wieder stabile Staaten umreißen werden. Das doppelte Machtvakuum von Bagdad und Damaskus ermöglicht es dagegen den radikalislamischen Terrorgruppen erst, sich ungeahnte Bastionen aufzubauen.

Kommentare (2)

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Herr Michael Hoffmann

31.10.2014, 13:37 Uhr

Ein eigener Staat für die Kurden, gerne, wenn es hilft.

Nur, wo das Gebiet dafür hernehmen, ohne ein zweites Dauer-Problem a la Israel zu schaffen?

Und ohne den IS zu signalisieren, daß sich der Kampf gelohnt hat; daß weiterer Kampf sich also auch lohnen könnte (um zusätzliche Gebiete und/oder Geld zu bekommen).

Herr Michael Träger

03.11.2014, 07:40 Uhr

Ein eigener Staat? Ja, aber Vorsicht. Gleiches Recht für alle. Nicht nur für den Kosovo, sondern auch für die Basken, die Katalanen, die Krim, die Ostukraine etc

Und was passiert mit dem Nahen Osten, wenn ein eigener Kurdenstaat gegründet würde? Eine Implosion auch der Türkei. Es würde überall nur noch Gewalt herrschen, und Chaos. Die strengen Muslime, unterstützt von Saudi Arabien, würden weiter an einem Gottesstaat gemäß Koran arbeiten.
Wollen wir das wirklich? Wäre es nicht besser bestehende Strukturen, auch in Syrien Präsident Assad, zu stärken, statt alles infrage zu stellen?
Die jüngsten Beispiele, was passiert, wenn man von aussen versucht bestehende Strukturen zu zerschlagen, so schlecht sie auch sein mögen.
Der Irak: nichts ist besser geworden
Lybien: siehe Irak
Ägypten: Hat gerade noch einmal die Kurve bekommen, wenn auch mit einer erneut undemokratischen Regiereung.

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