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18.09.2015

11:59 Uhr

What's right?

Migrationspolitik – die Besserwisser des Guten

VonWolfram Weimer

Deutschland geht in der Migrationspolitik einen Sonderweg der offenen Tore. Mit steigender moralischer Arroganz wird auf europäische Nachbarn herabgeblickt. Das Bild des Oberlehrers ist wieder da.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Ungarn sind Rassisten, Tschechen sind Nationalisten, Polen sind christliche Fundamentalisten, Slowaken sind Spießer, Dänen sind Rechtspopulisten, Franzosen sind Angsthasen vor Le Pen, Briten sind Egoisten – wenn man deutsche Politiker und Medien dieser Tage verfolgt, dann werden neuerdings üble Klischees über unsere europäischen Nachbarn verbreitet wie in den dunkelsten Tagen des Nationalismus vor 100 Jahren. Es macht sich im Rausch der deutschen Willkommenskultur ein Zug arroganter Selbstgefälligkeit breit, die alle anderen, die skeptisch, vorsichtig oder besorgt sind, einfach herabwürdigt. Besonders Ungarn und Briten bekommen den neuen deutschen Tugendstolz in Form von Häme zu spüren.
Europa war über die deutsche Tore-Auf-Haltung zur Völkerwanderung erst berührt, dann verblüfft, schließlich verärgert und jetzt entsetzt. In Brüssel verfestigt sich diese Einschätzung: Deutschland sei isoliert mit seiner Haltung, wolle aber allen anderen den Willen aufzwingen. Das weckt unangenehme Erinnerungen an deutsche Besserwisserei – nur dass sie diesmal im Gewand der moralischen Belehrung daherkommt.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Es zieht eine erschreckende Selbstverständlichkeit im Herabwürdigen von ganzen Völkern ein, als seien die Ungarn kein großartiges Kulturvolk, sondern eine tumbe Bande von Ausländerhassern, als hätten Briten nicht längst eine globalisierungsoffene Multi-Kulti-Gesellschaft, sondern würden nur den Kanaltunnel zubetonieren, als habe Polen nicht gerade gewaltige Umwälzungen beeindruckend gemeistert, sondern verharre als ein Volk von konservativen Starrköpfen.
Dass immer mehr deutsche Politiker ausgerechnet mit der Retter-Kerze der Völkerhelfer durchs Land stolzieren und just dabei die eigenen Nachbarvölker verunglimpfen, ist eine bittere Ironie des gegenwärtigen Tugendwahns.

Wenn die Berliner Politik jetzt auch noch offen mit Erpressung droht, man werde EU-Gelder kürzen, wenn nicht sofort überall die Tore aufgemacht würden, dann ist das der Tiefpunkt einer Haltung, die das vermeintlich Gute will, aber das Böse hervorbringt. Man könnte auch gleich verkünden: Wir befehlen, ihr gehorcht, aber sofort.

Kommentare (364)

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Herr Werner Müller

18.09.2015, 12:12 Uhr

Vielen Dank Herr Weimer für diesen Artikel!!
Ich hoffe, dass viele unserer Gutmenschen diesen Artikel ebenfalls lesen und sich dazu Gedanken machen.

Herr Stephan Fehlmann

18.09.2015, 12:12 Uhr

Aber die Schlimmsten sind die Deutschen selber, nur haben sie das auch bis heute noch nicht gemerkt, denn ihr Selbstvertrauen ist grenzenlos. Immer mit dem Finger auf die anderen zeigen......
Die Deutschen sind gar nicht so beliebt, wie sie selber immer glauben!

Herr W. Dilling

18.09.2015, 12:17 Uhr

Das Bild des Oberlehrers ist wieder da.

Wieder da? Wann war dieses Bild denn mal nicht da? Oberlehrer und Deutsch sind linke und rechte Seite einer Gleichung und daher austauschbar.

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