Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.02.2014

15:24 Uhr

What's right?

Mit 33.000 Steuerparagrafen drangsaliert

VonWolfram Weimer

Politiker jagen prominente Steuerhinterzieher, verschärfen die Repression gegen das Steuervolk und verlangen komplizierteste Steuererklärungen. Dabei ist etwas viel Größeres faul als nur ein paar Konten in der Schweiz.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Üble Nachreden zu Uli Hoeneß und Alice Schwarzer sind mittlerweile so billig wie Ostfriesenwitze. Sie werden mit massenhafter Häme überzogen, und die politische Klasse befeuert die Hatz mit dem Furor von Jakobinern, so dass aus Häme zuweilen Hass wird. Je lauter und schriller die Berliner Attacken auf die „Kriminellen” aber werden, desto mehr beschleicht einen der Verdacht, dass es hier um etwas ganz anderes geht. Um ein Ablenkungsmanöver der Politik nämlich vom eigenen Versagen.

Denn es stolpern nicht nur schillernde Prominente über ihre Steuersünden. Es haben Millionen Deutsche auf die eine oder andere Weise Probleme mit dem Finanzamt, es geraten Hunderttausende dabei in Rechtsverfahren, und es sind Abermillionen, die als angebliche Schwarzarbeiter und Gefälligkeitshelfer mit dem deutschen Steuerrecht in latentem Konflikt stehen.

Vielleicht sollte sich der selbstgefällige und immer repressiver auftretende Staat – anstatt Hetzjagden auf Einzelne loszutreten – einmal fragen, ob mit seinem Steuersystem wirklich alles in Ordnung ist. Denn wenn die Mehrheit der Staatsbürger im kleinen wie im großen mit der Steuererklärung hadern, dann ist vielleicht etwas Größeres faul als nur ein paar Konten in der Schweiz. Seit Jahren gelingt es Berlin einfach nicht, was die Parteien immer wieder versprechen: Ein einfaches, faires, durchschaubares und möglichst gering belastendes Steuersystem zu etablieren.

Man muss nicht gleich träumen vom Bierdeckel eines Friedrich Merz oder von einer Grundlagenvereinfachung wie es Paul Kirchhof klug vorgeschlagen hat. Aber dass niemand in Berlin mehr den Steuerdschungel überhaupt lichten will, dass es keine Lobby mehr gibt für den normalen Menschenverstand, das wirft kein gutes Licht auf den fiskalischen Zustand unserer Republik.

Ist es nicht absurd, dass ein Volk mit 33.000 Steuerparagrafen drangsaliert wird? Dass normale Menschen ihre Steuererklärungen nur mit Hilfe von Steuerberatern ausfüllen können? Dass der Satz des Pythagoras 24 Worte umfasst, die Zehn Gebote 179, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 – aber allein der Paragraph 3 des deutschen Einkommenssteuergesetzes (über steuerfreie Einnahmen) 6493 Worte?

Deutsche Finanzämter sind Heiligtümer der Bürokratievergötterung. Um sie überhaupt zugänglich zu machen für das Normalvolk, gibt es in Deutschland mittlerweile 100.000 Steuerberater – seit einigen Jahren zählen sie zu den am schnellsten wachsenden Berufsgruppen im Land. Selbst Kleinrentner mit 750 Euro müssen jedes Jahr eine Steuererklärung machen und von ihrem kargen Geld auch noch den Steuerberater zahlen.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kabuni

07.02.2014, 15:51 Uhr

Mein Dank, aus tiefem Herzen, für diesen Artikel.
Die Politiker, bestehend aus Lehrern und anderen Beamten haben keine Ahnung, sind weltfremd und nur auf ihre eigenen Pensionen bedacht.
DANKE - DANKE - DANKE.

Account gelöscht!

07.02.2014, 16:06 Uhr

Die Möglichkeit der Steuerhinterziehung ist da und wird größtenteils von wohlhabenden Selbstständigen genutzt. Jeder kann sie seiner eigenen Moralvorstellung nach verurteilen oder nicht. Fakt jedoch ist nach wie vor das der kleine Steuerzahler bei weitem nicht diese Möglichkeiten hat, Tausende oder Millionen dem Staat und den ehrlichen Bürgern wegzunehmen. An einem gewissen Betrag gehören die Betrüger in das Gefängnis, ohne -Wenn und Aber-, ohne die Möglichkeit zu tricksen, ohne die Möglichkeit Millionen in kleine Häppchen aufzuteilen um die langjährige Gefängnisstrafe simsalabim in Bewährung zu verwandeln wie es Herr Hoeneß und seine Anwälte geplant haben.

Numismatiker

07.02.2014, 16:06 Uhr

@kabuni

Eine Vereinfachung der Steuergesetze wird die Steuerberater-Lobby zu verhindern wissen.

Und die dritte große Gruppe unter den Politikern - Juristen- wird gehorsam die Hand über die Steuerberaterklientel -auch Juristen- halten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×