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09.10.2015

12:54 Uhr

What's right?

Spart Euch den VfL Wolfsburg!

VonWolfram Weimer

Der neue VW-Chef Matthias Müller kündigt nach dem Abgas-Skandals einen rigorosen Sparkurs an. Alle Investitionen würden hinterfragt, auch das Fußball-Engagement. Gut so – für VW und für den deutschen Fußball.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

BerlinDer VfL Wolfsburg ist unter deutschen Fußballfans so beliebt wie das Goldkettchen eines Vorstadt-Cowboys. Ein gekauftes Accessoire von Neureichen – peinlich, protzig, seelenlos und überflüssig. Der VfL verkörpert in den Stadien von Dortmund, Hamburg, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt oder Mönchengladbach die emotionale Gegenwelt von Traditionsklubs, deren Fans in Leidenschaft und Hingabe zu ihrem Verein so innig verbunden sind wie es eben kein Geld der Welt kaufen kann.

Darum wird Wolfsburg dort seit Jahren als Goldkettchen-Truppe aus der Autofabrik veralbert, als habe der Verein von VW so viel Geld, dass zu Zeiten des Meistertrainers Felix Magath selbst die legendären Medizinbälle mit Gold gefüllt gewesen seien.

Doch die goldenen Zeiten der VW-Kicker gehen nun zu Ende. Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller hat das Engagement des Konzerns im Fußball offen infrage gestellt. „Wir drehen jeden Stein um und werden uns auch das ansehen“, sagte der Nachfolger von Martin Winterkorn in einem Interview – und seither hat der VW-Skandal auch die Fußballwelt erreicht.

Müller muss wegen des Abgasskandals einen harten Sparkurs für den gesamten Konzern einschlagen. VW drohen Strafen in Milliardenhöhe. „Deshalb stellen wir jetzt alle geplanten Investitionen noch mal auf den Prüfstand. Was nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder geschoben“, verstärkte Müller dann im Wolfsburger VW-Stammwerk: „Ich bin ganz offen: Das wird nicht ohne Schmerzen gehen.“

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Damit ist klar, dass für die Millionentruppe des VfL das große Geld versiegen wird. „Wir können nicht Familienväter entlassen, aber Millionen in Star-Fußballern verpulvern“, heißt es aus Wolfsburg. Die Ankündigung Müllers ist daher moralisch wie manageriell völlig richtig.

Aber sie signalisiert auch ein Stück kulturelle Umkehr vom selbst gefälligen Macho-Gehabe des Skandal-Konzerns zu einem ehrlicheren, bescheideneren Stil. Unter Martin Winterkorn hatte Volkswagen den Fußball als eine glitzernde Bühne für Autowerbung, aber auch für eigene Eitelkeiten und Großmannssucht entdeckt.

Die Vorstellung, als weltgrößter Autohersteller auch die Geschichte des Weltfußballs ein Stück weit mitzuschreiben, hatte in Wolfsburg Einzug gehalten. Der VfL wurde zur hundertprozentigen Konzerntochter und jährlich mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag unterstützt. Zudem ist VW über die Tochter Audi am FC Bayern München und dem FC Ingolstadt (unter Fans auch FC Audi 04 genannt) massiv beteiligt.

Und so wurde es normal, dass Konzernlenker Martin Winterkorn in seiner Doppelfunktion als Patron des VfL Wolfsburg und als Aufsichtsrat des FC Bayern einen Transfer des Müncheners Luiz Gustavo nach Wolfsburg persönlich abgesegnet hat.

Während die klassische Fußballwelt diese übergriffige Einmischung des Autokonzerns in den Sport zusehends kritisch beäugt hat (immerhin gönnte sich Winterkorn jedes Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag für seine Fußballmacht), gab es zusehends auch bei VW selbst kritische Stimmen dazu: Der zurückgetretene Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch war der prominenteste Gegner des Fußballmonopolys von Winterkorn. Und da Piëch dieser Tage bei VW einiges so revidiert bekommt, wie er es von Anfang an wollte, dürften auch die winterkorn'schen Fußballmillionen bald verschwinden.

Kommentare (7)

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Herr Max Nolte

09.10.2015, 14:15 Uhr

Ein sehr guter Artikel den ich genauso unterschreiben kann! Die Kommerzialisierung des Fußballs kann nicht der Sinn sein! VW sollte ein klares Zeichen gegen den totalen Verkauf und überhöhte Spielergehälter setzen!
Die Fans in den Fankurven sind der Fußball! Sie machen ihn lebendig! Niemand sonst!!!

Herr Herbert Wolkenspalter

09.10.2015, 14:26 Uhr

Ach, Wolfram Weimer, seien Sie doch nicht so spießig! Mer muss auch jönne könne.

Neulich hat der VFL einen Spieler für 83 Mio verkauft. Wenn ein Verein Spitze ist und bleibt, ist es kein Zuschussbetrieb mehr. Verstehen Sie die Winterkorn'schen Millionen doch als Anschubfinanzierung.

Und unterschätzen Sie die Werbung nicht. Wenn nicht via VFL mit seiner sportbedingten Dauerpräsenz in den Köpfen und dem Identifikationspotential, muss eben woanders teure Werbung bei weniger starker Wirkung gemacht werden.

Herr Herbert Wolkenspalter

09.10.2015, 14:54 Uhr

Schon Uli Hoeneß, der zwar einsitzt aber rechnen kann, sagte seinen Fans/ Vereinsmitgliedern, dass ihr Eintrittsgeld bei weitem nicht ausreicht, um Spitzenfußball zu finanzieren.

Was soll denn der Sinn am Fußball sein, wenn er nicht besser werden darf? Dass 22 Mann einem Ball wie vor 100 Jahren nachlaufen und sich dabei uneins sind?

Was ist daran falsch, wenn Spitzenkicker, die die ganze Welt sehen will, und mit denen Verbände (DFB, UEFA, FIFA) ein Giga-Geschäft machen, nicht auch entsprechend verdienen? Warum sollen die Kicker ihre Knochen für ein Butterbrot hinhalten? Ein großes Geschäft gibt's nur, wenn es groß nachgefragt wird. Und es wird nachgefragt, so wie es ist! Gerade von den Fans. Von wem denn sonst?

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