Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2016

12:19 Uhr

What's right – SPD

Glyphosat ist das neue Chlorhühnchen

VonWolfram Weimer

In der SPD grassiert die Angst davor, von den Grünen überholt zu werden. Daher wird nun sogar die Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat zum peinlichen Eigentor.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Öko-Ideologen prangern den neuen Sündenbock mit dem gefährlich klingenden Namen an als sei der leibhaftige Teufel ausgebrochen: Glyphosat ist das neue Chlorhühnchen. Dass Dutzende von wissenschaftlichen Untersuchungen das Pflanzenschutzmittel als unbedenklich einstufen – es schert die Öko-Fundis nicht.

Dass Glyphosat der weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter und im Kampf gegen den Hunger ein Haupthelfer ist – es lässt die Alarmismus-Industrie kalt. Dass ein Ende des Glyphosat-Einsatzes – in Deutschland kommt es auf etwa 40 Prozent der Felder zum Einsatz – tausende von Bauern in Not brächte, es ist ihnen in ihrem Öko-Fanatismus gleich.

Wer sich unter Glyphosat-Aktivisten umhört, der könnte meinen, es sei so etwas wie die ultimative Krebs-Epidemie im Anmarsch. Was den Klimaschützern der Symbol-Eisbär war, den TTIP-Feinden das Chlorhühnchen, das wird nun den Agrar-Hassern das Glyphosat – ein negativer Fetisch.

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“, erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.

Warum ist die Abstimmung in Brüssel geheim?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschusses, in dem Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sitzen, in einem sogenannten Komitologie-Verfahren. Diese Verfahren finden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Stimmt eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat, ist sie beschlossen. Ist eine qualifizierte Mehrheit dagegen, darf die EU-Kommission eigenständig entscheiden, was passiert.

Eine qualifizierte Mehrheit heißt, dass über einen Verteilerschlüssel der Bevölkerungszahl der einzelnen Mitgliedstaaten Rechnung getragen wird. Deutschlands Stimme wird also viel mehr wiegen als die Stimme Maltas.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist noch nicht klar. Der Bundestag lehnte erst vor wenigen Tagen mit großer Mehrheit einen Antrag der Grünen ab, Glyphosat zu verbieten. Und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, Glyphosat in der Landwirtschaft weiter zu verwenden. Aber aus diplomatischen Kreisen in Brüssel war bis kurz vor der Abstimmung nicht zu erfahren, wie die Position der Bundesregierung letztlich sein wird.

Nun kennt man diese Fetische aus der grünen Radikal-Szene schon seit Jahren. Nur diesmal steckt die Sündenbockjagd sogar die Bundesregierung auf peinliche Weise an. Die SPD hat derart große Angst davor, von den Grünen auch bei den kommenden Wahlen als linke Führungsmacht abgelöst zu werden, dass sie die Glyphosat-Apokalypse bereits am eigenen Parteienleib fühlt – als ginge es um einen politischen Krebs.

Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hält den Unkrautvernichter für unbedenklich, alle Prüfungen unabhängiger Institute sind abgeschlossen und die Bundesregierung hatte sich logischerweise entschieden, die Zulassung zu verlängern. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt erklärte offiziell für Union und SPD: „Die Wissenschaft kommt zu dem Ergebnis, dass bei sachgemäßer Anwendung des Wirkstoffs Glyphosat keine Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit bestehen.“ Alles schien unter den Ministerien und zwischen Union wie SPD geklärt.

Doch dann keimte in der SPD-Fraktion die Angst, man könne damit den Grünen ein neues Wahlkampfthema verschaffen. SPD-Fraktionsgeschäftsführerin Christine Lambrecht meldete Aufruhr. Umweltministerin Barbara Hendricks und Vizekanzler Sigmar Gabriel knickten schließlich ein - und mutieren nun plötzlich zu Glyphosat-Kritikern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×