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17.03.2014

16:59 Uhr

„Widerlich hoch drei“

Merkel-Sprecher handelt sich Ärger wegen Edathy ein

VonDietmar Neuerer

ExklusivJüngste Äußerungen des SPD-Politikers Sebastian Edathy über den Kinderporno-Verdacht gegen ihn schlagen hohe Wellen. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter empört sich bei Facebook – und erntet dafür selbst harte Kritik.

Vize-Regierungssprecher Georg Streiter: „Ich weiß nicht, was mich nun fassungsloser macht - die von Sebastian Edathy eingenommene Opferrolle oder dass ihm der Spiegel dafür eine Plattform bietet.“ dpa

Vize-Regierungssprecher Georg Streiter: „Ich weiß nicht, was mich nun fassungsloser macht - die von Sebastian Edathy eingenommene Opferrolle oder dass ihm der Spiegel dafür eine Plattform bietet.“

BerlinDer frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy hat mit seinen Äußerungen vom Wochenende für Empörung gesorgt. Nicht nur zahlreiche Politiker äußerten sich entrüstet über Edathys Vergleich zwischen den von ihm angekauften Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen und Aktbildern in der Kunstgeschichte. Auch der stellvertretende Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Georg Streiter, empörte sich. Das könnte ihm nun allerdings auf die Füße fallen.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Michael Konken, warf Streiter bereits vor, seine Kompetenzen überschritten zu haben. Was war geschehen?

Streiter nahm auf seiner Facebook-Seite zu den Äußerungen Edathys im Magazin „Spiegel“ Stellung. „Ich weiß nicht, was mich nun fassungsloser macht - die von Sebastian Edathy eingenommene Opferrolle oder dass ihm der Spiegel dafür eine Plattform bietet“, schrieb Merkels Vize-Sprecher. Vor allem Edathys Versuch, sein Handeln mit einem kunsthistorischen Vergleich zu rechtfertigen, stieß Streiter bitter auf.

Edathy hatte in dem „Spiegel“-Interview gesagt, in der Kunstgeschichte hätten Aktbilder eine lange Tradition. Man müsse daran keinen Gefallen finden, dürfe es aber. Eine Entschuldigung lehnte Edathy ab.

„Das ist widerlich hoch drei“

Streiter erklärte dazu: „Ich jedenfalls habe noch keinen gesehen, der sich im Museum einen runterholt - und ich bestreite auch, dass die von einem schmierigen deutschen Typen in Rumänien geschossenen Fotos von verarmten ahnungslosen nackten Kindern irgendetwas mit Kunst zu tun haben.“

Mit Blick auf den „Spiegel“ fügte der Merkel-Sprecher hinzu: „Wenn schon Herr Edathy es nicht begreift, sollte es wenigstens die Spiegel-Redaktion: Das glaubt keiner, das will auch keiner lesen, und der Spiegel sollte sich hüten, unter dem Deckmäntelchen von ach so tollem Journalismus die unsägliche Pädophilie-Debatte der 70er und 80er Jahre neu aufzulegen. Das ist widerlich hoch drei!!“ Auf dpa-Anfrage wollte sich der Vize-Regierungssprecher dazu nicht äußern.

Der Fall Edathy

Oktober 2013

Die kanadische Polizei gibt laut Medienberichten nach dreijährigen Ermittlungen gegen einen internationalen Kinderporno-Ring Hinweise an das Bundeskriminalamt, dabei fällt auch der Name Edathy. BKA-Chef Jörg Ziercke informiert laut „Bild“ den Staatssekretär des damaligen Innenministers Hans-Peter Friedrich (CSU). Letzterer wiederum informiert am Rande der Koalitionsverhandlungen SPD-Chef Sigmar Gabriel, dass mögliche Ermittlungen anstehen. Gabriel erzählt Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier davon, auch Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann wird eingeweiht. Oppermann lässt sich die Information telefonisch vom BKA-Präsidenten bestätigen. Der dementiert dies aber.

Ende November 2013

Der innenpolitische SPD-Fraktionssprecher Michael Hartmann spricht Oppermann darauf an, dass es Edathy gesundheitlich schlecht geht.

Dezember 2013

Oppermann informiert seine Nachfolgerin Christine Lambrecht über den Verdacht gegen Edathy. Spätestens im Dezember scheint auch Edathy etwas mitbekommen zu haben: Laut NDR und „SZ“ soll sich ein von Edathy beauftragter Anwalt bei mehreren Staatsanwaltschaften nach bevorstehenden Ermittlungen erkundigt haben.

Anfang Januar

Edathy meldet seiner Fraktion, dass er krankgeschrieben ist.

Freitag, 7. Februar

Edathy legt nach 15 Jahren sein Bundestagsmandat nieder und nennt dafür gesundheitliche Gründe.

Montag, 10. Februar

Die Staatsanwaltschaft Hannover lässt die Wohnungen Edathys im niedersächsischen Rehburg und Berlin sowie weitere Büros durchsuchen. Die Ermittler machen aber keine Angaben, was sie ihm zur Last legen. Laut SPD-Kreisen hält sich der 44-Jährige zu diesem Zeitpunkt schon in Dänemark auf. Fraktionsgeschäftsführerin Lambrecht betont, dass sie die Ermittlungsgründe nur aus Medienberichten kenne – die SPD sieht keinen Widerspruch dazu, dass Lambrecht bereits über den Verdacht informiert war.

Dienstag, 11. Februar

Edathy weist in einer Erklärung den Verdacht auf Besitz von Kinderpornografie zurück.

Mittwoch, 12. Februar

Edathy erhebt Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft Hannover. Die Razzien in seinen Wohnungen und Büros seien unverhältnismäßig und widersprächen rechtsstaatlichen Grundsätzen. Ermittler durchsuchen ein weiteres Büro Edathys in Rehburg.

Donnerstag, 13. Februar

Überraschend rückt die SPD-Spitze mit der Information heraus, bereits seit Oktober über mögliche Ermittlungen gegen Edathy im Bilde zu sein. Die Durchstecherei aus dem Bundesinnenministerium stößt bei den Ermittlern in Hannover auf heftige Kritik. „Das grenzt an Strafvereitelung“, sagt ein Vertreter der Ermittlungsbehörden. Bei den Durchsuchungen stellte die Polizei laut übereinstimmenden Medienberichten nur einen intakten Computer und Reste zerstörter Festplatten sicher.

Freitag, 14. Februar

Die Staatsanwaltschaft äußert sich erstmals zu den Vorwürfen. Es gehe um einen Grenzbereich zur Kinderpornografie. Fröhlich zeigt sich „fassungslos“, dass die SPD-Spitze schon seit Oktober Bescheid wusste. Bundesagrarminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erklärt zunächst, er wolle im Amt bleiben und erst dann zurücktreten, wenn Ermittlungen gegen ihn eingeleitet werden. Am Nachmittag tritt er dann doch zurück.

Kommentare (9)

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17.03.2014, 12:19 Uhr

vor 300 jahren gab es noch keine fotografie, also mußte gemalt werden. für ein aktbild eines kindes mußte auch damals ein solches posieren. und was der käufer des bildes zuhause damit machte, wissen wir nicht. genauso geht es uns nichts an, was herr edathy mit den gekauften legalen fotos machte.

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17.03.2014, 12:27 Uhr

Das grenzt ja wirklich an Verleumdung (von wegen "einen runterholen"). Hysterischer Populismus auf Kosten von (bis auf Weiteres) Unschuldigen: Wenn die Berliner Meute noch normal im Dachstübchen wäre, müsse Streiter dafür fristlos gefeuert werden.

Ad Beifall von Herrn Hunzinger: Das war doch der Berufslobbyist, Scharping- und Özdemir-Affäre schon vergessen? Darüber hinaus noch wegen Falschaussage rechtskräftig verurteilt, wenn ich nicht irre. Schöne Freunde hat unsere Regierung da.

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17.03.2014, 13:49 Uhr

Na prima, zum Glück gibt es auch noch realistische Meinungen wie man hier sieht und nicht das bewusste hysterische Gekeife von allen Gestalten, die mal wieder Öffentlichkeitswirksam auftreten müssen.
Es reicht doch allmählich, dass man diese arme Sau schon längst zur Sau gemacht hat. Typisch Deutsch - immer noch mal auf die Leute eintreten, wo man sicher sein kann, dass er sich nicht mehr wehren kann.
Wer von diesen Lautsprechern regt sich genauso auf über Zwangsprostitution, Menschen - und Kinderhandel, Zwangsheirat und Verschleppung von Minderjährigen aus Deutschland in die Türkei und Albanien ? Niemand - man kann ja damit keine Punkte sammeln und in die Medien kommen. Wichtig ist es zu zeigen, wie angeblich hochmoralisch man ist und den Finger belehrend heben kann. Dies sind die wahren Scheinheiligen und es sollte mich nicht wundern, was man alles bei einigen von denen finden würde, wenn man mal näher hinschaut.

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