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04.08.2011

15:51 Uhr

„Wie nach dem Lehman-Zusammenbruch“

Außenhandelsverband warnt vor Euro-Katastrophe

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie neue Zuspitzung der Euro-Schuldenkrise hat die Politik wieder auf den Plan gerufen. Und wieder läuft alles durcheinander, kritisiert Außenhandelspräsident Börner. Das könnte in der Katastrophe enden.

Außenhandelspräsident Anton F. Börner. Quelle: PR

Außenhandelspräsident Anton F. Börner.

Handelsblatt Online: Herr Börner, wie belastend ist es für Unternehmen, dass sich die Euro-Krise durch die sich abzeichnende Konjunkturschwäche und die Marktturbulenzen wieder verschärft hat?

Anton F. Börner: Es wäre eine Katastrophe, wenn die Euro-Krise außer Kontrolle gerät und auf die Realwirtschaft durchschlägt. Das wäre dann wie nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank.

Haben Sie den Eindruck, die Politik hat die Lage im Griff?

Die Politik agiert sehr schwach. Ich sehe niemanden, der genügend Finanzmarkt-Expertise hat, um mit der Krise richtig umzugehen. Ich habe deshalb die diffuse Angst, das ganze könnte sich negativ entwickeln. Daran kann eigentlich niemand ein Interesse haben.

Aber: Wir sind in dieser Frage der Politik ausgeliefert.

Was läuft konkret schief?

Es läuft alles durcheinander. Den Finanzmärkten wird nicht vernünftig mitgeteilt, mit welchen politischen Maßnahmen die Schuldenprobleme der einzelnen Länder angegangen werden sollen. Es fehlt ein sauberes Konzept und das Signal, dass wirklich alle an einem Strang ziehen.

Ein weiters Problemfeld für die Weltkonjunktur ist die US-Schuldenkrise, die auch mit der Anhebung der Schuldengrenze nicht beendet ist. Die USA haben ein massives Ausgaben- und Schuldenproblem. Der jetzt geplante Sparkurs droht zudem die ohnehin schwächelnde Konjunktur komplett abzuwürgen. Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

Wir beobachten die Entwicklung mit großer Sorge. Wenn es zu einer Rezession in den USA kommt, dann würde uns das empfindlich treffen.

Wir merken jetzt schon, dass sich die Nachfrage abschwächt. Die Wachstumsraten im Export sind zwar mit 19 Prozent im Jahr 2010 weit abgehoben. Aber wenn sie auf unter sieben Prozent zurückgehen würden, dann wäre das ein Rückschlag.

Was erwarten Sie von der US-Regierung?

Ich glaube, dass die amerikanische Notenbank der Regierung unter die Arme greifen wird. Sie wird ihre Politik des billigen Geldes mit niedrigen Zinsen fortsetzen.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Kommentare (11)

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Kackbolzen

04.08.2011, 16:02 Uhr

Aber natürlich kommt die Katastrophe. Das sagen ja die Euro-Skeptiker seit mehr als 10 Jahren. Da müssen die verantwortlichen Politiker aber besonders arrogant und ignorant sein, dass sie sich immer noch den Luxus erlauben, im Wolkenkuckucksheim sitzen zu bleiben.
Leider helfen die größten Teile der deutschen Medien mit, den deutschen Michel im Unklaren zu lassen. Denn dessen Ersparnisse sind schon weg. Der ergomane Helmut Schmidt meint, die Banken und Hedge-Fonds hätten die Staaten in die "Scheiße geritten" - er verkennt, dass es seine Politik war, die die in Deutschland ausufernde Staatsverschuldung begonnen hat. Er trägt Schuld! Und die anderen Politiker, die sich dieser Droge Verschuldung nicht entgegenstemmen konnten; aus Selbstüberschätzung, Dummheit und Egoismus. Was sind schon 4 Jahre gegen das Schicksal der gesamten Bevölkerung. Hauptsache, deren Diäten stimmen und die Rente nach kurzer Zeit. Widerlich!

Account gelöscht!

04.08.2011, 16:49 Uhr

Der Euro selbst ist die Katastrophe! Man muss sich bei aller Diskussion immer wieder vor Augen führen: ohne diese Gemeinschaftshaftungswährung hätten wir in Europa keine Krise! Wir müssen endlich aussteigen - alle! Wir erdrosseln trotz Rettungsschirmgeldern die schwachen Volkswirtschaften des Südens. Sie deindustrialisieren und werden Dauerhilfsempfänger der Geberländer, die durch diesen Aderlass ebenfalls an Kraft verlieren. Das geht so nicht! Die Krisenländer müssen endlich wieder die Möglichkeit haben, sich durch Abwertung zumindest teilzuentschulden - im anderen Fall hat Europa die längeste Zeit friedlich zusammen gelebt.

heinrich

04.08.2011, 17:08 Uhr

Wir sollten schon mal darüber nachdenken, wie die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können.

Ist Assad in Syrien eigentlich schlimmer als unsere EU-Politiker ?

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