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17.11.2012

18:46 Uhr

Wiederwahl Claudia Roths

Die Rückkehr der Grünen Rampensau

VonBarbara Gillmann

Nur Tage nach der „Klatsche“ bei der Grünen-Urwahl feierte Claudia Roth dank ihrer Wiederwahl als Parteivorsitzende ein umjubeltes Comeback. Der Rückhalt war überwältigend – und ihr ganzer Auftritt ein Triumphzug.

Wieder angriffslustig: Claudia Roth. dpa

Wieder angriffslustig: Claudia Roth.

HannoverBis Freitagnacht trug Claudia Roth Trauer. Schon am Montag, als sie mit tränenerstickter bebender Stimme ihre erneute Kandidatur ankündigte, war Claudia Roth ganz in schwarz gewandet. Sie nannte es „Klatsche“, doch es war eine maximale Demütigung, die ihr die Basis zugefügt hatte: Bei der Wahl der Spitzenkandidaten war „die Claudia“ mit blamablen 26 Prozent abgeschlagen auf dem vierten Platz gelandet, weit hinter Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast.

„Ich hätte mich zurückgezogen, bei einem solchen Ergebnis“, sagt eine einflussreiche Reala kopfschüttelnd noch am Vormittag. Doch die oberste Parteisoldatin, die „Seele der Partei“,  nimmt den Kampf auf. Weil es nämlich „um viel mehr geht als um mich“, sagt sie trotzig und meint das ernst. So kann man es auch drehen.

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Noch am Freitag, dem ersten Tag des Parteitages in Hannover, trägt sie noch schwarz vom Hals bis zu den Füßen, die sonst so bunte Grünen-Chefin hatte förmlich Asche über sich gestreut. Doch am Samstagmorgen ist die Scham vorbei. Den Tag der Entscheidung, den Tag der Versöhnung mit der Partei, die sie mit kurzer Unterbrechung seit 2001 führt,  begeht Claudia Roth hoffnungsfroh in silbergrau und dezentem lilablassgrün.

Nach stundenlanger erbitterter Debatte über den Sozialpolitischen Kurs der Partei ist es am Nachmittag dann kurz vor drei Uhr endlich soweit: Claudia betritt die Bühne mit angriffslustig gerecktem Kinn. Die Demut ist vergessen, zum Vorschein kommt die grüne Rampensau, so fulminant wie in ihren besten Zeiten. „Die Trauerzeit ist vorbei“, ruft die bayerische Schwäbin den 800 Delegierten entgegen und wirft den weißblonden Schopf nach hinten.

Sie nimmt den Spott auf, der sich über sie ergossen hat, ihren Ruf als Kummertante der Partei: Sie zitiert den Witz,  den von den beiden grünen Skatspielern, die einen dritten Spieler brauchen und Claudia anrufen – weil die immer verfügbar ist. „Ja ruft an“, ruft die Claudia in Hannover, „wenn ich kann, komme ich gern.“ „Mensch ärger dich nicht“ könne sie aber noch besser.

Der Applaus ist überwältigend, Claudia Roth strahlt als liege „die Klatsche“ schon Jahre hinter ihr. Sie schwört, sie wettert, sie brüllt. Für Mulitkulti, gegen die panzerverkaufende Kanzlerin, den dampfplaudernden Umweltminister, die Antifrauenministerin Schröder. Und fleht: „Ihr müsst beantworten, ob das Vertrauen noch da ist, und zwar ehrlich!“ Ändern mag sie sich nicht, „geklonte Identität mag ich nicht, verhärten lass ich mich erst recht nicht.“

Roth verspricht, dass sie sich „voll reinhängt.“ „Kämpfen kann ich – und das Nerven gewöhn ich mir auch nicht mehr ab.“ Soviel Leidenschaft und Vehemenz lassen die Grünen nicht unbelohnt: 88einhalb Prozent der Delegierten nehmen „die Claudia“ in Gnaden wieder auf. Der Jubel will kaum enden. Und dann umarmt sie als erster ausgerechnet der Super-Oberrealo Winfried Kretschmann vom ideologisch anderen Ende der Partei.

Es ist die Sehnsucht der  Grünen nach Versöhnung, sie haben nach den Monaten des Personal-Hickhacks genug von der innerparteilichen Konkurrenz, sie wollen wieder die grüne Wärmestube. Und die vermittelt nach wie vor am besten „die Claudia“.

Nachtrag: Nein, sie hat nicht geweint. Und ja, Cem Özdemir ist ebenfalls wiedergewählt. Mit 84 Prozent. Aber das hat dann eigentlich kaum noch einen interessiert.

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