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27.10.2014

12:01 Uhr

Wohnen und Miete

„Die wollen die Zitrone ausquetschen“

VonJörg Hackhausen, Maike Freund

Wohnen soll bezahlbar sein. Aber was heißt überhaupt bezahlbar? Gibt es das Recht auf eine Wohnung in der City? Und wie sinnvoll ist die Deckelung der Mieten? Im Streitgespräch lassen wir Experten gegeneinander antreten.

Schlagabtausch: Lukas Siebenkotten (links) gegen Michael Voigtländer. Julia Vogel und Rudolf Wichert für Handelsblatt

Schlagabtausch: Lukas Siebenkotten (links) gegen Michael Voigtländer.

Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes und Michael Voigtländer, Leiter des Fachbereichs Immobilienökonomik, am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sind friedliebende Menschen. Doch in der Handelsblatt-Redaktion bleibt ihnen nichts anders übrig als zu streiten. Klar, beim Thema Mietpreisbremse – zu unterschiedlich sind ihre Meinungen über den Eingriff des Staates und seine Auswirkung. Und dann sind sie sich doch plötzlich einig.

Die Mietpreisbremse kommt. Wer ist Gewinner, wer Verlierer?
Siebenkotten: Die Mieter sind die Gewinner. Die Mietpreisbremse verhindert, dass ein Eigentümer bei der Wiedervermietung einfach 30 oder 40 Prozent draufschlägt.

Voigtländer: Es gibt keine Gewinner – wir sind alle Verlierer. Die Vermieter, weil sie an Freiheit verlieren, zum Beispiel bei der Vertragsgestaltung. Vor allem aber wird sich die Mietpreisbremse gegen die Mieter wenden.

Warum das?
Voigtländer: Die Mietpreisbremse wirkt wie ein Mietstopp. Viele werden sich überlegen, ob es sich noch lohnt, zu vermieten. Und es gibt jetzt schon zu wenige Wohnungen. Die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen werden länger und länger werden.

Siebenkotten: Das ist falsch! Um eins klar zu stellen: Durch die Mietpreisbremse werden nicht mehr oder weniger Wohnungen gebaut. Es geht allein darum, den Anstieg der Mieten auf engen Wohnungsmärkten zu dämpfen. Die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen werden bei einer gleichbleibenden Zahl von Wohnungen bestimmt nicht länger, nur weil die Miete nicht so rasant angehoben werden darf wie bisher.

Voigtländer: Wenn die Mieten gedeckelt sind, suggeriert dies ein günstiges Preisniveau, was die Nachfrage weiter vom Land in die Stadt treibt – daher noch längere Schlagen bei Wohnungsbesichtigungen.

Städte mit den höchsten Wohnkosten

Platz 10

Berlin
Wohnkosten (Anteil Kaltmiete am Nettoeinkommen): 20,7 Prozent

Platz 9

Jena
Wohnkosten: 21 Prozent

Platz 8

Hamburg
Wohnkosten: 21,3 Prozent

Platz 7

Trier
Wohnkosten: 21,4 Prozent

Platz 6

Würzburg
Wohnkosten: 21,9 Prozent

Platz 5

Frankfurt am Main
Wohnkosten: 22,1 Prozent

Platz 4

Regensburg
Wohnkosten: 22,5 Prozent

Platz 3

Heidelberg
Wohnkosten: 23 Prozent

Platz 2

München
Wohnkosten: 25,8 Prozent

Platz 1

Freiburg im Breisgau
Wohnkosten: 29,4 Prozent

Quelle

Verhältnis von Nettoeinkommen pro Haushalt und Miete ohne Nebenkosten; Immobilienscout24, Stand Oktober 2014.

Die Mieten für Neubauten sind ausdrücklich ausgenommen ...
Siebenkotten: Das gefällt uns in der jetzigen Form nicht. Im ursprünglichen Referentenentwurf stand, dass Neubauten nur bei der Erstvermietung ausgenommen sind, dann aber, wenn hier ein zweiter oder dritter Mietvertrag abgeschlossen wird, die Mietpreisbremse greifen soll, ohne dass dann die Miete sinken müsste. Das wurde nun rausgenommen - bei Neubauten gibt es also gar keine Begrenzung mehr.

Voigtländer: Richtig so. Ein Investor bezieht Mietsteigerungen von vornherein in seine Kalkulation ein. Fallen diese weg, wird er entweder von Beginn an eine höhere Miete ansetzen oder gar nicht erst bauen. Wir brauchen monetäre Anreize, damit etwas getan wird – so funktioniert die Marktwirtschaft.

Herr Siebenkotten, was haben Sie gegen Marktwirtschaft?
Siebenkotten: Nichts, wir leben gern in und mit ihr, sie bedarf allerdings einiger Spielregeln. Ich betone noch mal: Es geht nur darum, die Extreme zu verhindern, wo bei der Wiedervermietung um 30, 40 Prozent erhöht wird. Von der Mietpreisbremse sind zum Beispiel auch die großen Gesellschaften betroffen, hinter denen Finanzinvestoren stehen. Und die haben sowieso kein Interesse daran, neue Wohnungen zu bauen. Die wollen nur die Zitrone noch weiter ausquetschen.

Voigtländer: Es trifft sehr wohl auch die kleinen Vermieter. Niemand vermietet seine Wohnung nur aus Nettigkeit. Er will daran verdienen. Wenn sich das nicht mehr lohnt, werden Eigentümer entweder ihre Wohnungen verkaufen, etwa an Selbstnutzer, denen es nicht auf die Mieteinnahmen ankommt. Oder sie werden versuchen, die entgangenen Einnahmen auf anderem Weg reinzuholen; zum Beispiel über völlig überhöhte Abschlagszahlungen für Küchen, Einbaumöbel oder Parkplätze.

Siebenkotten: Es mag sein, dass manche Vermieter das so machen. Aber das Gros der deutschen Vermieter wird sich gesetzeskonform verhalten. Diese Dinge sind klar im Gesetz geregelt. Daran wird sich auch nichts ändern.

Voigtländer: Wenn die Miete nicht mehr so stark bei der Neuvermietung erhöht werden darf, dann wird sie künftig eben jedes Jahr in kleinen Schritten angehoben.

Kommentare (21)

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Carl Icahn Jr.

27.10.2014, 12:12 Uhr

Also mal ehrlich. Wer in diesen Zeiten von niedrigen Hypothekendarlehen/Niedrigzinsphasen (wenn man den Kauf nicht aus dem EK stemmt oder aus steuerlichen Gesichtspunkten) und Geldanlage-Notstand noch immer zur Miete wohnt, der wird es im Leben eh zu nix mehr bringen. Und damit meine ich nicht die Immobilie zur Vermietung als Geldanlage. Da ist Hopfen und Malz schon verloren.

Ps: Hier in meiner Home-Zone gibt es unter 8.500 bis 10.000 € qm nichts interessantes mehr.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr stefan freudensprung

27.10.2014, 13:20 Uhr

IN MÜNCHEN SIND DIE KALTMIETEN GAR NICHT BESONDERS GESTIEGEN (AUSG. LUXUS-WOHNUNGEN). IN MÜNCHEN HABEN DIE STADTWERKE SWM (AUFSICHSRAT OB UDE VON DER SPD) DIE ZUSATZKOSTEN WIE IHRE EIGENE FERNHEIZUNG KRÄFTIG ERHÖHT, da steigt natürlich die gesamtmiete! und die vermieter können dadurch nicht erhöhen, eine perverse situation in münchen!

Herr Fritz Yoski

27.10.2014, 13:45 Uhr

Irgendwann ist das Reservior von "greater fools" erschoepft, dann platzt die Blase. War hier in Miami auch nicht anders. Da fielen die Preise, je nach Lage, zwischen 50% - 90%.

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