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18.09.2012

10:48 Uhr

Wolfgang Schäuble wird 70

Blumen für den ersten Diener

VonMichael Inacker

Wolfgang Schäuble wird von seiner Partei mehr respektiert als geliebt. Gelitten hat der heute 70-Jährige unter Helmut Kohl, aber auch unter Angela Merkel. Doch in der Euro-Krise hat der Minister seine Rolle gefunden.

Seit 1972 sind Wolfgang Schäuble für die CDU im Bundestag. Reuters

Seit 1972 sind Wolfgang Schäuble für die CDU im Bundestag.

BerlinErst nachdem der Film zu Ende war und die Saalbeleuchtung anging, wurde den Zuschauern im Kino am Alexander Platz in Berlin klar, wer die späten Besucher waren. Der Mann im Rollstuhl war Finanzminister Wolfgang Schäuble, die Frau neben ihm die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Beide zusammen hatten sich den Film „Ziemlich beste Freunde“ angeschaut.

Als Erster angesprochen wurde Schäuble. Ein Besucher dankte ihm für seinen Einsatz in der Euro-Krise. Schäuble zeigte, so schildert er den Vorgang später selbst, etwas verlegen zur Seite auf die Kanzlerin. Eine Geste, die aussagte: Nicht ich bin die entscheidende Person, die da neben mir ist es, die Kanzlerin. Selbst in solchen Situationen zeigt Schäuble sein Selbstverständnis. Dienen bis zur Selbstverleugnung - so könnte man einen Teil des Lebens von Schäuble beschreiben, der am Dienstag seinen 70. Geburtstag feiert.

Was Sie noch nicht über Wolfgang Schäuble wussten

Rolle des Vaters

Thomas Schäuble beschreibt den Vater als gütigen, weichen Menschen. Nicht mit Druck, sondern mit Argumenten hat der Vater den Söhnen die CDU nahe gebracht. Besonders Sohn Wolfgang sprang darauf an: Schon mit zehn, zwölf Jahren begleitete er den Vater auf seine Veranstaltungen als Landtagsabgeordneter.

Rolle der Mutter

Seine Mutter war stets eine sehr gewissenhafte Frau. So soll sie einmal keine 20 Pfennig für eine Parkuhr gehabt haben und deshalb am nächsten Tag hingefahren sein, um nachzuzahlen.

Kriegstage

Für Wolfgang Schäuble wäre der Krieg fast tödlich ausgegangen. Die alliierten Flieger warfen Brandbomben ab und trafen durch Zufall das Haus, in dem sich die Familie Schäuble versteckte. Das Haus ging in Flammen auf, die Familie flüchtete – alle, bis auf Wolfgang Schäuble. Gerettet wurde der damals Zweieinhalbjährige von seinem Bruder Frieder, der ihn unter brennenden Decken fand – grün und blau angelaufen wegen Atemnot.

Schüler

Thomas Schäuble beschreibt seinen Bruder als „mathematisches Genie“. Wolfgang hatte in der Schule von der Sexta bis zur Oberprima – entspräche heute der fünften bis 13. Klasse – eine Eins in Mathe. Er dachte sogar an ein Mathematikstudium, entschied sich aber dann doch für Jura.

Jura-Studium

Zu Jura kam Wolfgang Schäuble dann wieder durch seinen Vater. Für den wäre eine solches Studium ein Lebenstraum gewesen. Durch juristische Diskussionen hat er diesen Lebenswunsch dann auf seine Kinder übertragen – alle drei studierten später Jura.

Rolle in der Familie

Wenn Gertrud Schäuble in der Kur war, nahm Wolfgang die Rolle der Hausfrau und strengen Mutter ein: Er konnte kochen wie eine erstklassige Hausfrau, besonders Linsen und Spätzle.

Ehrgeiz

Unter den Brüdern zeigte Wolfgang Schäuble den größten Ehrgeiz. Er habe stets der Beste sein wollen, berichtet Thomas Schäuble. Anderen zuzusehen und zuzuhören, die nicht so gut waren, sei seinem Bruder stets schwer gefallen.

Führungsstärke

Schon beim Doppel mit seinem Bruder wollte Wolfgang Schäuble stets die Führungsrolle übernehmen – obwohl Thomas der bessere Spieler war. Auf dem Platz haben sie sich ständig angemacht: „Was macht du denn jetzt schon wieder?“ Danach vermieden die Brüder, miteinander Doppel zu spielen.

Folgen des Attentats

Thomas Schäuble bezeichnet seinen Bruder seit dem Attentat „zugänglicher“ als früher. Das liege daran, dass er sich unheimlich darüber gefreut habe, dass seine große Familie zu ihm stand, als er das Leben im Rollstuhl lernen musste. Andere wiederum sagen, er sei härter geworden.

Verhältnis zur Politik

Wolfgang Schäuble ist fasziniert von der Politik. Sein Bruder bezeichnet ihn gar als „politikbesessen“.

Verhältnis zu IWF-Chefin Christine Lagarde

In seinem politischen Wirken schätzt Wolfgang Schäuble besonders IWF-Chefin Christine Lagarde. Vor ihr sei er unglaublich beeindruckt, sagt sein Bruder. Zudem sei sie die einzige Frau, die ihn im Rollstuhl schieben darf – außer seiner Ehefrau.

Verhältnis zu Helmut Kohl

Bekannt ist, dass Wolfgang Schäuble ein loyaler Begleiter Helmut Kohls war – bis zur Spendenaffäre. Doch schon davor hat der heutige Finanzminister dem damaligen Kanzler die Meinung gesagt. Als 1998 klar wurde, dass es für Kohl nicht zu einer fünften Amtszeit reichen würde, war es Schäuble, der zu ihm sagte: „Helmut, du schaffst es nicht mehr.“ Diese Offenheit hat Kohl ihm allerdings übel genommen.

Kapitalismuskritik

Der Finanzminister hat seine Sicht auf den Kapitalismus verändert. „Je älter ich werde, und je mehr ich als Finanzminister sehe, desto größer wird meine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus“, hat Wolfgang Schäuble einmal zu seinem Bruder gesagt. Er sehe den Kapitalismus wesentlich skeptischer als früher.

Sein Politikerleben hat ihn gezeichnet - mit den körperlichen Narben als Folge des Attentats am 12. Oktober 1990 auf ihn und mit den seelischen Narben, die man nicht sieht, die man aber erahnt, wenn er sich verschlossen und manchmal auch verbissen, wenig Widerspruch duldend, in Debatten einmischt. Die größten Narben haben ihm Helmut Kohl und Angela Merkel zugefügt: Der Altkanzler machte Schäuble zum ewigen „Kronprinzen“ in Partei und Staat - und ließ ihn nicht die Nummer eins werden.

Als Schäuble schließlich doch 1998 CDU-Vorsitzender wurde, stoppte ihn die CDU-Parteispendenaffäre. Letztlich konnte man ihm zwar keine konkrete Verfehlung - wie das Wissen um eine Bargeldspende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber - nachweisen, doch war seine Loyalität zu Kohl und auch seiner Partei so groß, dass er die Beschädigung seiner Person in Kauf nahm. So wundert es nicht, dass Sisyphos, jener Held der griechischen Mythologie, der im permanent-vergeblichen Hochrollen eines Felsens auf einen Berg seinen Lebensinhalt sieht, eine seiner Lieblingsfiguren ist.

Kommentare (48)

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Ondoron

18.09.2012, 11:08 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

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Account gelöscht!

18.09.2012, 11:12 Uhr

Wurde Herr Schäuble nicht angeklagt bezüglich der CDU-Parteispendenaffäre?
Alles vergeben und vergessen?

Ehrenmann

18.09.2012, 11:18 Uhr

Schäuble ist ein Finanzminister in einem Land, in dem
Ehre, Anstand absolut nichts mehr gelten oder wie ist
es sonst möglich, dass ein Politiker, der bewiesen hat,
dass er zumindest an kriminellen Machenschaften beteiligt
war, doch auch zu einer "kleinen Geldstrafe" verurteilt wurde, die Schwarzgeldkonten wohl kannte und nutzte, nun
Finanzminister ist.

Kommt mir vor, als ob man einen Bankräuber zum Chef des
Sicherheitsdienstes einer Banke macht, denn der kennt ja
alle Tricks!

Armes Deutschland!

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