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20.09.2012

11:20 Uhr

Wolfram Weimer zur Islam-Debatte

„Das Klima der Angst zeigt Wirkung"

Wie weit soll die Kritik am Islam gehen, was ist der Satire erlaubt? Alles, argumentiert Publizist Wolfram Weimer. Der Staat müsse sich raushalten und dem Trend zur Selbstzensur begegnen.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Mit seinen Mohammed-Karikaturen löste das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im September 2012 weltweite Proteste unter Muslimen aus. Damals führte Handelsblatt Online dieses Interview über Satire und den Islam.

Herr Weimer, islamfeindliche Provokateure nutzen die Freiheiten der offenen Gesellschaft gezielt als Einfallstor, um Hass zu schüren. Soll der Staat sich dagegen wehren, oder muss er es ertragen?
Das Problem liegt weniger bei islamfeindlichen Provokateuren als bei Radikalislamisten, die jeden Anlass suchen, um gewalttätig zu werden, die ein Klima von Bedrohung und Angst verbreiten, ja nicht einmal davor zurückschrecken, andersdenkende Menschen umzubringen. Sie wollen die Regeln der freien Gesellschaften nach ihren Maßstäben neu definieren. Wir sollten uns daher gerade nicht in einen Kreislauf der Selbstzensur drängen lassen, sondern die Freiheit der Kunst, der Literatur, der Debatte und auch der Satire unbedingt verteidigen.

Wo liegen die Grenzen? Sollten die Behörden eine öffentliche Aufführung des Islam-Films verbieten – mit welchen Argumenten?
Diese Debatte ist lächerlich. Der Film wird in jeder Sekunde öffentlich aufgeführt, im Internet mit millionenfachen Downloads. Der Staat sollte gar nichts verbieten, was im Rahmen der Meinungs- und Kunstfreiheit geschieht. Alles andere wäre eine Anbiederung an religiösen Fundamentalismus.

Das Christentum ist in freien, aufgeklärten Gesellschaften zuhause. Der Islam in der Regel nicht. Ergeben sich daraus unterschiedliche Grenzen für Kritik und Satire?
Natürlich nicht. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wenn die Verhältnisse in islamistischen Regimen brutaler werden, wenn Bürgern grundlegende Menschenrechte aberkannt werden, wenn Studenten fürs Demonstrieren gefoltert und wenn Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt werden – dann ist doch die offene Kritik der freien Welt umso nötiger. Alleine die Tatsache, dass sich eine unsägliche Frauen-Apartheid in vielen islamischen Länder etabliert, dass Frauen massenhaft als Menschen zweiter Klasse unterdrückt werden, kann die Kritik nicht ruhen lassen. Denn häufig ist unsere Kritik die letzte Hoffnung der Unterdrückten.

Meinungsfreiheit kann jeder ausüben, Pressefreiheit nur derjenige, der über ein Medium verfügt. Gilt das in Zeiten von Youtube, Facebook und Blogs noch?
Die Grenzen verschwimmen, und das ist im Sinne der Freiheit sehr erfreulich. Wir haben bei den Revolutionen in arabischen Diktaturen ja beobachten können, wie das Internet zum Sturz der Regime beigetragen hat.

Satire darf sich mit dem Islam auseinandersetzen. Sollte sie es in der aktuell aufgeheizten Situation auch, muss sie es erst recht?
Leider zeigt das Klima der Angst, das Islamisten verbreiten, bereits Wirkung. Es gibt unter Karikaturisten, Satirikern und Journalisten seit den Mohammed-Zeichnungen aus Dänemark einen Trend zur Selbstzensur. Die Fundamentalisten haben damit bereits einen Etappensieg errungen. Leider ist diese Entwicklung aber auch in der Gesellschaft insgesamt zu beobachten. Nikolausfeiern in Kindergärten werden abgesagt, Fußballvereine wie Real Madrid entfernen ihre Symbole mit christlichen Bezügen, Stewardessen werden gehalten ihre Kreuze von den Halsketten abzulegen, islamkritische Kunstwerke oder Theaterstücke werden kaum mehr gezeigt. Ich halte das für eher für ein Indiz von Feigheit als für Klugheit.

Was treibt die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und die deutsche Titanic an: Lust an der Provokation – oder das Geschäft?
Wahrscheinlich beides.

Sie wollen demnächst das traditionsreiche Satire-Magazin Pardon wiederbeleben. Wenn das Heft am Montag an den Kiosk ginge – was wäre auf dem Titelbild zu sehen?
Die Freiheits-Umfaller im Westen böten Anlass für manch bissigen Scherz.

Herr Weimer, danke für das Gespräch.

Kommentare (55)

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WehrtEUCH

20.09.2012, 11:41 Uhr

Bravo Herr Weimer, meine volle Zustimmung, wehret den Anfängen, bevor es zu spät ist!!!

Rene

20.09.2012, 11:47 Uhr

Die Gewalt der Muslime zeigt, dass das Grundrecht der Meinung eingeschränkt wird. Für mich in einem säkularem Staat unbegreiflich. Man muß nur Gewalt anwenden, dann kann man seine religiöse Ideologie durchsetzen. Eine gefährliche Tendenz in Deutschland.

bilderberger

20.09.2012, 11:52 Uhr

§ 166 StGB
Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

...

Wir haben hier unsere Spielregeln und danach hat sich jeder zu richten.

Der Film ist dazu gemacht worden, Hass zu schüren. Er will nicht informieren oder eine Meinung verbreiten. Er will gewaltsame Reaktionen auslösen, um so diese Gewalt als Bestätigung der eigenen Meinung zu generieren.

Wir leben in einem Land, in dem Religions- und Glaubensfreiheit im Grundgesetz verankert ist. Religionen sind bei uns noch einmal besonders vor Beleidigungen und Verunglimpfungen geschützt. Wenn gerichtlich erkannt wird, dass der Schmähfilm unserem Recht widerspricht, ist die Verbreitung unter Strafe zu stellen.

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