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20.07.2016

17:36 Uhr

Würzburg-Attentat

Die neue Dimension von Terror

VonDietmar Neuerer

Nicht vernetzt, unauffällig, radikalisiert: Einzeltäter wie der 17-Jährige in Würzburg hinterlassen eine Spur des Schreckens. Dagegen gibt es kaum präventive Mittel. Doch die Politik will dem Phänomen Herr werden.

Thomas de Maizière: Der Fall liege möglicherweise „im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“. dpa

Innenminister de Maiziere.

Thomas de Maizière: Der Fall liege möglicherweise „im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“.

BerlinParis, Brüssel, Istanbul, Nizza. Und jetzt in einem Regionalzug bei Würzburg. Jenseits von Großstädten und Menschenansammlungen, irgendwo in der unterfränkischen Provinz, geht ein 17-jähriger Flüchtling mit einer Axt und einem Messer auf Fahrgäste los. In einem Video bezeichnet sich der Jugendliche als Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Deutsche Sicherheitsexperten sind nach der Würzburger Attacke alarmiert. „Was wir jetzt in Würzburg erlebt haben, ist für Deutschland eine völlig neue Dimension“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamten (BDK), Ulf Küch, dem Handelsblatt. Gegen solche Einzeltäter, wo ein Jugendlicher afghanischer Herkunft in einem Regionalzug am Montagabend mehrere Menschen mit einer Axt und einem Messer schwer verletzt hat, seien die Sicherheitsbehörden „relativ machtlos“. „Wir können nicht in die Köpfe solcher Leute hineinschauen.“

Die neue Qualität des Terrorismus ist es, die den Sicherheitsbehörden Sorgen bereitet. Nicht vernetzte, unauffällige Täter, die sich extrem schnell radikalisieren und mit alltäglichen Gegenständen an unverdächtigen Orten eine Spur des Schreckens hinterlassen. Dagegen gibt es kaum präventive Mittel.

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland

DEFINITION

Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) zählt, wer ohne Erziehungsberechtigte nach Deutschland einreist oder hier allein aufgegriffen wird. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Entweder verloren sich die Familien auf der Flucht aus den Augen, die Eltern sind tot oder die Minderjährigen wurden von ihren Verwandten bewusst allein auf die Reise geschickt.

WIE STELLT SICH DIE ZAHLENLAGE DAR?

Nach Angaben des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Bumf) summierte sich die Zahl der UMF in Deutschland Ende Januar auf mehr als 60.000. Die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Eritrea und Somalia. Etwa 14.400 UMF stellten dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zufolge im vergangenen Jahr einen Asylantrag, die meisten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt (71,3 Prozent).

IN BAYERN

In Bayern hielten sich nach Angaben des Deutschen Landkreistags Ende März diesen Jahres mehr als 15.000 sogenannte UMF auf. Etwa die Hälfte davon stammte demnach aus Afghanistan.

WIE WERDEN DIE JUNGEN FLÜCHTLINGEN AUFGENOMMEN?

Sobald unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen werden, nehmen die örtlich zuständigen Jugendämter sie vorläufig in Obhut, um akute Gefährdungen auszuschließen und das weitere Vorgehen zu klären. Untergebracht werden sie in dieser Zeit in der Regel in speziellen Erstaufnahmeeinrichtungen für Jugendliche, aber eventuell auch bei Verwandten. Die Stadt München, in der viele junge Flüchtlinge ankommen, betreibt seit dem Frühjahr das sogenannte Young Refugee Center als zentrale Erstaufnahme, in der die jungen Leute nach Angaben der Verwaltung ärztlich untersucht und pädagogisch betreut werden.

WIE GEHT ES DANN WEITER?

In den Erstaufnahmeeinrichtungen wird auch das Alter der Flüchtlinge überprüft. Anschließend werden die UMF seit einigen Monaten nach einem bundesweiten Schlüssel verteilt und den jeweils örtlich zuständigen Jugendämtern zugewiesen. Diese organisieren die weiteren Maßnahmen.

WEITERES VORGEHEN

Dazu gehört die Bestellung eines Vormunds, die Klärung des Aufenthaltsstatus und laut Bamf auch die "Ermittlung des Erziehungsbedarfs". In dieser Zeit leben die Flüchtlinge wahlweise in Jugendheimen oder -wohngruppen, bei Pflegefamilien oder bei Verwandten. Wie genau die Unterbringung organisiert wird, ist dabei von Kommune zu Kommune verschieden.

BELASTUNGEN FÜR DIE JUGENDLICHEN

Nach Einschätzung der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl leiden viele Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten und Jahren nach Deutschland kamen, psychisch unter den Folgen von Gewalterfahrungen oder dem Tod von Angehörigen. Auch die zum Teil sehr bedrohlichen Umstände während der Flucht verursachen demnach entsprechende psychische Belastungen.

DEFIZITÄRE STRUKTUREN

Generell seien die Strukturen zur psychischen Betreuung und Behandlung von Gewalt- oder Folteropfern in Deutschland dabei schon seit langem „sehr defizitär“, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, der Nachrichtenagentur AFP. „Die Wartelisten sind sehr lang, es herrscht Mangel.“

PRAXIS

Seit der Einführung des bundesweiten Verteilungssystems bildete sich nach Einschätzung von Pro Asyl bei der Organisation der Betreuung zudem ein Flickenteppich an Regelungen und Standards heraus. Neben Behörden vor allem in großen Metropolregionen, die seit Jahrzehnten mit dem Thema vertraut seien und viel Fachkenntnis aufgebaut hätten, seien nun auch Jugendämter dafür zuständig, die bislang über wenig Erfahrung verfügten. "Die Praxis in den Kommunen ist äußerst unterschiedlich", sagt Mesovic.

„Die deutschen Sicherheitsbehörden tun seit Jahren alles, um durch eine intensive Zusammenarbeit mögliche Anschlagspläne rechtzeitig zu erkennen“, sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, dem Handelsblatt. Aber gerade bei Einzeltätern, die sich erst vor ein paar Wochen oder gar Tagen radikalisiert hätten, sei es kaum möglich, zu entsprechenden Erkenntnissen zu kommen. „Wir müssen auch so ehrlich sein und feststellen, dass solche Anschläge, zudem noch von Jugendlichen, im Vorfeld schwer zu verhindern sind, obwohl meine Kolleginnen und Kollegen alles Erdenkliche tun.“

Die Machtlosigkeit zeigt sich auch in der Reaktion der Politik auf den Vorfall in Bayern. Obwohl die Hintergründe der Tat noch nicht vollständig aufgeklärt sind, werden bereits Forderungen nach weiteren Anti-Terror-Maßnahmen laut. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) sprach sich am Mittwoch für mehr Videoüberwachung, mehr Polizei, und besseren Schutz der Polizeibeamten aus.

Die Unions-Fraktion im Bundestag plädierte dafür, künftig die Werbung für terroristische Vereinigungen und insbesondere Sympathiebekundungen unter Strafe zu stellen. Das Internet werde immer mehr „zum geistigen Nährboden für islamistisches Gedankengut“, sagte der CSU-Innenexperte Stephan Mayer dem Handelsblatt. Die Union setze sich daher dafür ein, dass die Sympathiewerbung für eine terroristische Vereinigung wieder unter Strafe gestellt werde. „Wir sollten mit der gleichen Vehemenz, mit der gegen rechtsextremistischen Hasspostings im Internet vorgegangen wird, auch gegen solche islamistischen Inhalte vorgehen.“

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