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05.01.2012

04:21 Uhr

Wulff-Interview

„Bild“-Zeitung widerspricht Aussage von Wulff

Trotz seiner Kreditaffäre will Christian Wulff im Amt bleiben. Im Interview mit ARD und ZDF betonte er, er habe nicht versucht, die Berichterstattung zu verhindern. Die „Bild“-Zeitung sieht den Anrufdeutlich anders.

Bundespräsident Christian Wulff im Fernseh-Interview dpa

Bundespräsident Christian Wulff im Fernseh-Interview

BerlinNach dem Interview des Bundespräsidenten Christian Wulff hat die „Bild“-Zeitung mit Nachdruck seiner Aussage widersprochen, er habe mit seinem Anruf beim Chefredakteur Kai Diekmann eine Berichterstattung zu der Kredit-Affäre nicht verhindern wollen. „Das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen. Es war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu unterbinden“, sagte Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadt-Büros der Bild-Zeitung, am Mittwochabend im Deutschlandfunk nach Angaben des Senders.

Ob der Anruf als Drohung verstanden werden könne oder nicht, sei vielleicht eine Geschmacksfrage. „Aber klar war das Ziel dieses Anrufes, die Absicht und das Motiv, nämlich: diese Berichterstattung, diesen ersten Breaking-Bericht über die Finanzierung seines privaten Hauses zu unterbinden“, sagte Blome.

Wulff dagegen hatte zuvor in einem Interview von ARD und ZDF auf die Frage, ob es nicht für einen Bundespräsidenten tabu sein müsse, unliebsame Berichterstattung im Vorhinein verhindern zu wollen, gesagt: „Ich habe nicht versucht, sie zu verhindern. Ich habe darum gebeten, einen Tag abzuwarten (...).“

Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte Bundespräsident Christian Wulff in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Er übe sein Amt mit Freude aus und wisse, dass er nichts Unrechtes getan habe. Wulff räumte ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Diese Entschuldigung sei ja auch angenommen worden.

Er habe darum gebeten, in der Berichterstattung auch zu erwähnen, dass er selbst den Kreditvertrag und viele Details wie den Namen der Kreditgeberin offenbart habe. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne.

Im Interview wies er den Vorwurf zurück, er informiere die Öffentlichkeit per Salami-Taktik. Wullf kündigte an, dass die Antworten seiner Anwälte auf etwa 400 Anfragen von Journalisten heute im Detail im Internet veröffentlicht würden.

Erneut verteidigte Wulff sein Vorgehen mit seinem Anliegen, seine Familie zu schützen. Das gelte auch vor dem Hintergrund dessen, „was im Internet alles verbreitet wird über meine Frau“. Wulff sprach dabei von Fantasien. "Es gibt Menschenrechte - selbst für Bundespräsidenten", mahnte er.

Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte der Bundespräsident, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, sagte Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

"Ich habe das Amt des Bundespräsidenten gestärkt"

Video: "Ich habe das Amt des Bundespräsidenten gestärkt"

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Nach dem Interview von Wulff in ARD und ZDF forderten die Grünen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einer Stellungnahme auf. Merkel könne mit der Erklärung Wulffs nicht zufrieden sein, sagte Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke am Mittwoch in Berlin. „Wir erwarten, dass sie dazu Stellung nimmt.“ Der Auftritt zeige, dass Wulff die Vorwürfe gegen ihn im Kern nicht verstanden habe. „Ich hätte mehr Rückgrat erwartet und verstehe nicht, dass er sich in dieser Situation als Opfer widriger Umstände darzustellen versucht“, sagte Lemke. Eine Entschuldigung für sein grundsätzliches Fehlverhalten gegenüber den Medien habe gefehlt. Die zentralen Fragen um die Kredite für sein Haus seien weiter unbeantwortet. „Die verloren gegangene Glaubwürdigkeit und Autorität im Amt wird Christian Wulff auf diese Art und Weise nicht zurückgewinnen.“

Interview-Zusammenschnitt: "Ich habe nichts Unrechtes getan"

Video: Interview-Zusammenschnitt: "Ich habe nichts Unrechtes getan"

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Auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel zeigte sich unbeeindruckt von Wulffs Äußerungen und forderte die Kanzlerin auf, dessen Eignung für das höchste Staatsamt zu überprüfen. „Sie muss eine ehrliche Neubewertung der Fähigkeit von Herrn Wulff in diesem Amt vornehmen“, sagte Gabriel.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast hat die jüngste Stellungnahme von Bundespräsident Christian Wulff zu seiner Kredit-Affäre kritisiert. „Wulff hat nur über seine Gefühle geredet, aber keine der Fragen beantwortet, die das Land beschäftigen“, sagte Künast der Zeitung „Bild“ einem Vorabbericht zufolge. „Niemand weiß, wie oft und wofür sich dieser Präsident noch wird entschuldigen müssen.“ Und Gesine Lötzsch, Parteivorsitzende der Linken sagte nach dem Interview, Wulff habe „ein gestörtes Verhältnis zur Presse, zur Wahrheit und zum Geld“.

Der Fernsehauftritt von Bundespräsident Christian Wulff zu seiner Hauskredit- und Medien-Affäre ist in der schwarz-gelben Koalition mit Erleichterung aufgenommen worden. Er erhielt Zuspruch aus der CDU. „Ich bin sicher, dass Christian Wulff damit erfolgreich Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen wird“, erklärte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe am Mittwochabend in Berlin. „Es ist gut, dass Christian Wulff sich noch einmal geäußert hat. Es war richtig, dass er sich den kritischen Fragen gestellt und für weitere Aufklärung gesorgt hat.“ Die Ankündigung Wulffs, die Antworten auf die Journalistenanfragen an ihn für alle zugänglich im Internet zu veröffentlichen, sei „ein starkes Zeichen der Offenheit und Transparenz“, erklärte Gröhe. „Dies sollten auch seine Kritiker anerkennen.“

Auch der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring hat die Äußerungen des Bundespräsidenten begrüßt. „Es ist gut, dass Christian Wulff zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen heute öffentlich Stellung genommen und Fehler eingeräumt hat“, sagte Döring. „Das war ein wichtiger Schritt.“ Der FDP-Generalsekretär sieht keinen Grund, weiter Wulffs Amtsführung infrage zu stellen. „Die öffentliche Debatte muss nach den eindeutigen Worten jetzt beendet werden“, forderte Döring.
Nach den letzten Berichten über Wulffs Versuche, Medien und Journalisten einzuschüchtern, war die Luft für ihn immer dünner geworden. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ein Staatsoberhaupt eine derart verheerende Presse. Auch konservative Blätter legten am Dienstag noch einmal nach. Dazu kamen Hohn und Spott im Netz.

Irgendetwas musste geschehen - das wusste auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die dennoch erst einmal auf Tauchstation blieb und ihren Vize-Regierungssprecher Georg Streiter vorschickte. Der war seltsam unverbindlich. Die Kanzlerin habe weiter „volles Vertrauen“ in Wulff, sie schätze seine Arbeit außerordentlich. Nein, sie habe Wulff nicht ausdrücklich zu einer Stellungnahme aufgefordert. Nein, die Würde des Amtes sei trotz der Vorwürfe gewahrt. Aber es sei natürlich sinnvoll, wenn der Präsident in der Öffentlichkeit noch einmal Stellung dazu nähme, sagte Streiter kurz nach 12.00 Uhr.

Vier goldene Regeln im Umgang mit Affären

Rasch reagieren

„Man muss schnell reagieren, um handlungsfähig zu bleiben. Eine Salamitaktik, das scheibchenweise Einräumen von Fehlern, hat noch nie funktioniert", sagt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er forscht zu Medienskandalen und Medienethik.

Medienwandel begreifen

Der Professor sagt auch: „Die Salamitaktik funktioniert ganz besonders schlecht unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Kommunikation, denn bei einem möglichen, eventuell dann wieder fehlerhaften Teilgeständnis ist der Gegenbeweis blitzschnell sichtbar.“

Maximale Transparenz

Ein weiterer Tipp des Experten: „Man muss die Vorfälle schonungslos aufklären und dann mit einer möglichst ernsten, überzeugenden Geste um Verzeihung bitten.“

Image und Inhalt

Ebenfalls sei die Übereinstimmung von Institution und Inhalt laut dem Medienexperten Pörksen sehr wichtig: „Die Art und Weise des Skandalmanagements darf dem eigenen Image und vor allem dem Repräsentationskorsett des Amts, das man ausübt, nicht widersprechen."

Damit nun ja nicht der Eindruck entstehen konnte, der Bundespräsident folge den Weisungen der Kanzlerin, kündigte das Präsidialamt eine halbe Stunde vorher den Auftritt bei ARD und ZDF an. Abgesehen von Sommerinterviews oder Weihnachtsansprachen gibt es für einen solchen Krisen-Auftritt kaum Beispiele. Ex-Kanzler Helmut Kohl wandte sich im Dezember 1999 auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre an das ganz große Publikum: „Was nun, Herr Kohl?“, hieß es im ZDF.

Wulff verliert einer Umfrage zufolge in der Bevölkerung kontinuierlich an Zustimmung. Am Mittwoch sprachen sich laut ARD-Deutschlandtrend noch 47 Prozent der Deutschen für einen Verbleib des wegen eines Kreditgeschäfts und Droh-Anrufen bei Journalisten angeschlagenen Politikers im Amt aus. Am Montag waren es noch 63 Prozent.

Auch die Glaubwürdigkeit ging in der Einschätzung der Befragten deutlich von 36 Prozent am Montag auf 27 Prozent am Mittwoch zurück. Dass Wulff ehrlich ist, glaubten nur noch 22 Prozent der Deutschen. Eine Mehrheit ist der Ansicht, dass Wulff kein würdiger Bundespräsident mehr ist. Infratest dimap befragte am Montag, Dienstag und Mittwoch jeweils 500 Wahlberechtigte und damit vor der Ausstrahlung eines TV-Interviews mit Wulff.

Kommentare (143)

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Dummschule.Bundespraesidialamt

04.01.2012, 18:31 Uhr

Natürlich lehnt er ab.

Weil er befürchtet, dass man ihm auch die 200.000 Euro p.a. abnehmen könnte.

Der Mann hat einen merkwürdigen Charakter!

Es wird Zeit, dass er lamgsam zur Einsicht kommt. Seine Person ist auf dem Posten überflüssig und von vielen Deutschen unerwünscht!

Thomas-Melber-Stuttgart

04.01.2012, 18:34 Uhr

Sicher, niemand ist unvehlbar (außer vielleicht der Papst ...), aber irgendwann ist es eben ein Fehler zuviel. Wenn man überhaupt von Fehler sprechen kann, und nicht von Vorsatz.

Alfred_Neumann

04.01.2012, 18:37 Uhr

Tja, so kann man's auch sehen ... es macht effektiv keinen Spass mehr, wenn man sich nicht mehr von Freunden mit viel Geld die Luxusferien oder den Hauskauf finanzieren lassen kann. Wozu soll man denn dann überhaupt Bundespräsident sein ?

Ich schlage vor, die Internetseite des Bundespräsidenten um eine Wunschliste zu erweitern, wo er dann aufschreiben kann, was ihm denn als Freundschaftsdienst gerade so genehm wäre. Damit würde diese Schnorrerei etwas transparenter.

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