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30.07.2016

10:51 Uhr

YouGov-Umfrage

Deutsche lassen sich von Terror nicht verunsichern

Ein Großteil der Bürger in der Bundesrepublik hält eine erneute Terrorattacke für wahrscheinlich. Laut einer Umfrage stellen aber nur wenige ihr Verhalten um: Nur 14 Prozent haben Konzert- oder Volksfestbesuche abgesagt.

In der Ansbacher Innenstadt beging ein 27-jähriger Syrer einen Selbstmordanschlag und verletzte 15 Menschen. Ein Schild mahnt nahe des Tatorts, sich nun nicht von Hass leiten zu lassen. dpa

Gedchild in Ansbach

In der Ansbacher Innenstadt beging ein 27-jähriger Syrer einen Selbstmordanschlag und verletzte 15 Menschen. Ein Schild mahnt nahe des Tatorts, sich nun nicht von Hass leiten zu lassen.

BerlinDer Großteil der Deutschen hält einen islamistischen Terroranschlag in den kommenden Monaten hierzulande zwar für wahrscheinlich – verunsichern lassen sich die Menschen davon im Alltag aber nicht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Eine Terrorattacke mit Todesopfern in Deutschland halten 75 Prozent für ziemlich gewiss. Gleichwohl verzichteten nur 14 Prozent der Bundesbürger in den vergangenen drei Monaten aus Angst vor Terror auf eine Fahrt mit Bus und Bahn. Öffentliche Verkehrsmittel nutzten fast die Hälfte der Befragten weiter, ein Drittel fuhr ohnehin nicht damit.

Ein ähnliches Bild ergab sich für öffentliche Veranstaltungen oder Plätze. Ein vergleichsweise geringer Anteil von 14 Prozent der Befragten wollte aus Angst vor Terror nicht auf ein Konzert oder Volksfest gehen. Deutlich mehr als die Hälfte ließen die Befürchtungen kalt. Weitere 26 Prozent wollten in den vergangenen Monaten sowieso keine öffentliche Veranstaltung besuchen. Eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent der Deutschen hält sich auch weiterhin auf belebten Plätzen wie in Innenstädten auf.

Der Psychologe Michael Krämer ordnet die Reaktion der Deutschen so ein: „Es ist für mich naheliegend, dass im Moment keine deutliche Verhaltensänderung in der Bevölkerung zu erwarten ist.“ Der Terror müsse noch massiver kommen, bevor Menschen aus Furcht um Leib und Leben nicht mehr zur Arbeit gehen, sagte Krämer, der auch Präsident des Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist. „Das wäre genau das, was Terroristen wollen. Soweit sind wir zum Glück noch nicht.“

Merkels Neun-Punkte-Plan gegen Terror

FRÜHWARNSYSTEM

Dies soll verbessert werden, damit Behörden tätig werden können, sobald es in Asylverfahren oder Integrationsmaßnahmen Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung gibt.

PERSONAL

„Wo immer notwendig“, soll auch der Bund personelle Maßnahmen verstärken oder die technische Ausstattung verbessern.

INFORMATION

Die bereits beschlossene zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich zur Entschlüsselung der Internet-Kommunikation sollte schnellstmöglich aufgebaut werden.

BUNDESWEHR

Es ist laut Merkel „jetzt an der Zeit“ für Übungen für terroristische Großlagen, bei der unter Führung der Polizei auch die Bundeswehr eingebunden werden könne.

FORSCHUNG, PRÄVENTION

Alle bestehenden Forschungsvorhaben zum islamistischen Terror und zur Radikalisierung von Menschen müssten fortgesetzt und gegebenenfalls erweitert werden.

EUROPA

Auf europäischer Ebene sollten alle bestehenden Dateien schnellstmöglich vernetzt werden.

WAFFENRECHT

Das neue europäische Waffenrecht müsse schnellstmöglich verabschiedet werden. Auf nationaler Ebene werde rasch der Handel oder Kauf von Waffen online nicht mehr möglich sein.

NACHRICHTENDIENSTE

Die Kooperation mit befreundeten Diensten soll verstärkt und Aufklärung beschleunigt werden.

RÜCKFÜHRUNG

Die Anstrengungen zur Rückführung von Flüchtlingen in ihre Herkunftsländer müssten verstärkt werden.

Bewegen sich die Befragten in der Öffentlichkeit, hat fast die Hälfte ihr Umfeld fest im Blick. 45 Prozent beobachten ihre Mitmenschen aus Angst vor Terror intensiver als noch vor einigen Jahren. Für Krämer ist das wenig überraschend: „Es ist für mich eine ganz natürliche Reaktion, aus der Unsicherheit heraus geboren.“ Das sei eine natürliche Schutzreaktion der Leute.

Nach den jüngsten Anschlägen im Land wünscht sich eine deutliche Mehrheit von 65 Prozent der Bevölkerung mehr Präsenz der Polizei. Das ergab eine vom Institut YouGov selbst geführte Umfrage. Wenn es um den Einsatz der Bundeswehr im Inneren geht, zeigen sich die Deutschen dagegen etwas zurückhaltender. 57 Prozent sprechen sich für eine Änderung des Grundgesetzes aus, damit Einsätze der Truppe hierzulande einfacher werden.

Für die deutsche Gelassenheit spricht auch, dass die Buchungszahlen in deutschen Hotels nur vereinzelt zurückgegangen sind. „Gerade in Hinblick auf ausländische Buchungen spüren wir aktuell durchaus ein zögerliches Buchungsverhalten“, sagt etwa der Hotelmanager des The Westin Grand Hotels in Frankfurt, Michael Fritz. Auch im Pullman Hotel München waren besonders in den Tagen nach dem Amoklauf die Buchungen kurzfristig zurückgegangen. Große Hotelketten sprachen insgesamt aber von einem stabilen Buchungsverhalten.

Die Best Western Hotels & Resorts verzeichneten keine kurzfristigen Buchungsrückgänge, erklärte das Unternehmen. Ähnlich sieht es bei der Maritim Hotelgesellschaft aus. „Zum jetzigen Zeitpunkt sind keine Auswirkungen der jüngsten Anschläge auf die Buchungszahlen in unseren deutschen Hotels spürbar“, teilte Geschäftsführer Gerd Prochaska mit. Auch bei Steigenberger Hotels und Resorts liegen die Buchungszahlen „exakt im Plan“. Die Hotelkette Motel One wollte sich zu eventuellen Buchungsrückgängen nicht äußern.

Von

dpa

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