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19.05.2011

15:20 Uhr

Zahl des Tages

Fragwürdiger Job-Rekord

VonMarvin Milatz

Erstmals haben im Winter über 40 Millionen Deutsche gearbeitet. Das statistische Bundesamt feiert den Rekord. Doch die Statistik hat ihre Tücken.

... Millionen Deutsche waren während der Wintermonate erwerbstätig. Das ist Rekord.

... Millionen Deutsche waren während der Wintermonate erwerbstätig. Das ist Rekord.

Zwischen Januar und März waren im Schnitt 40,4 Millionen Deutsche erwerbstätig, haben also angestellt oder selbstständig gearbeitet. Damit hat Deutschland einen neuen winterlichen Beschäftigungsrekord erreicht, jubelt das Statistische Bundesamt.

Statistiker und Politiker dürfen sich über diesen Rekord gleich doppelt freuen: Einerseits ist der Wirtschaftsaufschwung damit nachweislich auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Andererseits lässt sich mit mehr Erwerbstätigkeit die Arbeitslosenquote senken – und das ist eine Zahl, die in der Öffentlichkeit traditionell weitaus mehr Beachtung erfährt als die absolute Höhe der Beschäftigung. Der Charme der hohen Erwerbstätigkeit ist nun: Selbst wenn kein einziger Arbeitsloser weniger gemeldet ist, sorgt allein eine größere Basis rechnerisch für einen geringeren Anteil an Arbeitslosen. 552.000 Personen mehr als vor einem Jahr stehen laut Statistik in Lohn und Brot. Das allein senkt die Arbeitslosenquote statistisch um etwa 0,1 Prozentpunkte.

Wer glaubt, durch mehr Jobs müsse die Arbeitslosigkeit zwangsläufig nicht nur relativ, sondern auch absolut schrumpfen, der täuscht sich allerdings. Zwar stocken derzeit tatsächlich viele Betriebe ihr Personal auf, im 1. Quartal allein Handel und Gastgewerbe um 389.000. Ob dort aber viele Menschen zum Einsatz kommen, die zuvor arbeitslos gemeldet waren, ist fraglich. Denn Kneipen und Klamottenläden stellen oft Aushilfskräfte wie Studenten oder auch Hausfrauen ein, die vorher in keiner Statistik standen.

Apropos Hausfrauen: Dass die Beschäftigungszahlen in Deutschland steigen, liegt längst nicht nur am Aufschwung. Sondern auch daran, dass seit einigen Jahren immer mehr Frauen einen Job annehmen, die sich früher – rein statistisch betrachtet beschäftigungs- aber nicht arbeitslos – um die Familie kümmerten. Heute arbeiten in Deutschland vier Millionen mehr Frauen als 1960 in einem Beruf, aber nur rund eine halbe Million mehr Männer. Ein großer Teil des Beschäftigungszuwachses ist also der Emanzipation geschuldet. Und schon jetzt wissen Statistiker, dass bald das nächste Beschäftigungshoch zu erwarten ist: Wenn nämlich die älteren Arbeitnehmer länger schaffen müssen, um die volle Rente zu erhalten, dann wird auch das die Statistik beflügeln.

Warum auch immer: Politikern wird die Zahl in jedem Fall in die Hände spielen: Jeder zweite Deutsche hat einen Job – das klingt beruhigend. Selbst da ist allerdings noch eine Menge Luft nach oben: In Amerika sind es fast 60 Prozent. Zwar ist auch die US-Statistik mit Vorsicht zu genießen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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