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30.05.2011

15:08 Uhr

Zahl des Tages

Sparmodell Standby-AKW

VonMarvin Milatz

Trotz Atomausstieg sollen zwei AKW als Backup-Kraftwerke für 50 Millionen Euro pro Jahr im Ruhezustand betrieben werden - ein Schnäppchen?

...Millionen Euro soll der Stand-by-Betrieb zweier AKW nach dem Atomausstieg kosten.

...Millionen Euro soll der Stand-by-Betrieb zweier AKW nach dem Atomausstieg kosten.

Berlin„Konsequenz“ und „definitiver Ausstieg“, das waren die Worte von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), der am frühen Montagmorgen die Entscheidung der Bundesregierung zum Atomkonsens verkündete. Die ältesten sieben deutschen Meiler sollen endgültig vom Netz, alle anderen bis spätestens 2022. Oder doch nicht? Ein Hintertürchen lässt sich die Regierung: Ein bis zwei Altmeiler sollen im Ruhezustand verweilen.

Die Kosten für den Erhalt der Standby-Meiler, die Stromengpässe vermeiden sollen, beliefen sich auf 50 Millionen pro Jahr und Kraftwerk, sagt die Regierung. Angesichts der Gesamtkosten für den Ausstieg, den die Regierung mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt, während der „Spiegel“ die Kosten sogar mit 170 Milliarden Euro beziffert, fällt der Betrieb dieser Notstromaggregate kaum ins Gewicht. Zudem hält die Regierung nun doch an der Brennelementesteuer fest, die noch 1,3 Milliarden Euro einbringen soll, selbst wenn sieben Altmeiler abgestellt bleiben. Allein davon ließen sich 26 Meiler im Leerlauf weiter betreiben.

Strom sollen die Notfallmeiler nur bei Flaute und Regen produzieren, wenn also Wind- und Sonnenenergie ausfallen und so die Netze wackeln. Vor allem Frankfurt ist von Schlechtwettertagen betroffen, denn dort werden jährlich neue Stromverbrauchsrekorde aufgestellt: Im vergangenen Sommer lag der Verbrauch der Stadt bei 778 Megawatt. Allein für Frankfurt müssten 1.556 Windkraftanlagen rund um die Uhr rotieren, ein Kohlekraftwerk 566 Tonnen Braunkohle verheizen – oder der Atomreaktor Biblis B zwei Drittel seiner vollen Leistung abzweigen.

Biblis B hält auch die Nase vorn im Wettrennen um den Standby-Meiler. Ein Entgegenkommen der Regierung? Betreiber RWE wettert jedenfalls seit Wochen besonders heftig gegen den Atomausstieg. Der Erhalt des Meilers könnte dem Stromkonzern tatsächlich Milliarden sparen. Allerdings nicht wegen des 50-Millionen-Euro-Betriebs. Sondern, weil ein Kraftwerk, das erhalten bleibt, nicht abgebaut werden muss. Dafür hat der Konzern, der an vier Standorten Atomkraftwerke betreibt, insgesamt 9,5 Milliarden Euro für deren Rückbau zurückgelegt, also 2,4 Milliarden pro Standort. Da kommt ein hübsches Sümmchen zusammen, wenn Abbau wegfällt.

Ersparnis hin oder her. Für die Stromkonzerne ist der Kernkraftausstieg in jedem Fall teuer. Schließlich wirft ein abgeschriebener Altmeiler pro Tag etwa eine Millionen Euro Gewinn ab. Durch die Abschaltung der sieben Meiler verlieren die Stromproduzenten also in nur einer Woche rund 50 Millionen Euro – das, was die Regierung nun für den Reservemeilers im ganzen Jahr zahlen will.

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