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03.12.2011

10:59 Uhr

Zehn Jahre Pisa

Deutschland von der Bildungs-Spitze weit entfernt

VonBarbara Gillmann, Stefani Hergert, Olaf Storbeck

Der Pisa-Schock vor einigen Jahren löste Entsetzen in der Republik aus: Mittlerweile sind die deutschen Schüler zwar besser geworden - aber immer noch nicht wirklich gut.

Schüler einer zehnten Klasse sitzen in einem Klassenraum. dpa

Schüler einer zehnten Klasse sitzen in einem Klassenraum.

Berlin/LondonAm 4. Dezember 2001 kam die grausame Wahrheit ans Licht: Deutsche Schüler waren im ersten internationalen Pisa-Test nicht einmal Durchschnitt. Beim Lesen rangierten sie gar im letzten Drittel - kurz vor Mexiko und Russland. Fast jeder vierte deutsche Schüler erreichte gerade einmal Grundschulniveau. Besonders krass fiel die Abgängigkeit zwischen Herkunft und Bildungschancen aus: Fast nirgends sonst in der Welt schaffte es die Schule weniger, soziale Defizite auszugleichen.
Die Republik war entsetzt, die Medien riefen die "Bildungskatastrophe" aus, die Kultusminister gerieten massiv unter Druck. Die schnell gefundene Ausrede, "das liegt nur an den vielen Ausländerkindern", ließ die OECD nicht gelten: Klassische Zuwandererländer wie Kanada oder Australien schafften es schließlich sehr gut, Migranten zu integrieren. So brach hektischer Reformeifer aus, ein Megathema war geboren.

Zehn Jahre später steht Deutschlands Schulsystem besser da: In Mathematik und Naturwissenschaften rückten die deutschen Schüler in die Spitzengruppe vor. Auch beim Lesen haben sie sich verbessert, dümpeln aber weiter im Mittelfeld. Der Anteil der Schüler, die gerade auf Grundschulniveau lesen, sank immerhin von 23 auf gut 18 Prozent. Verbessert haben sich vor allem schwächere Schüler, darunter viele Kinder von Migranten. Das Hauptwerkzeug der Kultusminister sind die sogenannten Bildungsstandards: Während früher Lehrpläne penibel vorschrieben, was zu lehren sei, legen nun die Standards fest, was Schüler wann mindestens können müssen.

"Allerdings sind die Standards noch nicht überall in der Schulpraxis angekommen", beklagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans-Heinrich Driftmann: "Die Folge ist, dass die Schulabschlüsse überregional nach wie vor wenig vergleichbar sind", sagte er dem Handelsblatt. Dennoch: Das Niveau vor allem im Lesen ist weiter stark ausbaufähig. Auch in Mathe und Naturwissenschaften ist der Abstand zu Finnland, Japan oder Korea enorm.

Kommentare (5)

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Stephan

03.12.2011, 12:26 Uhr

Soso, die Werten Herren und Damen wollen sich also nicht mehr vergleichen lassen. Unsereins muss sich den immer weiter wachsenden Leistungsdruck stellen und sich ständig mit der "Benchmark" vergleichen lassen aber die Länder haben dies nicht nötig...
Ein Schelm wär da nicht böses dabei denkt. Will man etwa in Zukunft darauf verzichten, notwendige Anstrengungen zu unternehmen, weil sie ja immer mit Kosten verbunden sind? Oder will man sein Unvermögen einfach nur verschleiern? Oder beides?
Eigentlich mag ich unser gemeinsames Heimatland ja aber es wird immer trauriger... Und wir schimpfen auf Italiens Politik? Genau auf dieses Niveau/Rechtsvorstellungen bewegt sich unsere Politik immer weiter drauf zu!

Stephan

03.12.2011, 12:30 Uhr

Selbstverständlich muss es heißen: "Ein Schelm wer böses dabei denkt". Sowas passiert, wenn man sich nur noch aufregen muss...

Verbloeden

03.12.2011, 14:10 Uhr

Das frühe Selektionsprinzip nach der Grundschule wirft (und warf) Deutschland 20 Jahre zurück. Deutschland verblödet stilvoll, weil es einfach nicht gelingt ein "mehr an Bildung" in die Köpfe aller Kinder zu bekommen. Anstelle spätere Selektion und eine stärkere Betreuung auch mit NICHT-verbeamteten Lehrern,´besteht zudem ein landespolitischer Bildungsklüngel. Das alles kostet sehr viel Geld, da nicht effizient die Mittel für die Bildung genutzt werden und bringt im Ergebnis leider nur Mittelmaß. Mit Mittelmaß kann sich leider nur schwer ein rohstoffarmes Land entfalten.

Also wird sich stilvoll weiter verblödet. Allein das lange Festhalten an der "Selektions-Aussatz-Hauptschule" spricht schon Bände. Hier wurden Verwahrungsbildungsanstalten geschaffen und keine Schulen - aber egal - Hauptsache "Frühe Selektion".

Skandinavien zeigt wie es besser geht. Deutschland braucht nur etwas mehr über den Zaun zu schauen.

Deutschland stürzt langsam ab. Langsam, aber es stetig. Ideologisch verhärmt, verkrustet und verbrettert (am Kopf).

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