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14.01.2016

19:33 Uhr

Zu Besuch beim Lageso

„Wir fühlen uns alle von diesen Männern misshandelt“

VonJohannes Steger, Mahmoud Serhan

Die Exzesse von Köln verunsichern Deutschland. Auch die Menschen, die geflüchtet sind. Was sie den Tätern zu sagen haben und wofür sie sich fürchten. Ein Besuch beim Berliner Lageso.

Johannes Steger mit Baschar, der seit sechs Monaten in Deutschland lebt.

Vor dem Berliner Lageso

Johannes Steger mit Baschar, der seit sechs Monaten in Deutschland lebt.

BerlinIrgendwann spürt man die Fingerspitzen nicht mehr, die Füße werden trotz dicker Wollsocken taub. Es ist wieder kalt geworden in Berlin an diesem Vormittag am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Das Thermometer fällt zwar nicht unter null Grad wie noch in der vergangenen Woche, die Regentropfen stechen aber trotzdem auf der Haut.

Der 24-jährige Baschar hat keine Wollsocken an, seine Füße stecken in Turnschuhen, die die feuchte Kälte nicht abhalten können. Unter der zu kurzen Winterjacke trägt er nur ein T-Shirt. Er zittert, seine Stimme wirkt unsicher, aber Baschar will reden – über Köln, Deutschland und die Zukunft. Er ist schockiert über die Vorfälle von Köln. „So ein Verhalten würden wir in unserer Heimat auch nicht akzeptieren“, sagt er.

Kommentar zur Flüchtlingskrise: Nur noch Chaos – mitten in der Hauptstadt

Kommentar zur Flüchtlingskrise

Nur noch Chaos – mitten in der Hauptstadt

Matsch, Chaos, Überforderung: Beim Besuch des Berliner Lageso, wo Flüchtlinge betreut werden, landet unser Autor Johannes Steger im Betroffenheitsjournalismus – aber nur fast. Ein Kommentar über die Zustände vor Ort.

Wie Baschar kommen Tag für Tag hunderte Menschen zum Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Vor der Zentralen Leistungsstelle warten sie in langen Schlangen. Immer wieder stand das Lageso in der Vergangenheit in der Kritik wegen der teilweise chaotischen Zustände. Flüchtlinge und Asylsuchende mussten stundenlang warten, manche schliefen auf dem Gelände, nur um endlich Leistungen zu erhalten.

Was BER für Infrastrukturprojekte ist, wurde das Lageso Symbol für das Versagen einer Behörde. Seit dem Jahreswechsel ist es ein wenig besser geworden: Neuankömmlinge werden schneller erfasst und dann mit dem Bus in Notunterkünfte gefahren.

Auf dem Gelände irren aber auch an diesem Mittwochvormittag immer noch viele Menschen umher, auf der Suche nach der richtigen Schlange, einer Information oder Hilfe bei einer Übersetzung. Es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt. Eine Straße weiter sieht es ganz anders aus. Hinter den Zäunen des Lageso läuft das Leben der Berliner Metropole weiter. Dort sitzen Menschen im Café, laufen Schulklassen über die Straßen, sorgen minutiös getaktete Fahrpläne für pünktliche Abfahrten.

Hier auf dem Lageso ist es anders. Und es ist nicht nur das Warten, das verunsichert. Auch die Ereignisse von Köln haben längst die Menschen auf dem Areal erreicht. Nicht jeder möchte mit Namen und Foto in der Presse erscheinen, viele haben in ihren Heimatländern schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht. Fast alle wollen aber sprechen.

Die Ausweisung ausländischer Straftäter

Reform des Aufenthaltsgesetzes

Der Staat kann kriminelle Ausländer aus Deutschland ausweisen. So waren Straftäter bis zur Reform des Aufenthaltsgesetzes im vergangenen Jahr „zwingend“ auszuweisen, die zu mindestens drei Jahren Haft verurteilt wurden.

„Ausweisungsinteresse“ versus „Bleibeinteresse“

Nun sieht das Gesetz vor, dass die zuständigen Stellen zwischen dem „Ausweisungsinteresse“ des Staates (etwa bei kriminellem Verhalten eines Ausländers) und dem „Bleibeinteresse“ des Betroffenen (wie der Berücksichtigung von Familienverhältnissen oder persönlichen und wirtschaftlichen Bindungen in Deutschland) abwägen sollen.

Straftaten wiegen besonders schwer

Das „Ausweisungsinteresse“ des Staates wiegt gemäß Paragraf 54 des Aufenthaltsgesetzes besonders schwer, „wenn der Ausländer wegen einer oder mehrerer vorsätzlicher Straftaten rechtskräftig zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe von mehr als zwei Jahren verurteilt worden ist“.

Rückreisesperre

Wer ausgewiesen wird, darf für eine bestimmte Zeit nicht wieder zurück nach Deutschland und kann bis zum Ablauf dieser Frist auch keine neue Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik bekommen. Die Dauer dieser Sperre variiert von Fall zu Fall.

Ausweisung und Abschiebung

Die Begriffe Ausweisung und Abschiebung werden oft synonym verwendet. Die Abschiebung ist der eigentliche Akt einer – von Behörden erzwungenen – Ausreise aus Deutschland: Wer eine „Ausweisungsverfügung“ erhält, aber nicht freiwillig das Land verlässt, wird abgeschoben.

So wie Baschar. Vor sechs Monaten ist er von Syrien nach Deutschland gekommen – ohne seine Familie. Er ist einer von diesen allein reisenden jungen Männern, vor denen jetzt manch einer warnt.

Von den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht mit den 561 Strafanzeigen wegen Diebstahl und sexueller Belästigung, hat auch Baschar gehört. Er ist überzeugt, dass sie das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Flüchtlingen verändern werden und er kann verstehen, dass viele Deutsche jetzt Angst haben, erzählt er, während er hin und her wippt, um die Kälte zu verscheuchen.

Im Allgemeinen würden die Deutschen nicht zwischen den Flüchtlingen unterscheiden, aber alle seien schließlich unterschiedlich. Zudem müsse man auch zwischen den Herkunftsländern unterscheiden. Angst vor den Konsequenzen Vorfälle in der Silvesternacht habe er aber nicht, erklärt Baschar, weil er bisher nur gute Erfahrungen in Deutschland gemacht hätte.

Konsequenzen, die anderswo in Deutschland schon gezogen wurden: Am Sonntagabend gingen in der Kölner Innenstadt zwanzig Menschen auf sechs Pakistaner los, zwei von ihnen mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Später gingen fünf Täter auf einen Syrer los, der ebenfalls leicht verletzt wurde.

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