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10.11.2016

13:49 Uhr

Zukunft der Arbeit

Auf Abruf bereit

VonFrank Specht

Handy und Tablet machen den Job flexibler. Doch Arbeitnehmer sind auch jederzeit erreichbar. Nutzt die Digitalisierung also allein den Unternehmen? Der Deutsche Gewerkschaftsbund will das glauben machen.

Die Arbeitsbelastung hat durch die Digitalisierung zugenommen. imago

Arbeit jederzeit

Die Arbeitsbelastung hat durch die Digitalisierung zugenommen.

BerlinIn der Sprache der deutschen Personaler gibt es die Abkürzung „Kapovaz“. Das sperrige Kürzel steht für „Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit“. Gearbeitet wird dann, wenn der betriebliche Bedarf es erfordert, also etwa gerade viele Aufträge abzuwickeln sind. Für die Beschäftigten bedeutet das meist auf Abruf bereitzustehen.

Im digitalen Zeitalter wünschten sich die Arbeitgeber nun eine „Kapovaz mit App“, argwöhnt Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Smartphone und Tablet geben den Takt der Arbeit vor. Gearbeitet wird auch nachts, wenn der Chef das wünscht. Und sei es nur, dass der Mitarbeiter noch rasch ein paar E-Mails beantwortet.

Vassiliadis und seine Kollegen aus dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wollen zwar auch die Chancen sehen, die die Digitalisierung der Arbeitswelt bietet. Etwa die Möglichkeit, den Beruf besser mit Familie und Privatleben zu vereinbaren. Doch aus ihrer Sicht nutzt die größere Flexibilität, die moderne Arbeitsgeräte bieten, bisher vor allem den Unternehmen. Wenn die Gewerkschaften auf die Digitalisierung schauen, dann sehen sie eher schwarz.

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Drei von zehn Arbeitnehmern klagen im Stressreport der TK darüber, immer erreichbar sein zu müssen. Also bleibt das Handy an, doch das steigert den Stresspegel. Auch in der Freizeit geht es nicht mehr ohne. Oder doch?

Dabei stützen sie sich auch auf den neuen DGB-Index „Gute Arbeit“, eine jährliche Beschäftigtenbefragung zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland. „Die Digitalisierung verschärft derzeit ein Problem, auf das die Gewerkschaften seit langem hinweisen: die zunehmende Arbeitsintensität und der damit einhergehende Druck und Stress“, klagt DGB-Chef Reiner Hoffmann.

Bei 82 Prozent der Befragten gehören E-Mails, Smartphones oder computergesteuerte Produktions- und Terminplanung zum Berufsalltag. Und fast jeder zweite gab an, dass für ihn die Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung zugenommen hat. Einen positiven Effekt für die persönliche Work-Life-Balance sieht nur jeder Fünfte Befragte, 68 Prozent beobachten keine Verbesserung. Für Hoffmann ist deshalb klar: „Die Digitalisierung braucht Regeln, damit die Technik dem Menschen dient und nicht der Mensch der Technik“, sagt der DGB-Chef.

Neue Studien zum Thema – Dem Stress auf der Spur

Aktiv sein statt rumhängen

Ein Arbeitsalltag wie im Hamsterrad: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung und der Krankenkasse Barmer GEK von 2015 stoßen 18 Prozent aller Arbeitnehmer häufig an ihre Leistungsgrenzen, 23 Prozent machen keine Pause, schaffen es nicht mehr, dem steten Druck zu entrinnen. Kein Wunder, dass der Wunsch, einfach einmal auf die Stopptaste zu drücken, groß wird. Doch von hundert auf null – das gelingt kaum, was am Stresshormon Kortisol liegt. Es macht unruhig, aggressiv und lässt sich nicht einfach wegmeditieren. Experten empfehlen daher, nicht auf der heimischen Coach, sondern lieber im Wald bei einer Joggingrunde oder einem Spaziergang zu entspannen. Laut einer Studie der Universität Essex in Colchester wirken sich bereits fünf Minuten in freier Natur nachweislich positiv auf die Psyche aus.

Kalorien verbrennen langsamer

Einige Gestresste mögen bei hektischem Alltag sogar das Essen vergessen – es sind aber die allerwenigsten. Die anderen dürfen hingegen schnell den Gürtel weiter schnallen: Verursacher des unerwünschten Effekts ist das Stresshormon Kortisol, das den Stoffwechsel verändert und zur vermehrten Fetteinlagerung führt – vor allem im Bauch- und Taillenbereich. Studien der Ohio State University von 2014 belegen, dass unter hoher Belastung weniger Kalorien verbrannt werden und der Insulinpegel ansteigt. Zudem wird das Verlangen nach kohlenhydrat- und fettreichen Speisen höher.

Typisch männlich, typisch weiblich

Zunehmend fühlen sich Frauen wie Männer den Belastungen in der Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Was die Geschlechter allerdings voneinander unterscheidet, ist die Art und Weise, auf die Belastung zu reagieren. Sorgt bei männlichen Managern ein hoher Stressfaktor eher für Herz-Kreislauf-Probleme, macht er Frauen anfällig für psychische Erkrankungen. Eine Studie der Techniker Krankenkasse belegt, dass Frauen im Beruf erheblich mehr unter Druck geraten, weil sie höhere Ansprüche an sich selbst stellen als ihre männlichen Artgenossen. Sie fühlen sich zudem unter wesentlich höherem „Performance-Druck“. In einer Untersuchung der Psychologen Marilyn Davidson und Cary Cooper räumten weibliche Führungskräfte ein, häufiger das Gefühl zu haben, besser als ihre männlichen Kollegen sein zu müssen. Hinzu kommt bei den meisten Frauen eine hohe Zusatzbelastung durch Haushalt und Kinderbetreuung. Ganz so gleichberechtigt werden diese Arbeiten nämlich nach wie vor nicht aufgeteilt. Typisch männliche Stressfolgen sind neben Herzinfarkt und Schlaganfall auch Übergewicht, hoher Blutdruck sowie erhöhte Cholesterinwerte. Die Risiken dafür steigen vor allem bei Managern, die wöchentlich mehr als 60 Stunden arbeiten.

Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol

Die Gesellschaft wird schnelllebiger, die permanente Erreichbarkeit ist für viele selbstverständlich, selbst die Nachtruhe bringt längst nicht mehr die ersehnte Auszeit. Eine aktuelle Studie der Max-Grundig-Klinik in Bühl belegt, dass 27 Prozent aller Manager bis kurz vor dem Schlafen online sind, mehr als die Hälfte ein bis zwei Stunden vor der Nachtruhe. Auch das ist ein Grund dafür, dass mehr als jede zweite Führungskraft über Schlafprobleme klagt, der dauerhafte Stresspegel weiter ansteigt. „Es ist offensichtlich, dass der moderne Arbeitsstil, rund um die Uhr online zu sein, vielen Führungskräften die innere Ruhe raubt“, sagt Internist Curt Diehm. Beeinträchtigt wird der Schlaf in vielen Fällen allerdings auch vom Alkohol. Vier von zehn Chefs trinken abends in der Regel mehr als ein Glas Wein oder Bier.

Frust und mangelnde Anerkennung

Häufig entsteht Stress zwar im Arbeitsumfeld, aber nicht durch die schlichte Belastung. Wissenschaftler der Universität Helsinki gelang der Nachweis, dass die eigentlichen Auslöser des Alarmzustands negative Beziehungen und Emotionen sind. So setzt zum Beispiel eine dauerhafte Frustrationsspirale in Gang, wer sich ständig mit anderen vergleicht, beschreibt Michael Cohn von der Universität Michigan. Wer außerdem viel leistet, ohne dafür angemessen belohnt zu werden, hat ein doppelt so hohes Risiko, an Depression oder Herzinfarkt zu erkranken. Verursacher für Stress sind zudem mangelnde Anerkennung, zu wenig Kontrolle über das eigene Handeln und zu geringe Aufstiegschancen. Simone Wermelskirchen

Die Gewerkschaften stehen nicht allein mit dem Anspruch, die digitale Arbeitswelt von morgen zu gestalten. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will nach einem intensiven Dialog mit den Sozialpartnern, Verbänden und Wissenschaftlern Ende November ihr „Weißbuch Arbeit 4.0“ vorlegen. Darin wird Nahles skizzieren, wo sie politischen Handlungsbedarf sieht, etwa beim Arbeitszeitgesetz. Hier hat sie schon angedeutet, dass dessen „starres Korsett“ nicht mehr zeitgemäß ist. Außerdem geht es der Regierung um eine Stärkung von Bildung und Weiterbildung, damit Beschäftigte vom digitalen Fortschritt nicht überrollt werden. Die Arbeitsministerin rechnet zudem mit einer höheren Zahl von Soloselbstständigen, die es besser sozial abzusichern gilt.

Kommentare (1)

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Herr Ciller Gurcae

10.11.2016, 14:26 Uhr

Der Kapovaz kommt, und zwar flächendeckend. Eigentlich ist er bei den Verkaufsangestellten und Im Gastgewerbe schon länger da.
Warum auch nicht? Freiberufler und andere Selbständige können auch nicht schaffen, wann sie wollen, sondern nur, wenn Auftäge vorhanden sind. Ausnahme sind Ärzte; da zahlt ja nicht der Kunde, sondern Dritte. Sehr schön sowas, aber wohl nicht für alle möglich.

Die Gewerkschaften, die den Kapovaz durch hohe Lohnabschlüsse herbeigerufen haben, können ja anders verfahren. Nicht nur für die Bonzen, sondern für alle, bis zur Putzfrau. Mal sehen, wie lange die das durchhalten.

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