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25.11.2013

10:29 Uhr

Zukunftsatlas 2013

Hier leben Herr und Frau Mustermann

VonDésirée Linde

Viel Wald, viel Mittelstand, viel Regen, gute Luft, aber etwas ab vom Schuss: Siegen-Wittgenstein ist laut Prognos-Zukunftsatlas der durchschnittlichste Kreis der Republik – und hat noch echte Prinzen und Prinzessinnen.

Wanderer auf dem Sklupturenweg des Rothaarsteigs bei Bad Berleburg: Das Goldene Ei von Künstlerin Magdalena Jetelová soll die Urform allen Lebens symbolisieren. „Der Rothaarsteig hat sich touristisch zum Knaller entwickelt“, sagt Forstdirektor Diethard Altrogge. Imago

Wanderer auf dem Sklupturenweg des Rothaarsteigs bei Bad Berleburg: Das Goldene Ei von Künstlerin Magdalena Jetelová soll die Urform allen Lebens symbolisieren. „Der Rothaarsteig hat sich touristisch zum Knaller entwickelt“, sagt Forstdirektor Diethard Altrogge.

Bad Berleburg/DüsseldorfHerr Mustermann kennt sich aus mit Röhren und Walzen. Oder mit Bäumen. Er arbeitet in einer Region, aus der kaum Patente angemeldet werden, die aber trotzdem Weltmeister um Weltmeister produziert. Weltmeister, die kaum jemand kennt. Herr Mustermann liebt die Natur, er hat in seiner Heimat davon zuhauf. Herr Mustermann heißt vermutlich Treude, Krämer oder Dickel, denn er wohnt in einem Kreis, in dem die Menschen häufig so heißen.

Im Zukunftsatlas 2013 des Forschungsinstituts Prognos liegt der Kreis Siegen-Wittgenstein in der Mitte. Prognos hat exklusiv für das Handelsblatt Gegenwart und Perspektiven der 402 kreisfreien Städte und Landkreise anhand von Kennzahlen zu Wirtschaft, Bevölkerung und Infrastruktur bewertet.

Siegen-Wittgenstein ist demnach der durchschnittlichste Landkreis Deutschlands. Ausreißer nach oben oder unten gibt es nicht. Weder bei der Arbeitslosigkeit, noch bei der Geburtenrate, noch bei den Unternehmensgründungen – und bei den Schulabbrechern auch nicht. Er liegt überall im grauen Bereich.

Wo die Chancen am höchsten – und am niedrigsten sind

Vorreiter Bayern

Von den 15 Regionen, denen der Prognos-Zukunftsatlas 2013 die besten Chancen einräumt, liegen allein neun in Bayern: Coburg, Landshut und Ebersberg belegen im Ranking der Regionen mit den besten Chancen die Plätze 14, 13 und 12. Auf Rang 15 schafft es der hessische Main-Taunus-Kreis. Dort nahm besonders die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu.

Gute Chancen im Süden

Auch Baden-Württemberg ist immerhin drei Mal unter den Top 15: Heidelberg (das Plus sind dort der hohe Anteil junger Erwachsener) und Stuttgart mit einem hohen Anteil Hochqualifizierter kommen auf Rang 11 und 10. Am besten aus Baden-Württemberg schneidet Böblingen auf Rang fünf ab. Dort ist die Entwicklung der Hochqualifizierten besonders gut.

Die Auto-Stadt

Auch Wolfsburg hat es in die Top 15 der Regionen mit den besten Zukunftschancen geschafft. Die VW-Stadt in Niedersachsen landet auf Rang neun. Positiv wirkte sich dort vor allem der niedrige Verschuldungsgrad aus.

Die Verfolger

Auf den Plätzen fünf bis acht landen mehrheitlich wieder bayrische Städte: Starnberg (8) zeichnet ein hoher Wohlstand und eine hohe Kaufkraft aus, Regensburg (7) eine hohe Arbeitsplatzdichte. Auf Platz sechs schafft es die hessische Stadt Darmstadt mit einer positiven Entwicklung von Hochqualifizierten. Auf Rang fünf liegt Böblingen (Baden-Württemberg).

Die Spitzengruppe

Nirgendwo sind die Chancen so gut wie in Bayern. Die ersten vier Plätze gehen an das südlichste Bundesland. Auf Rang vier liegt die Audi-Stadt Ingolstadt mit vielen Beschäftigten in deutschen Zukunftsfeldern, Erlangen mit eine hohen Anteil Hochqualifizierter ist Dritter, die Landeshauptstadt München steht auf Rang zwei. Spitzenreiter des Rankings ist der Landkreis München.

Schlechte Aussichten

Ganz unten im Ranking der Regionen liegen die Landkreise Stendal (Platz 401), Vorpommern-Rügen (Platz 400) und die Uckermark (Platz 399). Der größte Teil der Uckermark liegt im Bundesland Brandenburg, ein kleiner Teil gehört zu Mecklenburg-Vorpommern.

Extreme Risiken...

... gibt es vor allem in Prignitz. Der Landkreis in Brandenburg liegt ganz hinten im Ranking. Besonders negativ wirkt sich die niedrige Zahl von Beschäftigten mit hoher Qualifikation aus.

Reinhard Kämpfer ist einer, dem dieser Grauton ein wenig zu unauffällig ist. Ihn stört es ein wenig, dass seine Weltmeister eher die „Hidden Champions“ als die strahlenden Aushängeschilder sind. Dass ihn das stört, liegt an seinem Job. Er ist Kreiswirtschaftsförderer und sähe die Unternehmen in seiner Region gerne ein bisschen offensiver bei der öffentlichkeitswirksamen Vermarktung ihrer Erfolge.

„Doch sie wissen, dass sie Weltmarktführer sind, und damit ist gut“, sagt Kämpfer. Eine Patentanmeldung sähen viele der Mittelständler eher als Aufforderung der Konkurrenz zum Kopieren, denn als notwendige Werbung für den Kreis. Die Wittgensteiner und Siegener packenʼs halt an – und machen im Nachhinein keinen großen Rabatz um ihren Erfolg – das schwingt mit in Kämpfers Satz. Wohlwollend nennt er diese Haltung „bodenständig und solide“. Understatement könnte man auch sagen.

„Ehrlich und höflich“, fügt Ex-BVB-Torjäger Norbert Dickel hinzu, wenn er die Menschen in seiner Heimat beschreibt. Der jetzige Stadionsprecher des Fußball-Vizemeisters ist in Berghausen (Wittgenstein) aufgewachsen, hat dort das Fußballspielen gelernt.

Mit 22 ging er nach Dortmund, kehrt aber regelmäßig zu seiner Familie zurück. Als den Bad Berleburgern – zu der Stadt gehört Berghausen – das eigene Nummernschild, BLB, aberkannt wurde, war Dickel „richtig sauer“. Mittlerweile gibtʼs das „BLB“ statt dem „SI“ wieder und er würde es sich sicher holen, würde er zwischen Länderspiel und Kooperationsverhandlungen in Kitzbühel noch dort wohnen. Wenn er daheim von seinem ruhelosen Leben erzählt, hört er oft „So viel unterwegs sein wie du – das könntʼ ich net.“ „Net“ sagt der Wittgensteiner, nicht „nicht“.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

25.11.2013, 11:31 Uhr

Auf den Punkt gebracht, hier möchte man nicht tot übern Gartenzaun hängen.
Die Leute sind einfältig bis kleinkariert und umständlich, eben Siegen halt.
Die Uni ist eine Bereicherung, aber das allein reicht nicht.
Im Winter kann man es ganz vergessen, da läuft noch weniger - allein die Verkehrsverbindung dorthin ist wie nach Sibirien reisen. Telefon und Internetanbindung ist tiefste Steinzeit. Einige Bezirke werden von der Telekom schlichtweg nicht bedient, gegen Horrorgebühren werden Studenten über limitierte Wlan-Verbindungen regelrecht ausgezogen.
Was ist schlimmer als verlieren ? Siegen

Huntsman

25.11.2013, 12:39 Uhr

Vor allem wohnen dort liebenswerte Menschen, etwas verschroben vielleicht, aber liebenswert, und sie haben die schönste Naturlandschaft die man sich denken kann!
Außerdem sind dort die "deutschen Tugenden" wie Fleiss, Pünktlichkeit und Sauberkeit noch Werte sind die dort gelebt werden.

marki70

25.11.2013, 13:04 Uhr

@Kleinebrise

die Verkehrsanbindung ist doch vorbildlich, gleich zwei Autobahnen führen nach Siegen A45 und A4.
Auch sonst besteht Ihr Kommentar nur aus Vorurteilen die auf jede x- beliebige Kleinstadt in Deutschland zutreffen würde.
Ich glaube Sie mussten Ihr Studium an der Uni Siegen abbrechen weil sie dem Niveau nicht gewachsen waren und sind nun etwas verbitter.

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