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03.06.2016

08:29 Uhr

Zukunftsatlas 2016

Fünf Dinge, die Sie über Chemnitz wissen sollten

VonAlexander Möthe

Das „Manchester Sachsens“ ist eine Reise wert – sofern man ans Ziel kommt. Dass die Anbindung an den Fernverkehr fehlt, ist ein Fakt. Was noch wissenswert ist über Chemnitz? Die Stadt macht ordentlich Boden gut.

Die Portraitbüste prägt das Bild der Innenstadt. Alexander Möthe

Der Schatten von Marx

Die Portraitbüste prägt das Bild der Innenstadt.

ChemnitzChemnitz hat, vor allem im westdeutschen Raum, mit allerlei Klischees zu kämpfen. Das liegt hauptsächlich daran, dass das Image des ganzen Freistaats Sachsen unter derlei Vorurteilen zu leiden hat. Natürlich gibt es in Chemnitz Plattenbauten, natürlich sind Wirtschaftsleistung und Einkommensniveau schwächer als woanders. Doch im ehemaligen Karl-Marx-Stadt ist Dynamik zu beobachten.

Der Zukunftsatlas von Prognos und dem Handelsblatt hat einige äußerst positive Entwicklungen zutage gefördert. Die hohe Arbeitsplatzdichte etwa, oder den guten Wert von Hochqualifizierten, die in Chemnitz Arbeit finden. Selbst die Bevölkerungsentwicklung ist zuletzt deutlich positiver - nach langen Jahren des „dramatischen Exodus“, wie es von der Wirtschaftsförderung der Stadt beschrieben wird.

Beim Ortsbesuch in Ostsachsen haben sich, neben der ausführlichen Analyse im Handelsblatt, auch fünf Dinge über Chemnitz herauskristallisiert, die Sie wissen sollten.

Erster Fakt: Karl Marx

1953 wurde Chemnitz von den Oberen der DDR in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Das ist insofern irreführend, weil Karl Marx rein gar nichts mit Chemnitz zu tun hat. Geboren wurde der Ur-Kommunist in Trier, er studierte in Bonn, promovierte zwar in Jena, arbeitete aber dann in Köln, Paris, London. Marx‘ Co-Kommunist Friedrich Engels lernte zwar in Manchester den Kapitalismus hassen, und Manchester ist auch Partnerstadt von Chemnitz – dem „Manchester Sachsens“ – aber Marx selbst war nie in, richtig, Manchester.

Zukunftsatlas 2016 – Chemnitz: Der heimliche Aufsteiger im Osten

Zukunftsatlas 2016 – Chemnitz

Premium Der heimliche Aufsteiger im Osten

Die Ergebnisse des Zukunftsatlas 2016 zeigen: In Chemnitz, dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt, herrscht eine höchst kapitalistische Dynamik.

Die Umbenennung geht demnach auf das Karl-Marx-Jahr 1953 zurück. Und da es im damaligen Ostblock sehr en vogue war, Metropolen nach bolschewistischen Ikonen zu benennen (vgl. Leningrad), traf es eben das als Arbeiterstadt bekannte Chemnitz. Die berühmte Portraitbüste von Marx, zweitgrößte ihrer Art (nach einer Lenin-Büste) und ebenfalls weltweit zweitgrößte freistehende Kopfstatue (nach der Sphinx), folgte 1971. Sie wurde vor der damaligen Chemnitzer SED-Zentrale errichtet, im Volksmund „Parteisäge“ genannt. Kopf wiederum wird in Sachsen „Nischel“ genannt, weswegen auch die Marx-Büste so gerufen wird. Klingt kompliziert? Niemand hat behauptet, dass der Sozialismus einfach wäre.

Zweiter Fakt: Industrieschwerpunkt

In Chemnitz sitzt seit 1852 mit dem Bohrwerkspezialisten Union Europas älteste Werkzeugmaschinenfabrik. Tatsächlich entwickelte sich die Region früh zu einem industriellen Zentrum. Gerade der Maschinenbau war und ist hier traditionell stark vertreten. Zu Zeiten der Weimarer Republik lebten bis zu 360.000 Menschen in der Stadt, die heute nach einem langen Exodus wieder 248.000 Einwohner beherbergt.

Industrie hatte schon vor dem Maschinenbau Tradition in Chemnitz. Ende des 18. Jahrhunderts entstand dort eine der ersten Webfabriken, und schon waren die Sachsen mitten drin in der Industriellen Revolution. Heute ist neben den Maschinenbauern vor allem die Automobilindustrie in der Stadt ansässig, einschließlich Zulieferern. Volkswagen hat dort ein Werk, Continental ist dabei und etliche Mittelständler. Seit einigen Jahren spuckt die Technische Universität auch eigenständige Beiträge zur Industrie 4.0 aus. Direkt am Campus wird Gewerbefläche auf Gewerbefläche ausgewiesen und am Fließband gebaut. Ein Gründerzentrum mit Büros, Laboren und Platz für alle Tischtennisplatten der Welt ist entstanden. Das führt zum nächsten Punkt…

Dritter Fakt: Gründerzeit

Die TU Chemnitz, die Stadt, der Freistaat Sachsen und die EU haben eins gemeinsam: Sie fördern vor Ort Exzellenzforschung und Ausgründungen. Die Hochschule ist zu einer mittelgroßen, aber feinen Uni geworden, die in diesem Jahrtausend bereits im positivsten Sinne – und buchstäblich - Hunderte Start-Ups ausgespien hat. Die Fachkräfte schaffen sich ihre Arbeitsplätze somit selbst. Dazu gehören Ausgründungen wie der Software-Hersteller Baselabs. Das Unternehmen liefert Schlüsseltechnologien für das autonome Fahren. Da kann das Silicon Valley im „Tal der Ahnungslosen“ anklopfen und um Rat fragen. Na gut, zumindest die japanische Autoindustrie.

Zwar zieht es immer noch junge Gründer in die Ferne (das erste Start-Up, was wir antelefonierten, hatte sich inzwischen nach Berlin verkrümelt); doch die Standortvoraussetzungen in Chemnitz bessern sich zusehends. Auch hier ist „Gründerzeit“ das Stichwort: Im bevölkerungsreichsten Stadtteil Kaßberg findet sich eines der größten Gründerzeit- und Jugendstilviertel Deutschlands. Die charmanten Altbauten bieten reichlich attraktiven Wohnraum, der in Städten wie Berlin inzwischen immer unbezahlbarere Dimensionen annimmt. Und auch wer neu bauen will, findet selbst in der Innenstadt noch ausgewiesene Baugebiete. Dort ist so ziemlich alles neu, nach den flächendeckenden Zerstörungen im zweiten Weltkrieg begann sich hier erst zur Jahrtausendwende etwas im Bereich nachhaltiger Gewerbebebauung zu tun.

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