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26.12.2015

10:12 Uhr

Zukunftsforscher

Deutsche sehen Flüchtlingszuzug mit Skepsis

Angesichts des Zuzugs von Hunderttausenden Flüchtlingen geben sich Politik und Wirtschaft optimistisch. Sie betonen die Chancen der Zuwanderung. Die Bevölkerung sieht das zum großen Teil anders, wie eine Umfrage zeigt.

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HamburgVon der Aufnahme der zahlreichen Flüchtlinge versprechen sich laut einer repräsentativen Umfrage nur wenige Deutsche positive Effekte für ihr Land. Lediglich 16 Prozent stimmten in einer Befragung des Ipsos-Instituts für den Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski der Aussage zu: „Die Flüchtlingswelle wird uns mehr wirtschaftliche Chancen als Probleme bringen“.

Kaum mehr Deutsche glauben, dass sich das Bild ihres Landes in der Welt durch die Willkommenskultur verbessert. „Deutschland wird durch die Aufnahme der vielen Flüchtlinge an Ansehen in der Welt gewinnen“ – diesen Satz befürworteten in der Befragung nur 20 Prozent. In Osten sehen das lediglich 12 Prozent so, in Westdeutschland 22. Unter Jugendlichen (14-17 Jahre) ist der Anteil mit 32 Prozent allerdings deutlich höher.

Opaschowski selbst meinte, dass die Zuwanderung nicht problematisch verlaufen müsse, wenn es für das Zusammenleben klare Prinzipien wie in den USA gebe. Als Beispiel nannte er erfolgreiche amerikanische Firmen, die Mitarbeiter aus bis zu 80 verschiedenen Nationen hätten, aber auch alles bis ins Detail über Compliance (Regeltreue) und Checklisten festlegten. „Als Wegweisung braucht man in Zukunft Verhaltensregeln“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Wo rechte Parteien gegen Flüchtlinge wettern

Polen

Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) ging aus der Parlamentswahl am 25. Oktober als Siegerin hervor. Sie hatte im Wahlkampf vor Integrationsproblemen gewarnt und sich gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge ausgesprochen.

Österreich

Die rechte FPÖ von Heinz-Christian Starche sammelt seit Jahren erfolgreich Protestwähler ein, die Flüchtlingskrise hat diese Tendenz verstärkt. Bei der Landtagswahl in Wien im Oktober wurde die FPÖ zweitstärkste Kraft, landesweite Umfragen sehen die Partei bei etwa 33 Prozent, gut zehn Prozentpunkte vor den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP.

Schweiz

Der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) hat die Flüchtlingskrise genutzt. Bei der Parlamentswahl am 18. Oktober behauptete sich die SVP mit Forderungen nach einer Verschärfung des Asylrechts und größerer Distanz zur EU klar als stärkste Partei.

Griechenland

Die rechtsextremistische Partei Goldene Morgenröte gewann bei der Parlamentswahl im September sieben Prozent. Damit wurde sie drittstärkste Kraft.

Dänemark

Die rechte Dänische Volkspartei ist nach der Wahl im Juni zweitstärkste Kraft im Parlament. Die DF erreichte 21,1 Prozent Stimmenanteil. Sie fordert einen kompletten Asylstopp. Doch auch die Sozialdemokraten und Liberalen sprechen sich für eine restriktive Flüchtlingspolitik aus.

Italien

Bei den Regionalwahlen im Mai verzeichnete die rechtspopulistische Lega Nord Zuwächse. In Venetien etwa erhielt sie 50 Prozent der Stimmen. In Umfragen lag sie im September landesweit bei 14 Prozent und wäre damit drittstärkste Partei. Sie will die Flüchtlingsboote gar nicht erst landen lassen.

Slowakei

Am 5. März 2016 findet die nächste Parlamentswahl in der Slowakei statt. Fast alle Parteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, auch die regierenden Sozialdemokraten.

Tschechien

Alle großen Parlamentsparteien sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. In einem Jahr finden in Tschechien Kommunal- und Teilwahlen zum Senat statt.

Niederlande

Die nächsten Wahlen in den Niederlanden sind erst für 2017 angesetzt. Umfragen zufolge wäre die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders derzeit stimmenstärkste Kraft.

Ungarn

Die regierende rechtskonservative Fidesz hat von ihrer strengen Flüchtlingspolitik profitiert und in Umfragen zugelegt.

Bestimmte Dinge wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau müssten einfach akzeptiert werden, damit ein gutes Zusammenleben möglich sei. Die Menschen wünschten sich das, auch wenn viele noch am Gelingen zweifelten. „Das Leitbild der nächsten Monate muss eigentlich lauten: gut zusammenleben“, betonte Opaschowski.

Eine Mehrheit der Deutschen hält laut der Umfrage die Politiker für überfordert. 56 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: „Die Politiker sind den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen.“ In Ortschaften unter 5000 Einwohnern sind es gar 66 Prozent, die von der Politik kaum noch Lösungen erwarten. „Generell nehmen die Vertrauensverluste gegenüber der Politik zu“, konstatierte Opaschowski.

Erst kürzlich hatten der Zukunftsforscher und die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen von einer Rückkehr der „German Angst“ gesprochen. Erstmals seit Jahren blicke die Mehrheit der Deutschen eher mit Angst als Zuversicht auf das kommende Jahr, die Zahl der Pessimisten sei deutlich größer die der Optimisten.

Die Bürger reagierten mit mehr zwischenmenschlichem Vertrauen im privaten Bereich und suchten soziale Geborgenheit in der Familie oder im Freundeskreis, erklärte Opaschowski. Er verwies dabei auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach die Ehen wieder stabiler werden und die Zahl der Scheidungen sinkt.

Die BAT-Stiftung sieht ebenfalls eine „Renaissance der menschlichen Nähe“. Sie berief sich dabei auf eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK. Demnach erwarten 44 Prozent der Befragten im kommenden Jahr, dass die Menschen näher zusammenrücken, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Mit einem Auseinanderdriften rechnen 56 Prozent, drei Prozent weniger als vor Jahresfrist.

Von

dpa

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