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01.05.2015

14:23 Uhr

Zum Tag der Arbeit

Nicht weniger, aber anders

VonKlaus F. Zimmermann

Die Fesseln der starren Arbeitswelt sind gesprengt. Doch statt eines Freiheitsgefühls macht sich bei den Menschen Nervosität breit. Arbeitsmarkt-Experte Klaus F. Zimmermann erklärt, wie er die Zukunft der Arbeit sieht.

Szene aus dem Charlie-Chaplin-Film „Moderne Zeiten“. Getty Images

Wie arbeiten wir morgen?

Szene aus dem Charlie-Chaplin-Film „Moderne Zeiten“.

Es ist ein alter Menschheitstraum, die Fesseln der starren Arbeitswelt zu sprengen und freier zu werden. Im Unterschied zu früheren Zeiten bieten sich heute viel größere Möglichkeiten, Arbeit und private Zeit flexibel in Einklang zu bringen und diesen Traum zu verwirklichen. Doch statt des großen Freiheitsgefühls macht sich in der Bevölkerung erhebliche Nervosität breit: Geht uns die Arbeit aus? Ist mein Job noch sicher?

Diese Ängste gibt es überall, nicht nur in den großen Industrienationen. Ein klares Zeichen für den profunden Wandel, den wir erleben, ist die Tatsache, dass jetzt sogar die Chinesen massiv auf den Einsatz von Industrierobotern setzen. Denn auch das chinesische Arbeitskräftepotenzial – lange das Schreckgespenst der westlichen Welt, die sich vor der Verlagerung von Fertigungsjobs nach China fürchtete – hat seinen Zenit erreicht. Dass sogar das bevölkerungsreichste Land der Erde die Automatisierung für sich entdeckt, belegt, vor welch tiefgreifendem Wandel wir stehen.

Der Autor ist Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Herausgeber des Online-Lexikons IZA World of Labor. Quelle: Sueddeutsche

Klaus F. Zimmermann

Der Autor ist Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Herausgeber des Online-Lexikons IZA World of Labor.

Quelle: Sueddeutsche

Doch der Arbeitsmarktdruck ist fast überall zu spüren. In Indien, das schon bald China als bevölkerungsreichste Nation ablösen wird, müssen jedes Jahr mehr als zehn Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, um Berufseinsteiger in Lohn und Brot zu bringen. Und Hochschulabsolventen stellen rund um den Globus fest, dass ein akademischer Titel keine Jobgarantie mehr ist. Wir leben in einer Zeit, in der ganze Tätigkeitsprofile fernab der Industrieproduktion zur Disposition stehen. Intelligente Maschinen ersetzen längst nicht mehr nur Fließbandarbeitsplätze. Roboter und Computer setzen eine Vielzahl von etablierten Berufsbildern unter Druck – von Piloten und Lkw-Fahrern über Ärzte bis hin zu Köchen.

Bislang deutete die wissenschaftliche Forschung nur auf mögliche negative Beschäftigungseffekte für Arbeitskräfte mit geringem bis mittlerem Qualifikationsniveau hin. Nun aber prognostizieren Forscher der Universität Oxford, dass in 20 Jahren jeder zweite Arbeitsplatz von der Automatisierung betroffen sein könnte, darunter auch viele Berufe mit hohen formalen Qualifikationen. Diese Analysen müssen aufmerksam geprüft und verfolgt werden, um der Politik rechtzeitig geeignete Handlungsalternativen aufzeigen zu können.

Zwar lässt sich die Zukunft auch weiterhin nicht sicher vorhersagen. Fest steht aber, dass die lebenslange Beschäftigung beim selben Unternehmen und selbst formale Arbeitsverträge in den entwickelten Nationen seltener werden und ihre dominante Rolle verlieren. Das etablierte Normalarbeitsverhältnis, ohnehin nur ein Kind der ökonomisch so erfolgreichen sechziger Jahre, wird schon heute von vielen Varianten herausgefordert.

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