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16.06.2017

18:03 Uhr

Zum Tode Helmut Kohls

Der Unbeirrbare

VonRüdiger Scheidges

Vom jungen Wilden zum Kanzler der Einheit: Helmut Kohl begann als Reformer und blieb bis zuletzt ein Visionär. Ein Visionär, der für ein Europa kämpfte, wie wir es heute kennen. Doch eins blieb er immer – streitbar.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl während der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag in Bonn am 28. November 1989. dpa

„Kanzler der Einheit“

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl während der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag in Bonn am 28. November 1989.

BerlinProfessionelle Deuter und Mythologen werden am Zeitpunkt des Todes von Helmut Kohl einiges zu interpretieren finden. Denn just in dem Moment, da sich Europa – das zuletzt so zerstrittene Europa – mit Rückenwind Frankreichs im Moment seiner größten Krise allmählich wieder gestärkt zeigt, stirbt der Politiker, der wie kein anderer seiner Vision eines geeinten Europa folgte. Ein Europa in dem es, wie er im Jahr 2001 noch glaubte, „nie wieder Krieg geben kann“. Und um das das nach Euro-Krise, Brexit, diplomatischen Ernstfällen und dem Erfolgszug von Populisten so schlecht stand. Hat ihm, dem bereits schwerkranken 87-Jährigen, das Zerren um Europa, den Euro, die Währungsunion so zugesetzt, dass seine Kräfte endgültig erlahmten? Oder haben ihm die Signale, die Kerneuropa zuletzt sandte, eine Last vom Herzen genommen?

Helmut Kohl hat es nach der auch von ihm unverhofften Wiedervereinigung im Jahre 1989 vermocht, gegenüber allen bangen Nachbarn das neue „Großdeutschland“ kleinzureden. Der Mann, gewappnet mit seinem zivilen Harmlos-Tarnanzug aus Strickjacke und Filzpantoffeln, der nicht nur mit dem russischen Präsidenten Michail Gorbatschow in der Sauna Politik trieb und auch François Mitterrand Pfälzer Saumagen vorsetzen ließ, nahm ihnen allen die Angst. Die Angst vor einem bald schon wieder drohenden germanisierten Europa. Einem Europa, in dem Deutschland die Führungsrolle zufiel. Einem Europa, was Kohls Nachfolgerin Angela Merkel heute zusammenbindet.

Der Pfälzer Kohl, nahe beim früheren deutschen Erzfeind Frankreich 1930 auf die Welt gekommen, agierte in ganz Europa mit seiner ganz eigenen Art der politischen Kunst: Sein steter Wechsel zwischen bieder-persönlichem und politisch-anekdotischem Erzählen wickelte sein Gegenüber oft genug in diese seine demonstrierte Gemütlichkeit ein. Ausgerechnet der Mann, der wie kein zweiter Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik durch und durch ein gewiefter Machtmensch, ein Machiavellist höchster Güte und bereit war, alle Mittel zu nutzen, ausgerechnet er erreichte für Deutschland einen gigantischen Vertrauensvorschuss – mit bisher großer Belastbarkeit.

„Kanzler der Einheit“: Helmut Kohl ist tot

„Kanzler der Einheit“

Helmut Kohl ist tot

Helmut Kohl hat Deutschland geprägt wie kaum ein anderer Politiker. Nun ist der Altbundeskanzler im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben. Die Bundeskanzlerin erreichte die Meldung während einer Reise nach Rom.

Kohl, der sich später immer wieder selbst zum „Kanzler der Einheit“ kürte, widerstand der Versuchung, im emotionalen Sog der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands nationalistische Töne anzuschlagen. Das war keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für den doch in seinen Reden und Appellen an die „Leut’“ oft und arg ins Pathetische und Sentimentale abgleitenden Gemütsmenschen. Doch auch das hatte, wie bei Kohl fast immer, Methode.

„In meinem gesamten politischen Leben war und ist persönliches Vertrauen immer besonders wichtig, wichtiger als rein formale Überprüfungen“, skizzierte er einmal sein wenig staatsmännisch daherkommendes Agieren. Doch schon in diesen wenigen Worten spiegeln sich früher Glanz und spätes Elend Kohls wider. Denn er bekennt sich mit diesen Worten dazu, ein politischer (später auch juristischer) Hasardeur zu sein, ein emotionaler Pfadfinder, den der persönliche Instinkt mehr leitet als kühle Vernunft, Vorschrift, Recht, Gesetz, Regeln.

In diesem Später, etwa in der Parteispendenaffäre, sollte ihm solches Verhalten zum Verhängnis werden. Doch während des europäischen Einigungsprozesses hat es viele Türen geöffnet: diese eher hemdsärmelige Art, fünfe gerade sein zu lassen. Bei Gorbatschow natürlich, dem er zwar zutiefst misstraute, aber der ihm traute. Sogar bei Margaret Thatcher, die ihm und seinem Land tiefes Misstrauen entgegenbrachte und auch bei Mitterrand, der sich erkennbar schwerer Bedenken hingab, dass wiedervereinte Deutschland könne Frankreich in Europa wenn zwar nicht marginalisieren, so doch übertrumpfen.

Die Tatsache, dass beide, Mitterrand und Thatcher, hinter Kohls Rücken die Wiedervereinigung dennoch hintertreiben wollten, hat den Herzenseuropäer womöglich irritiert. Abbringen von seinem beharrlich verfolgten Weg konnten die beiden Kohl, der Europa als späte Alternative zum Nationalstaat begriff, nicht. Doch die fällige Konsequenz aus dieser Überzeugung zog er nie: die politische Union.

Vielleicht war er da nur knallharter Realist. Unvergessen sind in diesem Zusammenhang die Worte von Jacques Attali, einem Intellektuellen, der damals Berater Mitterrands war: „Die Macht Deutschlands beruht auf der Wirtschaft, und die D-Mark ist Deutschlands Atombombe.“ Die Angst vor dem wiedererstarkten, womöglich übermächtigen Deutschland wirkte eben doch nach. Auch heute treibt sie Merkels Kritiker im Ausland um. Es ist ein ungewolltes Erbe.

Der „Euro-Fighter“, so nannte ihn 2012 Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz, ließ sich von seinen eisernen politischen Visionen leiten, von dem ihm politisch notwendig Erscheinenden, nicht von der Ökonomie. „Koste es was es wolle“: Europa musste sein, vereinigt, größer, tiefer und mit einem Deutschland, das endlich akzeptiert und tief verwurzelt würde. Die Rechnung, auch das wusste Kohl, sollte erst viel später ausgestellt werden. Damals war sie ihm egal. Mit Grund.

„Diese Union steht für unsere gemeinsame Entschlossenheit, der jahrhundertelangen Zerstrittenheit ein Ende zu setzen und die früheren Trennungslinien auf unserem Kontinent hinter uns zu lassen“, befanden im Jahre 2003 Kohl und mit ihm sämtliche europäischen Staatsoberhäupter. Damals feierten sie – zu Füßen der Akropolis (!) – den Beitritt von zehn neuen Mitgliedsstaaten.

Damals ordnete der passionierte Homo politicus alles der Politik und dem großen politischen Ziel der Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn unter. Er kannte damals, merkt sein Biograf Schwarz milde spöttisch an, „kein schöneres Ziel, als möglichst viel von deutscher Souveränität auf Europa zu übertragen.“

Innenpolitisch wurde Kohl wegen dieser europäischen Visionen, an denen jegliche ökonomischen Bedenken zerschellten, hart angegangen. Kurt Biedenkopf, früher von Kohl gefördert bis zum Generalsekretär, dann wie so viele andere seiner Wegbegleiter in Ungnade gefallen, schalt: „Deutschland hat im Grunde keine Möglichkeit mehr, die Fortsetzung seiner Geldpolitik in der EU einzuklagen, falls die anderen Teilnehmer sich eines anderen besinnen sollten.“

Kommentare (13)

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Herr Hans-Jörg Griesinger

16.06.2017, 18:38 Uhr

Hätte Kohl gewünscht, dass er noch den Untergang des Euros miterlebt, den er gegen den Willen und ohne jegliche Legitimation durchgedrückt hat.
Die Folgen dieses Desasters sehen wir heute. Erst Euro, dann Agenda, dann Reallohnkürzungen und jetzt gehts an die Spareinlagen und Altesvorsorgen, die für diese Scheisswährung und die überschuldeten Südländer vernichtet werden sollen.

Herr Hans-Jörg Griesinger

16.06.2017, 18:38 Uhr

Hätte Kohl gewünscht, dass er noch den Untergang des Euros miterlebt, den er gegen den Willen und ohne jegliche Legitimation des Bundesbürger politisch durchgedrückt hat.

Herr Helmut Metz

16.06.2017, 19:02 Uhr

@ H-J. Griesinger

Helmut Kohl konnte nicht anders. Der Euro war der Preis der Einheit. Insbesondere der französische Preis der Einheit.
Man kann auch heute leicht sagen: die 1:1-Umstellung der DDR-Mark war ein Riesenfehler. Hätte es aber eine realistische Alternative gegeben? Es ist ein "offenes Geheimnis", aber letztendlich hat die Bundesbank einen Großteil der Kosten der Deutschen Einheit "gedruckt".
Ich tendiere dazu, dass der Nutzen in diesem Falle höher war als der Schaden...

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