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16.04.2015

09:20 Uhr

Zurück in die Heimat

Einfach abgeschoben – nach Deutschland

VonStefan Kaufmann

Fast 11.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr aus Deutschland abgeschoben. Doch niemand redet über den umgekehrten Weg. Auch Hunderte Deutsche mussten 2014 zwangsweise zurück in ihre Heimat reisen. Warum eigentlich?

Nicht alle Fluggäste kehren freiwillig nach Deutschland zurück. Getty Images

Zurück ins Heimatland

Nicht alle Fluggäste kehren freiwillig nach Deutschland zurück.

DüsseldorfDieser Mann hat sich viele Namen gegeben: Wolfgang S., Christian L. oder, besonders wohlklingend, Bruder Andre Kardinal von Hohenzollern-Sigmaringen. Unter diesem Namen ist der heute 66-Jährige durch Brasilien gereist, hat sich als Kirchenmann ausgegeben, als Gesandter Roms, hat in Klöstern gewohnt und Messen gelesen. Wenn er aufflog, zog er weiter. In Sao Paulo warnte das Erzbistum vor dem Deutschen in weißer Tracht mit der Bibel unter dem Arm und einem großen Kreuz um den Hals. Als die brasilianische Polizei ihn im November 2014 aufgriff, gab er sich als Bischof von Osnabrück aus, konnte sich aber nicht ausweisen. Kurze Zeit später saß er im Flieger – zurück in sein Heimatland. Abgeschoben.

In Deutschland ist uns der umgekehrte Weg geläufiger. Täglich entscheiden Behörden über die Zukunft von Menschen. Flüchtlinge, deren Asylantrag in Deutschland abgelehnt wird, müssen die Bundesrepublik verlassen und werden in ihre Heimat geschickt. Aber auch straffällige Ausländer müssen das Land verlassen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 10.884 Menschen aus Deutschland abgeschoben, 8557 mit dem Flugzeug, 2301 auf dem Landweg und 26 per Schiff.

Von welchen Flughäfen die Menschen abgeschoben werden

2747

2747 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Frankfurt abgeschoben.

Quelle: Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Linken (16. Februar 2015)

1711

1711 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Düsseldorf abgeschoben.

1130

1130 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Berlin-Tegel abgeschoben.

817

817 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen München abgeschoben.

638

638 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Hamburg abgeschoben.

509

509 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Berlin-Schönefeld abgeschoben.

348

348 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Baden-Baden abgeschoben.

260

260 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Hannover abgeschoben.

227

227 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Stuttgart abgeschoben.

135

135 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Leipzig abgeschoben.

26

26 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Köln/Bonn abgeschoben.

8

Acht Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Bremen abgeschoben.

1

Eine Person wurde im Jahr 2014 über den Flughafen Dresden abgeschoben.

Es gibt aber auch Menschen, die unfreiwillig nach Deutschland geschickt werden. Um abgelehnte Asylanträge geht es bei ihnen nicht – sie haben in der Regel gesetzeswidrig gehandelt. Der falsche Kardinal in Brasilien ist ein Beispiel dafür. Er selbst machte die Erfahrung einer Abschiebung nach Deutschland gleich mehrmals. Bereits 2004 und 2010 wurde er enttarnt, als er in Brasiliens Nordosten bei katholischen Einrichtungen um Unterkunft und finanzielle Hilfe bat. 2014 folgte die dritte Abschiebung.

Wie ihm erging es im vergangenen Jahr Hunderten anderen deutschen Staatsbürgern. Für 2014 verzeichnete das Innenministerium insgesamt 306 Rückführungen nach Deutschland. Davon 63 aus der Schweiz, 44 aus Österreich, 36 aus Spanien und 27 aus den USA. Im Jahr zuvor wurden 336 Rückführungen registriert, 2012 waren es 363. Festgehalten wurden die Fälle, in die die Bundespolizei involviert war.

So kommen die Flüchtlinge nach Europa

Lampedusa

Lampedusa ist ein beliebtes Ziel für Flüchtlingsboote. Die italienische Mittelmeerinsel liegt nahe der nordafrikanischen Küste. Doch es gibt noch andere Routen über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Quelle: Frontex Annual Risk Analysis 2013

Osteuropäische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 407

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Ukraine: 330
Afghanistan: 52
Vietnam: 47

Balkan-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 5.634

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Afghanistan: 1.693
Syrien: 1.139
Kosovo: 979

Östliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 12.962

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 8.241
Afghanistan: 2.488
Somalia: 760

Albanien-Griechenland Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.515

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Albanien: 3.466
Mazedonien: 14
Georgien: 13

Apulien und Kalabrien

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 7.751

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 3.040
Nigeria: 684
Eritrea: 475

Zentrale Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 56.446

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Eritrea: 17.829

Unbekannt: 9.494
Syrien: 8.588

Westliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.331

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Mali: 783
Kamerun: 730
Guinea: 294

Westafrikanische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 146

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Marokko: 30
Mali: 24
Guinea: 16

Gründe dafür gibt es mehrere: Ein Deutscher wird im Ausland ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung oder Papiere aufgegriffen. Oder ein Deutscher wird per internationalem Haftbefehl gesucht, gefunden – und nach Deutschland abgeschoben. Ein weiteres Beispiel nennt die Bundespolizei: Ein deutscher Staatsbürger begeht im Ausland eine Straftat und wird zu einer Haftstrafe verurteilt, deren Vollzug jedoch zugunsten einer Abschiebung ins Heimatland ausgesetzt wird.

Jüngst meldeten sich die türkischen Behörden bei ihren deutschen Kollegen wegen Marc Kerim B., der an einem Grenzposten aufgeschnappt worden war. Die Türkei hatte ihre Kontrollen verschärft, um ausländischen Extremisten die Reise nach Syrien zu erschweren. Wie sich herausstellte, lag gegen den Deutschen ein europäischer Haftbefehl vor. B. wurde verdächtigt, sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen zu haben. Am 4. März 2015 wurde er nach Deutschland abgeschoben – bei seiner Ankunft nahmen ihn Beamte der Bundespolizei fest.

Kommentare (28)

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Herr Horst Meiller

16.04.2015, 09:38 Uhr

"Flüchtlinge, deren Asylantrag in Deutschland abgelehnt wird, müssen die Bundesrepublik verlassen und werden in ihre Heimat geschickt."
Das ist schlicht gelogen, die Realität sieht vielmehr so aus, daß die Meisten hierbleiben und "geduldet" und irgendwann zu Zuwanderern umgedeutet werden! )o:)

Herr Josef Schmidt

16.04.2015, 09:49 Uhr

Es gibt mittlerweile über 150000 abgelehnte Asylanten davon über 40000 unmittelbar ausreisepflichtig und jetzt kommt Ramelow und will eine schnelle Einbürgerung von Asylbewerbern und illegal in Deutschland lebenden Ausländern ermöglichen..

Die Presse berichtet mal wieder daneben aber das ist ja daily business.

Account gelöscht!

16.04.2015, 09:55 Uhr

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