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15.11.2013

07:14 Uhr

Zusatzversicherung

Der Pflege-Bahr boomt

Noch-Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat für die nach ihm benannte Pflege-Zusatzversicherung viel Kritik einstecken müssen. Nun boomt der „Pflege-Bahr“. Doch was Union und SPD damit machen, ist offen.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fühlt sich durch die jüngsten Zahlen bestätigt. dapd

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fühlt sich durch die jüngsten Zahlen bestätigt.

BerlinElf Monate nach dem Start des so genannten „Pflege-Bahr“ schließen immer mehr Menschen die staatlich geförderte Zusatzversicherung ab. Zurzeit würden pro Arbeitstag rund 1600 Verträge zur Absicherung gegen das Pflegekosten-Risiko abgeschlossen. Das geht aus aktuellen Daten hervor, die der dpa vorliegen. Sie stammen vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV).

Kurz nach dem Start der Versicherung waren es im Januar 2013 noch rund 240 und im Juni rund 1000 neue Verträge pro Arbeitstag. Der scheidende Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte, die neue Möglichkeit, erstmals eine private geförderte Pflegevorsorge abzuschließen, werde genutzt. „Es war richtig, dass erstmals auch viele Menschen mit Vorerkrankungen nun eine private Versicherung abschließen können.“ Klar sei, dass es wie bei der Riester-Rente seinerzeit einige Zeit bis zum Erfolg dauert.

Was Verbraucherschützer vom neuen Pflege-Bahr halten

Edda Castelló 1

Ist die neue Pflegeversicherung ein Durchbruch für die Versicherten?

Der Pflege-Bahr ist nichts anderes als eine Promotion für die Versicherungsbranche. (Analog,  Riester, Rürup). Wir meinen: Bis 65 Jahre sollte man sich erst einmal auf die Altersvorsorge konzentrieren und, wenn man Geld übrig hat, dafür sparen.

1949 in Hamburg geboren begann Edda Castelló nach ihrem Abitur 1968 zunächst eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Von 1974 bis 1981 studierte sie Jura. Seit 1982 arbeitet Castelló bei der Verbraucherzentrale in Hamburg. Am 3. Juni 2013 wurde sie von Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung und Verbraucherschutz, mit dem Bundespreis für Verbraucherschutz geehrt.

Edda Castelló 2

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei diesem Produkt?

Ist die Altersvorsorge in trocknen Tüchern, kann man mit dem Sparen für Pflege anfangen. Aber da alle Varianten der Pflegeversicherung fest in der Hand der Branche sind, gibt es auch hier wieder die gleichen Probleme: Hohe Kosten, Intransparenz. Besser, man spart selber für die Pflege, zB mit Festgeldsparen.

Edda Castelló 3

Welche Zielgruppen profitiere besonders, welche nicht?

An sich – das ist unsere Hauptmeinung – gehört die Absicherung der Pflege als gesellschaftliches Problem auch in die Hände einer kollektiven Sicherung, und zwar im Umlageverfahren. Also: Stützung/Verbesserung der gesetzlichen Pflegeversicherung! Wir brauchen keine „zweite private Säule“, weil die Mittel dafür wieder der Versicherungsbranche zufließen.

Axel Kleinlein 1

Ist die neue Pflegeversicherung ein Durchbruch für die Versicherten?

Vermutlich nicht, da damit zu rechnen ist, dass die vermeintlich noch annehmbaren Prämien zukünftig stark steigen werden. Das liegt daran, dass die Versicherer eigentlich keine Erfahrungen damit haben, derartige Produkte zu kalkulieren. Denn sie müssen jedem Interessenten einen Vertrag anbieten, egal wie hoch das persönliche Risiko ist.

Politisch ist aber positiv zu bewerten, dass die Politik sich überhaupt mit dieser Risikoabsicherung beschäftigt hat. Die Politik hat es aber versäumt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, wenn beschlossen wurde, dass private Versicherer einen Ersatz für vormals staatliche Absicherungen bieten sollen. Zum Beispiel bei der BU-Versicherung oder der Riester-Rente sind die Versicherer ja immer noch den Beweis schuldig geblieben, dass sie diese Absicherungen besser beherrschen als die umlagefinanzierten staatlichen Systeme.

Der 1969 in Unterfranken geborene Diplom-Mathematiker Axel Kleinlein war von 2011 bis 2013 Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV). Davor war er mit Unterbrechungen in der Versicherungsbranche tätig.

Axel Kleinlein 2

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei diesem Produkt?

Von Vorteil ist erst einmal, dass durch die Diskussion um den Pflege-Bahr eine Sensibilisierung für das Thema erreicht wurde. Ich bezweifle aber, dass das Ergebnis der Diskussion, der jetzt vorliegende Pflege-Bahr, wirklich auf Dauer das leisten kann was er soll. In jedem Fall ist es ein kalkulatorischer Blindflug der Versicherungsmathematiker, da die Privatwirtschaft ja keine Erfahrung mit derartigen Produkten mit Kontrahierungszwang hat.

Axel Kleinlein 3

Welche Zielgruppen profitiere besonders, welche nicht?

Vermutlich profitieren an erster Stelle die Versicherer. Ob die Vermittler vom Pflege-Bahr profitieren ist fraglich. Denn es ist zu befürchten, dass die Beratungsarbeit durch den Pflege-Bahr zugenommen hat und damit auch die Verantwortung größer geworden ist und damit das Haftungsrisiko für die Vermittler weiter angestiegen ist. Denn es kann ja durchaus sein, dass für einige Kunden die ungeförderten herkömmlichen Angebote günstiger sind als eine geförderte Pflegeversicherung.

Welche Kunden profitieren, kann man frühestens in fünf Jahren analysieren, wenn die ersten Leistungen dann auch ausgezahlt werden. Eine vorläufige Evaluation über den Erfolg oder Misserfolge des Projekts Pflege-Bahr wird man aber nicht vor 2020 vornehmen können.

Gerd Billen 1

Ist die neue Pflegeversicherung ein Durchbruch für die Versicherten?

Die neue Pflegeversicherung soll die Finanzierung des Risikos Pflegebedürftigkeit auf eine neue Basis stellen, indem die freiwillige Vorsorge gefördert wird. Doch sie greift aus unserer Sicht nicht. Mit einer Förderung von fünf Euro im Monat und einem Eigenbeitrag von zehn Euro lässt sich keine ausreichende Absicherung erreichen. Es ist damit volkswirtschaftlich nicht sinnvoll, in diese Form der Risikoabsicherung zu investieren. Die Mittel sollten eher in das bestehende, solidarische und paritätische Umlagesystem fließen. Es bietet eine wesentlich effizientere Alternative.

Gerd Billen hat von 1979 bis 1984 Sozial-, Ernährungs- und Haushaltswissenschaften studiert. Seit 2007 ist er Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in Berlin.

Gerd Billen 2

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei diesem Produkt?

 Zwar müssen die Versicherer allen Verbrauchern unabhängig vom Gesundheitszustand einen Versicherungsschutz anbieten. Die Pflege-Bahr-Tarife taugen nach einem Test der Stiftung Warentest jedoch nur wenig, um die finanzielle Lücke im Pflegefall zu schließen. Die Vertragsbedingungen sind demnach oft deutlich schlechter als bei Tarifen, die nicht vom Staat gefördert werden.

Gerd Billen 3

Welche Zielgruppen profitiere besonders, welche nicht?

Da die geförderten Pflege-Bahr-Tarife allen Verbrauchern offen stehen, erhalten Menschen mit Vorerkrankungen die Möglichkeit, eine private Zusatzversicherung abzuschließen. Doch die Anbieter kalkulieren entsprechend – die Tarife sind teurer. Die Folge: Für junge und gesunde Menschen lohnen sich eher ungeförderte Tarife. Die Produktwelt teilt sich in Angebote für gesunde und für kranke Menschen, und der Abschluss wird eine Frage des Geldes. Wir befürchten Mitnahmeeffekte wie bei der Riester-Rente: Diejenigen, die sich das Produkt leisten können, nutzen auch die Förderung. Menschen mit wenig Budget haben das Nachsehen.

Elke Weidenbach 1

Ist die neue Pflegeversicherung ein Durchbruch für die Versicherten?

Pflege-Bahr ist eingeführt worden, um einen Anreiz für eine ergänzende und eigenständige Pflegeversorgung zu schaffen. Als Eckpunkt für die finanzielle Förderung ist vorgeschrieben, dass in Pflegestufe III mindestens 600 € Pflegegeld gezahlt werden und auch in allen anderen Pflegestufen ein gewisses Pflegetagegeld gezahlt wird. Private Versicherer bieten schon länger Zusatzversicherungsschutz auch in Form einer Pflegetagegeldversicherung an. 

Die Juristin Elke Weidenbach arbeitet in der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Die Versicherungsexpertin beschäftigt sich mit allem, was in der Versicherungsbranche aktuell und relevant ist.

Elke Weidenbach 2

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei diesem Produkt?

Vorteile: Es darf keine Gesundheitsprüfung und keine individuelle Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse für Vorerkrankungen geben. Dadurch wird gerade Menschen mit chronischen oder (schweren) Vorerkrankungen die Gelegenheit gegeben eine zusätzliche Absicherung zu erhalten. Ansonsten würden diese Personen keinen zusätzlichen privaten Schutz erhalten können.

Nachteile:

- Bei Abschluss des Vertrages dürfen noch keine Pflegeleistungen bezogen worden sein

- Wartezeit darf bis zu 5 Jahren betragen

- das staatlich geförderte Pflegegeld wird voraussichtlich teurer werden als eine ungeförderte Pflegetagegeldvers., bei der eine Gesundheitsprüfung erfolgt

Elke Weidenbach 3

Welche Zielgruppen profitiere besonders, welche nicht?

Gerade bespielsweise chronisch Kranke mit einem erhöhten Pflegerisiko haben hier die Chance einen zusätzlichen Schutz zu erhalten. Perspektivisch sollten aber die anfallenden Beiträge auch auf Dauer gezahlt werden können. Geringverdiener sollten sich den Abschluss eines solchen Vertrages überlegen, da die Leistungen der staatlich geförderten ergänzenden Pflegezusatzversicherung auf die Grundversorgung angerechnet werden. Gerade, wenn man jung und gesund ist, lohnt sich Vergleich zu ungeförderten Produkten.

Peter Grieble 1

Ist die neue Pflegeversicherung ein Durchbruch für die Versicherten?

Das Thema Pflege nimmt an Bedeutung stark zu. Vielfach werden jedoch die finanziellen Folgen einer Pflegebedürftigkeit unterschätzt. Der Pflege-Bahr kann dazu beitragen, das Bewusstsein für die Thematik und die Sinnhaftigkeit einer Absicherung zu schärfen. Er kann einen Teil der notwendigen Absicherung darstellen, reicht alleine üblicherweise nicht aus. Für Verbraucher wichtig ist daher die Prüfung, ob und wie er in die persönliche Absicherungsplanung für den Fall der Pflegebedürftigkeit integriert wird.

Dr. Peter Grieble ist Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Peter Grieble 2

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei diesem Produkt?

Vorteile:

- Bewusstseinsschärfung

- Keine Gesundheitsprüfung, daher Zugang für Personen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung.

- Top-Tarife gibt es bei den ungeförderten Pflegeversicherungen – mit Bedingungen wie Beitragsbefreiung im Leistungsfall, weltweitem Versicherungsschutz etc.

Nachteile:

- Zulage kann auch für Gesunde die Pflege-Bahr-Versicherungen attraktiv werden lassen. Doch ist das oft eine Cent-Rechnerei. Die Höhe der Zulage mag ein Anfang sein, doch sind 5 Euro im Monat teilweise nicht entscheidungsrelevant. Wünschenswert ist eine deutliche Erhöhung.   

- Wartezeit von 5 Jahren ist zumindest für Gesunde eine massive Zugangshürde.

Peter Grieble 3

Welche Zielgruppen profitiere besonders, welche nicht?

- Personen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung

- Manche Gesunde, die genau kalkulieren und die PB-Versicherung in ihre Absicherungsplanung integrieren

- Wer altruistisch Personen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung unterstützen will – Abschluss von Gesunden hilft, die Beiträge nicht emporsteigen zu lassen.   

- Nicht profitieren Verbraucher, denen 5 Euro nichts bedeuten, die die Wartezeit nicht akzeptieren und insbesondere solche, die für sich allgemein Top-Tarife wollen – die werden geboten von den ungeförderten Pflegeversicherungen  

Union und SPD beraten an diesem Sonntag in ihren Koalitionsverhandlungen über die Pflege. SPD-Verhandlungsführer Karl Lauterbach hatte im Wahlkampf versprochen: „Das unsinnige Geschenk von Schwarz-Gelb an die Privatassekuranz von fünf Euro im Monat wird abgeschafft.“ Beim „Pflege-Bahr“ wird die Fünf-Euro-Zulage pro Monat bezahlt, wenn der Versicherte einen Mindestbeitrag von zehn Euro zahlt. Risikozuschläge und Gesundheitsprüfungen sind nicht zulässig.

PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach sagte: „Angesichts der stark steigenden Nachfrage rechnen wir damit, dass die geförderte Pflegezusatzversicherung im nächsten Jahr die stolze Marke von einer Million Verträgen erreichen wird.“ 270.000 abgeschlossene Verträge, für die bereits Geld fließe, gebe es bisher, dazu kämen 62.600 zwar unterschriebene Verträge, die aber erst noch beginnen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte zuerst über die Zahlen berichtet.

Verbraucherschützer hielten an ihrer bereits vor Einführung des Konstrukts geäußerten Kritik am „Pflege-Bahr“ fest. Der Vertrag halte oft nicht, was er verspreche, sagte der Pflegeexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Dieter Lang. „Wir sollten den 'Pflege-Bahr' auslaufen lassen.“

Von

dpa

Kommentare (5)

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Freidenker

15.11.2013, 08:22 Uhr

Ist immer wieder lustig wie Menschen "Gelder" in Papieren verbrennen :)

Der_ewige_Spekulant

15.11.2013, 10:10 Uhr

"Unser Anliegen ist es, dass es dabei inhaltlich, aber nicht persönlich, und meinungsfreudig, aber nicht bis ins Extreme, zur Sache geht."

Offensichtlich werden beim HB persönliche Beleidigungen toleriert.

Beobachter

15.11.2013, 10:26 Uhr

Wenn's doch stimmt !

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