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22.06.2011

04:03 Uhr

Zuwanderungsexperte

Fachkräftekonzept greift nicht weit genug

Die Bundesregierung hat ein Konzept erdacht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Den Bedarf sollen auch Zuwanderer lindern. Viel zu wenig, findet ein Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Der Turm soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpa

Der Turm soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren.

BerlinDas Fachkräftekonzept der Bundesregierung wird nach Einschätzung des Wissenschaftlers Herbert Brücker den akuten Bedarf der Wirtschaft kaum lindern können. „Diese Maßnahmen für Ärzte und Ingenieure werden keine Massenzuwanderung auslösen“, sagte der Zuwanderungsexperte und Wirtschaftsprofessor in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters.

„Wenn wir dort eine Zuwanderung von deutlich über 1000 Personen im Jahr erreichen, wären wir schon ganz gut dabei.“ Das Konzept der Regierung greife hier zu kurz. „Die Tür wird nur einen Spalt geöffnet“, sagte Brücker. Notwendig sei jährlich unterm Strich eine Zuwanderung von etwa 200.000 Personen, um den Rückgang des einheimischen Arbeitskräftepotenzials aufzufangen.

Deutsche Firmen dürfen künftig Ingenieure für Maschinen- und Fahrzeugbau sowie für Elektrotechnik, aber auch Ärzte aus Nicht-EU-Staaten einstellen, ohne nachweisen zu müssen, dass kein einheimischer Bewerber verfügbar ist. Dies sieht das Fachkräftekonzept vor, das am Vormittag vom Kabinett beschlossen werden soll.

Vorrangig setzt die Regierung aber auf eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren sowie auf eine bessere Bildung und Qualifizierung von jungen Leuten. Die Prioritäten müssten genau umgekehrt gesetzt werden, forderte der Experte für Zuwanderung und Arbeitsmarktpolitik beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Forschungszweig der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Migration qualitativ steuern

Der Befund der Bundesregierung sei richtig, dass durch den demografischen Wandel die Zahl der Arbeitskräfte dramatisch sinken werde. „Das kann man durch die Mobilisierung inländischer Potenziale nur sehr begrenzt auffangen“, sagte Brücker. „Der größere Hebel quantitativ ist ohne jeden Zweifel die Migration.“

Notwendig sei daher eine qualitative Steuerung der Zuwanderung. Brücker schlug vor, die Vorrangprüfung noch stärker zu lockern und auch die Gehaltsschwelle für Hochqualifizierte aus Nicht-EU-Staaten von 66.000 Euro zu senken.

„Ich plädiere für ein Absenken der Einkommensgrenze auf das Anfangsgehalt eines Hochschulabsolventen von etwa 40.000 Euro“, sagte Brücker. „Dies sollte man verbinden mit einem temporären Aufenthaltsrecht von drei Jahren, das bei erfolgreicher Erwerbsbiografie in ein Daueraufenthaltsrecht umgewandelt werden kann. Dies ist sinnvoll, um die sozialen Sicherungssysteme zu schützen.“

Zuwanderer verbessern Arbeitsmarktchancen für gering Qualifizierte

Ohne gesteigerte Zuwanderung gibt es in Deutschland im Jahr 2050 nach Brückers Berechnungen noch etwa 27 Millionen statt derzeit 45 Millionen Menschen, die einer Arbeit nachgehen können. Das entspräche einem Rückgang um etwa 18 Millionen. „Wir können nur zwei Millionen davon auffangen durch eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit und eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren“, schätzt Brücker.

Studien zeigen nach seinen Worten, dass qualifizierte Zuwanderer die Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten verbessern: „Wir erhöhen damit die Chancen von denen, die aufgrund ihrer Schwächen von Arbeitslosigkeit, geringen Löhnen oder prekärer Beschäftigung betroffen sind.“

Von

rtr

Kommentare (4)

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Alfred_H

22.06.2011, 06:38 Uhr

Ich bin auch für Zuwanderung bei deutlicher Gehaltsabsenkung. Anders lässt sich das Billiglohnland Deutschland nicht aufrechterhalten. Wenn die zugewanderten Fachkräfte vernünftig verdienen sollen, dann könnten ja gleich deutsche arbeitslose Akademiker eingestellt werden. Aber dass bis 2050 ca.18 Millionen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, ist doch positiv. Bis dahin ist Deutschland, bedingt durch die Energiewende, längst kein Industriestandort mehr.

tbhomy

22.06.2011, 08:34 Uhr

Herr Brückers Berechnungen gehen genauso wenig auf wie die vielen demografischen Berechnungen zur Arbeitsmarktsituation der letzten Jahrzehnte. Will er sich wirklich anmaßen, errechnen zu können, was bis 2050 passiert? Würde er nicht, wenn er und seine Kinder/Enkel für seine Aussagen haften müssten. DAS IST GARANTIERT. Die Unternehmen haben seit Jahrzehnten versagt, ihren Nachwuchs auszubilden, um für die Zukunft (heutige Gegenwart) gerüstet zu sein. Schmierentheater Deutschland.

Account gelöscht!

22.06.2011, 11:57 Uhr

Dem kann ich voll und ganz zustimmen.
Man müßte jeden der nach Zuwanderung schreit drei Mal täglich mit dem Baseballschläger verprügeln.
Die Gehaltsabsenkung die diese Sozialistin v. d. Leyen z. B. will, ist nichts anderes als ein weiteres Lohndumping und wird wieder zur Folge haben, dass wiederum vermehrt junge deutsche Fachkräfte das Land verlassen.
Zuerst hat man sie nur als unbezahlte Prakatikanten eingestellt, bis sie das Land verließen und heute beklagt man den angeblichen Fachkräftemangel
Das ist für mich ganz klar ein kriminelles Verhalten
und ein weiterer Schritt zur Entdeutschung unsers Landes

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