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24.01.2017

09:42 Uhr

Zweite Sammelabschiebung

26 Männer nach Afghanistan abgeschoben

Die Flüchtlinge kamen am Morgen mit einer Chartermaschine an. Wie beim ersten Abschiebeflug im Dezember waren unter den Ankömmlingen junge Männer, die gut Deutsch sprechen und teilweise jahrelang Arbeit hatten.

Polizisten betreten ein Flugzeug, das abgelehnte Asylbewerber in ihre Heimat bringt. Viele afghanische Flüchtlinge leben in Furcht vor einer Zwangsrückkehr. dpa

Abschiebung

Polizisten betreten ein Flugzeug, das abgelehnte Asylbewerber in ihre Heimat bringt. Viele afghanische Flüchtlinge leben in Furcht vor einer Zwangsrückkehr.

KabulMit der zweiten Sammelabschiebung von Afghanen aus Deutschland sind am frühen Morgen 26 junge Männer am Kabuler Flughafen angekommen. Das Charterflugzeug landete planmäßig um 7.15 Uhr. Die Ankunft verlief ruhig.

Einer der Passagiere konnte oder wollte das Flugzeug nicht verlassen. Afghanische Polizeibeamte sagten, der Mann sei krank. Ein Vertreter des Flüchtlingsministeriums sagte, die deutsche Seite sei „entgegenkommend“ gewesen und fliege den Kranken wieder nach Deutschland. Nach einer anderen Quelle ist die Entscheidung noch nicht gefallen.

Die afghanischen Behörden wussten bis zum Schluss nicht, wieviele Passagiere an Bord sein würden. Am Vortag standen auf einer Liste des Außenministeriums noch 14 Passagiere. Im Flüchtlingsministerium war von bis zu 45 die Rede. Wieso es weniger Ankömmlinge waren als erwartet, wurde nicht unmittelbar klar.

Sichere Orte für abgeschobene Flüchtlinge

Warum sind Abschiebungen nach Afghanistan umstritten?

Für die Bundesregierung gibt es in Afghanistan sichere Regionen. Kritiker halten Abschiebungen dennoch für unverantwortlich, weil sich der Krieg mit den radikalislamischen Taliban seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen Ende 2014 erheblich ausgeweitet hat.

Wie gefährlich ist die Lage in Afghanistan wirklich?

Der Inspekteur des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan berichtete (Stand Herbst 2016), insgesamt stünden 33 der 407 Bezirke unter der Kontrolle oder dem Einfluss der Taliban. Weitere 116 Bezirke seien umkämpft. Damit seien rund 63 Prozent des Landes in Händen der Regierung.

Wie wirkt sich das auf das Leben der Menschen aus?

Die Unsicherheit verstärkt humanitäre und Entwicklungsprobleme. Wegen der Gefechte und vieler Straßenblockaden der Taliban – zunehmend mit Minen oder improvisierten Sprengsätzen – erreichen die Menschen ihre Märkte, Schulen oder Kliniken vielerorts nur schwer. Rund 40 Prozent aller Afghanen haben laut Welternährungsprogramm der UN nicht regelmäßig Zugang zu genug Essen. Mehr als eine Million Kinder sind unterernährt.

Deutsche Politiker sprechen von „sicheren Gebieten“ – wo sind die?

Die Politiker spezifizieren oft nicht, was sie meinen. Innenminister Thomas de Maizière hat gesagt: „Afghanistan ist ein großes Land. Dort gibt es unsichere und sichere Gebiete.“ Manchmal verweisen Politiker auf die großen urbanen Zentren, zum Beispiel die Hauptstadt Kabul, oder auf die zentral gelegene Provinz Bamian.

Sind das sichere Regionen?

Bamian ist relativ sicher, aber sehr arm. Die beiden Straßen in die Provinz werden von Taliban kontrolliert.

Andersherum: Wo sind die unsichersten Gebiete?

Im Norden waren 2016 die Provinzen Kundus und Baghlan besonders umkämpft; dort war bis 2013 noch die Bundeswehr stationiert. Im Süden konzentrieren sich die Extremisten vor allem auf die Provinzen Helmand und Urusgan; im Westen auf die Provinzen Fariab und Farah. Im Osten und im Zentrum gelten Nangarhar, Kunar, Logar, Wardak, Ghazni und Ghor als besonders unsicher.

Am Flughafen warteten Vertreter der deutschen Botschaft, der afghanischen Polizei und mehrerer Ministerien. Vertreter der Internationalen Organisation für Migration boten den Ankömmlingen Unterkünfte für einige Tage sowie Transport zu ihrem Zielort an.

Im Gegensatz zu freiwilligen Rückkehrern, die bisher 700 Euro erhalten, bekommen abgeschobene Afghanen keine Unterstützung. Sie haben oft keine Möglichkeit, vor dem Flug Verwandte anzurufen. Laut einer Liste, die der Deutschen Presse-Agentur vorlag, kamen mehrere der jungen Männer aus Kabul und der westafghanischen Stadt Herat, andere aus den unsicheren Provinzen Logar, Kunar, Kapisa oder Wardak.

Auch Mitarbeiter einer von der deutschen Regierung unterstützten Nichtregierungsorganisation, die psychologische Unterstützung anbietet, waren in der Ankunftshalle.

Wie beim ersten Abschiebeflug im Dezember waren unter den Ankömmlingen junge Männer, die gut Deutsch sprechen und teilweise jahrelang Arbeit hatten. Badam Haidari (31) erzählte in gut verständlichem Deutsch, er habe sieben Jahre lang in Würzburg gelebt. Fünf Jahre und acht Monate davon habe er bei Burger King gearbeitet, „immer Vollzeit.“ Er habe nie Ärger gehabt. „Kein Klauen, kein Krieg mit irgendwem, keine Schlägereien.“ Haidari stammt aus der unsicheren Provinz Gasni. Dort finde er sicher keinen Job, sagte er. Trotzdem reise er jetzt erstmal dorthin. Nur dort habe er Familie.

Arasch Alokosai (21) aus Kabul sagte, er habe sechs Jahre in Nürnberg gelebt. Er habe einen Ausbildungsvertrag als Karosseriebauer in der Tasche gehabt, da sei „die Absage“ gekommen. Die Freundin sei im dritten Monat schwanger. Ramin Afschar (19), ebenfalls aus Kabul, sagte, er sei in Deutschland zur Berufsschule gegangen. Man habe ihm am Montagmorgen aus dem Bett geholt und in Handschellen abgeführt.

Unter den Abgeschobenen waren offenbar auch wieder Kriminelle, die ihre Strafe verbüßt haben. Ein junger Mann, der seinen Namen mit Mohammad Sarwari angab, sagte, er habe vier Monate wegen einer Schlägerei im Gefängnis gesessen.

Mehrere Passagiere riefen noch in der Ankunftshalle laut, dass sie sich bald wieder auf den Weg nach Deutschland machen würden.

Vor dem Abflug der Maschine hatten knapp 100 Menschen auf dem Frankfurter Flughafen gegen die erste größere Abschiebungsaktion in diesem Jahr protestiert. Abschiebungen in ein Kriegs- und Krisengebiet seien inhuman und unverantwortlich, erklärten Pro Asyl und der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Abschiebungen sind umstritten, weil sich in weiten Teilen Afghanistans Regierungstruppen und radikalislamischen Taliban bekämpfen und es immer wieder zu Anschlägen kommt.

Von den rund 250.000 in Deutschland lebenden Afghanen waren Mitte Dezember nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 11.900 ausreisepflichtig; von ihnen sind etwa 10.300 geduldet.

Von

dpa

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