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08.04.2017

11:03 Uhr

Frankreich vor der Wahl

Ein Land im Ausnahmezustand

VonSandra Louven

In zwei Wochen wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. Doch dies ist keine gewöhnliche Wahl: Nach den Terroranschlägen sind Militär und Polizei allgegenwärtig und erinnern die Franzosen daran, dass sie bedroht sind.

Die Gründe für das starke Abschneiden der Extremen

Sündenbock Brüssel

Für die EU-Feindin Le Pen ist die Sache klar. Neben der „massiven Einwanderung“ sind auch die „Technokraten“ aus Brüssel schuld an Frankreichs Problemen. Nur ein wenig freundlicher schaut Mélenchon auf Brüssel. Er stört sich an den Sparvorgaben und wollte deshalb die europäischen Verträge neu verhandeln. Und wie anderswo in Europa widerstehen auch Politiker etablierter Parteien nicht immer der Versuchung, unangenehme Entwicklungen der Einfachheit halber der EU anzulasten.

Wirtschaftsflaute

Die hohe Arbeitslosenquote von 10 Prozent ist eines der größten Probleme Frankreichs. Bei jungen Leuten liegt die Quote sogar bei 23,6 Prozent. Die Konjunktur schwächelt. Soziale Ungleichheit treibt vor allem Mélenchons Anhänger und die Unterstützer des abgeschlagenen Sozialisten Benoît Hamon um.

Enttäuschung über die Parteien der Mitte

Sozialisten und Konservative, die sich bislang im Élyséepalast die Klinke in die Hand gaben, haben die Wähler abgestraft wie nie zuvor. Beide sind in der Stichwahl nicht dabei. Das dürfte auch als Rechnung für den als schwach geltenden, scheidenden Präsidenten François Hollande zu verstehen sein. Verachtung für den selbsterklärten konservativen Saubermann François Fillon, der dann aber teure Anzüge annahm und seine Frau scheinbeschäftigt haben soll, dürfte auch eine Rolle gespielt haben.

Frust über Eliten

Le Pens scharfe Attacken auf „die Kaste“ fallen in Frankreich vielleicht auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil das System der Elitehochschulen lebenslange Seilschaften fördert. Zahlreiche Politik- und Wirtschaftsführer kommen etwa von der Verwaltungshochschule ENA - bis hin zu Staatschef Hollande.

ToulouseAm zentralen Platz „Wilson“ im Herzen von Toulouse ist es um neun Uhr morgens noch ruhig. Die Luft ist kühl von der Nacht, das historische Kinderkarussell steht still und die Cafés rund um den Platz stellen gerade erst scheppernd ihre Stühle auf den Bürgersteig.

Doch mitten durch diese Frühlingsidylle laufen vier Militärs, in braunen Tarnanzügen, mit schutzsicherer Weste und jeder mit einer Maschinenpistole im Anschlag. „Sie sieht man jetzt überall in Frankreich“, erklärt der Stadtrat Bertrand Serp. „Sie geben der Bevölkerung das Gefühl, dass sie in Sicherheit ist.“ Wenn er sich da mal nicht irrt. Immerhin erinnert die erhöhte Militär- und Polizeipräsens die Franzosen in jeder Minute daran, dass sie eben nicht sicher, sondern im Gegenteil von Terroristen bedroht sind

Dies sind keine normalen Zeiten und auch keine normalen Wahlen in Frankreich. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, der seit den Anschlägen auf die Pariser Konzerthalle Bataclan im November 2015 gilt, bei 130 Menschen starben. Die Regierung hat ihn seitdem immer wieder verlängert und gerade vor den Wahlen wird das Anschlagrisiko als besonders hoch eingeschätzt.

In Toulouse findet man an allen großen Plätzen entweder Militärpatrouillen oder die blau-weißen Mannschaftswagen der nationalen Polizei. Den Eingang zum Rathaus bewachen zwei Polizisten, die jede Tasche inspizieren und nach dem Grund des Besuches fragen. „Ist es erlaubt, das Gebäude zu besichtigen?“, fragt eingeschüchtert ein französischer Tourist. Das ist es.

Am Eingang zum größten Arbeitgeber der Region, dem Flugzeugbauer Airbus, prangt ein Schild, das auf erhöhte Sicherheitsvorkehrungen das Risiko von Attentaten hinweist. Und auch am Flughafen gibt extra Pass- und Kofferkontrollen.

Die Franzosen finden sich damit ab – die Cafés der Stadt sind am Abend zum Bersten gefüllt, die Stimmung in dieser von Studenten geprägten Stadt ist ausgelassen. Als eine Gruppe französischer Biker auf dem Place du Capitole vor dem Rathaus zu später Stunde wild sausend die Motoren heulen lässt, reagieren die Besucher der zahlreichen Straßencafés belustigt bis genervt, aber nicht verunsichert.

Am Flughafen von Toulouse ermuntert ein älterer Mann den Sicherheitsbeamten, ihn ruhig genauer zu kontrollieren. „Machen Sie nur, das ist gut so, denn es ist für unsere Sicherheit“, sagt er und reckt die Arme nach oben, um sich abtasten zu lassen. Das Militär, die Kontrollen und die Polizei – sie haben sich in das Leben der Franzosen geschlichen. Was das für die Wahlen bedeutet, wird sich zeigen.

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