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17.04.2017

16:41 Uhr

Parteiprogramme in Frankreich

Wenn das Hirn eine Auszeit nimmt

VonThomas Hanke

In den Programmen der vier aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten finden sich Vorschläge, die an Realsatire erinnern. Sie reichen von einem Wirtschaftsbündnis mit Kuba bis hin zur Wehrpflicht für einen Monat.

Die Kandidaten haben einige skurrile Vorschläge im Angebot. dpa

Französische Präsidentschaftswahl 2017

Die Kandidaten haben einige skurrile Vorschläge im Angebot.

ParisDie größten Kracher der Programme von Frankreichs Präsidentschaftskandidaten sind bekannt: Die rechtsextreme Marine Le Pen und ihr Pendant von ganz Links, Jean-Luc Mélenchon, wollen Frankreich aus dem Euro führen, die Staatsausgaben massiv ausweiten und kürzer arbeiten, aber höhere Renten vergeben. Der Sozialist Benoît Hamon will alle Franzosen, ob Milliardär oder arme Schlucker, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen beglücken.

Doch abseits der weit diskutierten programmatischen Ausreißer finden sich bei allen Kandidaten manche Punkte, die einen fragen lassen: Sind das nur intellektuelle Aussetzer, oder hat es Methode? Mélenchon schießt in dieser Hinsicht den Vogel ab. Er will, dass Frankreich die Nato und die EU verlässt und auch die geplanten oder vereinbarten Handelsabkommen mit den USA und Kanada aufgibt. Ganz allein bleiben soll die souveräne Nation aber nicht. Denn der frühere Senator und heutige Führer des „Aufsässigen Frankreich“ hat ein neues Bündnis für sie gefunden, fernab Europas: die Allianz „Alba“.

Wichtige Kandidaten der französischen Präsidentenwahl

Marine Le Pen

Die Rechtspopulistin von der Front National (FN) vertritt radikale Positionen im Hinblick auf Europa und Ausländer. In Umfragen für die erste Wahlrunde im April liegt die 48-Jährige seit Wochen vorne, zuletzt kam sie auf Werte zwischen 26 und 28 Prozent.

François Fillon

Der Spitzenkandidat der bürgerlichen Rechten galt lange als Favorit der Wahl. Doch wegen der Affäre um den Parlamentsjob seiner Frau verlor der 62-Jährige Sympathiepunkte. Nach aktuellen Umfragen liegt er bei etwa 20 Prozent - und muss damit um den Einzug in die entscheidende Stichwahl zittern. Die französische Justiz prüft Vorwürfe, wonach Fillons Frau nur zum Schein als seine parlamentarische Mitarbeiterin angestellt war. Fillon wies die Vorwürfe mehrfach zurück.

Emmanuel Macron

Der Politjungstar positioniert sich weder links noch rechts. Über Wochen war der unabhängige Bewerber, früher Wirtschaftsminister unter Präsident François Hollande, im Aufwind. Doch umstrittene Äußerungen über Frankreichs Kolonialvergangenheit brachten den 39-Jährigen zuletzt in Bedrängnis. In Umfragen liefert er sich derzeit ein enges Rennen mit Fillon um den Einzug in die Stichwahl. Konservative werfen Macron vor, das Programm für den glücklosen Sozialisten Hollande gemacht zu haben. Hollande tritt nicht mehr an.

Benoît Hamon

Der 49 Jahre alte Ex-Bildungsminister setzte sich in einer Vorwahl als Spitzenkandidaten der angeschlagenen Sozialisten durch. Er will mit der Hollande-Ära brechen und einen neuen Kurs einschlagen, bei dem grüne Themen eine wichtige Rolle spielen. Er gilt zurzeit als „vierter Mann“ bei der Wahl.

Jean-Luc Mélenchon

Mit 65 Jahren ist der Linkenführer der älteste unter den wichtigen Kandidaten. Der von der kommunistischen Partei (PCF) unterstützte Anwärter könnte laut Umfragen bei der ersten Runde etwas mehr zehn Prozent der Stimmen erhalten. Mélenchon gilt als brillanter Redner und ist ein harter Kritiker der deutschen Sparpolitik.

Das Kürzel steht nicht für den Berliner Basketballverein und auch nicht für die gleichnamige Entsorgungsfirma, sondern für „Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América“, Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerikas“. Den Namen verdankt es dem lateinamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar, die Existenz zwei mittlerweile verstorbenen linken Despoten, Kubas Fidel Castro und seinem venezolanischen Schüler Hugo Chávez.

Der hochtrabende Name umkleidet ein schlichtes Tauschprogramm: Venezuela lieferte Kuba Öl und Benzin, das wie heute noch unter extremem Treibstoffmangel litt, die Karibikinsel schickte dafür Lehrer und Ärzte in das Land auf dem südamerikanischen Kontinent. Heute ist das weitgehend hinfällig, weil Venezuela sich nicht einmal mehr den Tauschhandel mit Kuba leisten kann.

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