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24.04.2013

06:45 Uhr

Boston

Kriege der USA dienten als Motiv

Der mutmaßliche Bombenleger von Boston hat mit den Ermittlern von den Anschlagsplanungen erzählt. Und über das mögliche Motiv gesprochen. Falsch waren dagegen die Vorwürfe gegen den vermeintlichen Gift-Brief-Schreiber.

Eine Kamera zeichnete den mutmaßlichen Täter am Tag des Anschlags auf. dpa

Eine Kamera zeichnete den mutmaßlichen Täter am Tag des Anschlags auf.

WashingtonDie Kriege der USA in Afghanistan und im Irak sollen ein Motiv für den Terroranschlag von Boston mit drei Toten und über 200 Verletzten gewesen sein. Das habe der jüngere der beiden mutmaßlichen Bombenleger während eines Verhörs gesagt, berichteten US-Medien. Der schwer verletzte 19-jährige Dschochar Zarnajew habe zudem erklärt, dass er und sein Bruder Tamerlan sich die Informationen zum Bau der Bomben aus dem Internet besorgt hätten. Unterdessen wurden zwei Männer, die einen Anschlag auf den Fernzug Toronto-New York geplant haben sollen, in Kanada dem Haftrichter vorgeführt.

Die beiden 30 und 35-Jährigen, die am Montag in Toronto und Montreal festgenommen worden waren, blieben anschließend in Gewahrsam. Sie sollen nach Medienberichten tunesischer und palästinensischer Herkunft sein. Nach Angaben der Polizei erhielten sie bei der Tatplanung „Anweisungen und Unterstützung“ von Mitgliedern des Terrornetzwerks Al-Kaida aus dem Iran. Beide Verdächtigen wiesen die Anschuldigungen zurück.

Boston: Kochtöpfe als Bomben

Was waren das für Sprengsätze in Boston?

Die Bomben waren simpel gebaut: Nach bisherigen Ermittlungen wurden sie aus handelsüblichen Schnellkochtöpfen hergestellt, die mit Nägeln, Metallkugeln und Schwarzpulver gefüllt waren, wie man es in den USA in vielen Supermärkten kaufen kann. Gezündet wurden die Sprengsätze vermutlich über einfache Eieruhren, versteckt waren sie in dunklen Nylontaschen oder Rucksäcken, die auf der Straße oder dem Bürgersteig in der Nähe der Ziellinie des Marathonlaufes abgestellt waren. Ein wichtiger Hinweis für die Ermittler ist zurzeit die Markierung „6L“ für sechs Liter auf den Überresten der Schnellkochtöpfe. Sie könnten einen Hinweis auf den Hersteller geben.

Wurden mit Schnellkochtöpfen bereits früher Attentate verübt?

Ja, immer wieder. Nach Erkenntnissen der US-Behörden wurden sie bei Anschlägen unter anderem in Afghanistan, Indien, Nepal oder Pakistan verwendet, alles Länder, in denen diese Kochtöpfe weit verbreitet sind. Auch die vier algerischen Islamisten, die im Dezember 2000 eine Bombe auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt zünden wollten, hatten sich einen pakistanischen Dampfkochtopf aus Aluminium bestellt, der bei einer Explosion in besonders kleine Teile zersplittert wäre. Auch bei der Bombe, die der pakistanischstämmige US-Bürger Faisal Shazad im Mai 2010 auf dem New Yorker Times Square zünden wollte, spielte ein Schnellkochtopf eine Rolle. Wegen eines fehlerhaften Zünders explodierte sie nicht.

Lässt die Art der Bomben auf Islamisten schließen?

Die US-Behörden wenden sich gegen vorzeitige Festlegungen. Schließlich sind die Anleitungen zum Bombenbau für jedermann im Internet verfügbar. Das US-Heimatschutzministerium warnte schon 2004 vor der Verwendung von Schnellkochtöpfen beim Bau von Terrorwaffen.

In dem Bulletin wurde allerdings darauf hingewiesen, dass diese Technik vor allem in afghanischen Terror-Trainingscamps gelehrt wird. 2010 veröffentlichte das Heimatschutzministerium zusammen mit dem FBI einen weiteren Warnhinweis. Im selben Jahr stellte das britische Online-Blatt „Inspire“, dem Verbindungen zu Al-Kaida nachgesagt werden, einen Artikel mit der Überschrift: „Wie Du eine Bombe in der Küche Deiner Mutter baust“ in Netz. Darin heißt es: „Der Dampfkochtopf ist die effektivste Methode.“

Dschochar Zarnajew, der weiter einen Beatmungsschlauch im Rachen trägt, zeige sich in den Gesprächen mit den Ermittlern an seinem Krankenbett in einer Bostoner Klinik kooperativ, hieß es. Weder er noch sein sieben Jahre älterer Bruder Tamerlan, der bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei am vergangenen Freitag ums Leben kam, hätten Kontakt zu ausländischen Terrorgruppen gehabt, soll er gesagt haben. Ein Regierungsbeamter unterstrich jedoch gegenüber dem Sender CNN, dass die Aussagen des Verdächtigen noch überprüft werden müssten.

Wie es weiter hieß, gehen Ermittler auch der Frage nach, inwieweit die Brüder die Informationen zum Bombenbau dem von der Terrorgruppe Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel auf Englisch im Internet veröffentlichte Onlinemagazin „Inspire“ entnommen haben könnten. Andere Quellen hätten jedoch drauf hingewiesen, dass solche Bombenbauanleitung unter Verwendung von Schnellkochtöpfen auch von anderen Gruppen ins Netz gestellt worden seien, hieß es.

Terror bei Sportereignissen

1972 München

Während der Olympischen Spiele in München im Jahr 1972 wurden elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ als Geiseln genommen – Ziel war die Freipressung von Gefangenen. Beim gescheiterten Befreiungsversuch auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck starben alle noch lebenden Geiseln, ein Polizist und fünf der Terroristen.

1996 Atlanta

Im Olympia-Park von Atlanta explodierte während der Olympischen Spiele 1996 eine Bombe. Die Explosion tötete zwei Personen, mehr als 100 wurden verletzt. Täter war ein Anti-Abtreibungs-Aktivist.

2002 Madrid

Die baskische Terrorgruppe ETA brachte Anfang Mai 2002 eine Bombe im Vorfeld eines Champions-League-Halbfinalspiels zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona zur Explosion. In weniger als 100 Metern Entfernung zum Stadion Santiago Bernabéu ging ein Sprengsatz hoch. Es gab keine Todesopfer.

2008 Rallye Dakar

Die berühmte Rallye wurde im Jahr 2008 abgesagt. Terrorwarnungen für Mauretanien hatten die Veranstalter dazu bewogen.

2009 Lahore

Der Mannschaftsbus des Cricket-Nationalteams von Sri Lanka wird in der pakistanischen Stadt Lahore von einer Gruppe bewaffneter Täter beschossen, die vermutlich dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe standen. Sechs Nationalspieler werden verletzt, sechs Polizisten und zwei Zivilisten sterben.

2013 Boston

Zwei Explosionen erschüttern den Bereich des Zieleinlaufs des Boston Marathons am 15. April 2013. Drei Menschen sterben noch am selben Tag, weit über 100 sind verletzt, einige von ihnen sehr schwer. Über die Hintergründe des Vorfalls herrscht zunächst Unklarheit.

Dschochar Zarnajew bezichtigt den Berichten zufolge seinen Bruder Tamerlan, die treibende Kraft hinter den Anschlägen auf den Boston-Marathon gewesen zu sein. Der Ältere habe sich vom Heiligen Krieg motivieren lassen und den Islam retten wollen. Der 19-Jährige muss sich vor einem Zivilgericht wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen verantworten. Ihm droht die Todesstrafe. Bei der Explosion der beiden Sprengsätze im Zielbereich der traditionsreichen Laufveranstaltung waren am Montag vergangener Woche drei Menschen getötet und über 200 verletzt worden.

Auch in Spanien wurden zwei mutmaßliche islamistische Terroristen festgenommen. Ihr Fahndungsprofil ähnele dem der beiden Attentäter von Boston in den USA, teilte das Madrider Innenministerium am Dienstag mit. Die beiden Männer stünden im Verdacht, einer Zelle des Terrornetzes Al-Kaida im Maghreb anzugehören.

Kommentare (2)

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RumpelstilzchenA

24.04.2013, 09:25 Uhr

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24.04.2013, 10:15 Uhr

Nachvollziehbar, dass Leute Rache üben wollen für amerikanische Verbrechen. An die schuldigen Täter trauen sich die Islamisten anscheinend nicht ran, das wäre ja gefährlich. „Mein Gott“ was für Flaschen, mein Rat trefft euch mit euren Bomben auf einem freien Feld und fahrt zu Hölle.

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