Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2016

17:08 Uhr

+++ Terror in Belgien +++

Belgien senkt die Alarmstufe

Die EU-Innenminister beraten über die Anschläge von Brüssel. Um das Versagen der Sicherheitsbehörden entbrennt Streit. In Belgien wird weiter nach dem vierten Attentäter vom Dienstag gefahndet. Der Tag im Newsblog.

Der belgische Innenminister Jan Jambon (Foto) will nach den Anschlägen in Brüssel zurücktreten. Er und der belgische Justizminister, Koen Geens, haben ihre Gesuche beim Premierminister eingereicht. AP

Rücktritt eingereicht

Der belgische Innenminister Jan Jambon (Foto) will nach den Anschlägen in Brüssel zurücktreten. Er und der belgische Justizminister, Koen Geens, haben ihre Gesuche beim Premierminister eingereicht.

Tag zwei nach den Anschlägen von Brüssel mit 31 Toten und mehr als 300 Verletzten: Die Ermittlungen in der EU-Hauptstadt laufen weiter auf Hochtouren. Drei der Attentäter sind identifiziert – zwei haben sich im Flughafen selbst in die Luft gesprengt, der dritte in der Metro. Nach einem vierten wird weiter gefahndet. Experten und Politiker fordern derweil eine engere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Auch in Deutschland bricht eine hitzige Debatte los. Die Anschläge haben in Belgien derweil erste politische Konsequenzen. Der Tag im Newsblog.

+++ Belgien senkt die Alarmstufe +++
Belgien setzt die höchste Alarmstufe um einen Schritt herunter. Das teilen die belgischen Behörden mit.

+++ Papst kritisiert Rüstungsindustrie +++
Papst Franziskus wirft bei der rituellen Fußwaschung am Gründonnerstag Waffenherstellern vor, mitverantwortlich zu sein für die Angriffe in Brüssel.

+++ EU-Innenminister beraten auf Sondertreffen Lage nach Brüsseler Anschlägen +++
Zwei Tage nach den Anschlägen von Brüssel sind die EU-Innen- und Justizminister zu einem Sondertreffen in der belgischen Hauptstadt zusammengekommen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte in Brüssel, die Minister wollten Belgien ihre Anteilnahme bekunden, aber auch "Konsequenzen ziehen". Er verlangte insbesondere einen "besseren Informationsaustausch", um Terrorverdächtige in Europa aufzuspüren. Zudem müssten europäische Datenbanken im Reise-, Migrations- und Sicherheitsbereich verknüpft werden.

+++ Europa braucht „Signale“ +++
Europa müsse jetzt "von Worten zu Taten" kommen, sagte EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos. Er hoffe, dass das Treffen "den Weg zu mehr Zusammenarbeit ebnen" werde. "Es ist jetzt Zeit, dass alle umsetzen, was wir bereits entschieden haben." Die britische Innenministerin Theresa May sagte: "Unsere Botschaft ist klar: Die Terroristen werden nicht gewinnen." Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sah in dem Treffen "ein starkes Signal, dass alle 28 Mitgliedstaaten im Kampf gegen Terrorismus zusammenstehen". Ihr zufolge wird voraussichtlich auch ein Vorschlag diskutiert, Eingangskontrollen an Flughafengebäuden einzurichten. Ihrer Einschätzung nach würde dies aber "nur zu einer Verlagerung der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen Raum und der Sicherheitszone" führen.

+++ Minister halten Schweigeminute ab +++
Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union gedenken vor ihrem außerordentlichen Treffen den Opfern des Anschlags.

+++ Zwei belgische Minister wollen Posten räumen +++
Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens haben ihre Ämter zur Verfügung gestellt. Das teilten ihre Büros der Nachrichtenagentur Belga am Donnerstag mit. Nach Berichten mehrerer belgischer Medien lehnte Premierminister Charles Michel die Rücktrittsgesuche ab. Warum die Politiker ihren Rückzug anboten, wurde zunächst nicht bekannt.

+++ Offenbar zweiter Attentäter in der Metro dabei +++
Am Terroranschlag in der Brüsseler Metrostation ist womöglich ein zweiter Attentäter beteiligt gewesen. Das berichteten belgische und französische Medien unter Berufung auf unbenannte Quellen. Es sei nicht klar, ob dieser bei dem Attentat ums Leben gekommen sei oder ob er auf der Flucht sei. Der Verdächtige sei in der Metro von Überwachungskameras gefilmt worden. Er habe eine große Tasche getragen und sei neben Khalid El Bakraoui gegangen, der von der Staatsanwaltschaft als Selbstmordattentäter identifiziert worden sei, hieß es. Der Bruder von El Bakraoui war als einer der beiden Selbstmordattentäter identifiziert worden, der am selben Tag am Flughafen einen Anschlag begangen hatte.

Verdächtige der Anschläge von Brüssel und Paris (24.3.)

Khalid El Bakraoui

Der 27-jährige Belgier hat sich der Staatsanwaltschaft zufolge am Dienstag in einem Zug nahe der Brüsseler Metro-Haltestelle Maelbeek in die Luft gesprengt. Bereits 2011 war er wegen Autodiebstahls zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, hatte sich der Strafe aber entzogen. Er soll einen gefälschten Ausweis benutzt haben, um eine Wohnung in Brüssel anzumieten, in der sich weitere Mitglieder der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) versteckt haben sollen.

Ibrahim El Bakraoui

Der 29-jährige Bruder Khalids hat sich den Ermittlungen zufolge am Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt. Er war 2010 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, nachdem er bei einem versuchten Raub auf Polizisten geschossen hatte. Seit seiner zwischenzeitlichen Haftentlassung im August 2015 war er untergetaucht. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte am Mittwoch erklärt, dass der Belgier 2015 an der türkisch-syrischen Grenze festgenommen und auf eigenen Wunsch in die Niederlande ausgewiesen worden sei. Belgien habe die Warnung, dass es sich um einen Extremisten handle, ignoriert.

Najim Laachraoui

Najim Laachraoui soll Medienberichten zufolge der zweite Selbstmordattentäter am Flughafen von Brüssel gewesen sein. Die DNS des 25-jährigen Belgiers wurde nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft auch in Wohnungen der Attentäter von Paris gefunden. Bereits im Februar 2013 war Laachraoui nach Syrien gereist, wo er wahrscheinlich von IS-Kämpfern ausgebildet wurde. Unter falschem Namen wurde er zusammen mit Salah Abdeslam im September 2015 auf dem Weg von Ungarn nach Österreich gesehen.

Salah Abdeslam

Der 26-jährige Franzose war vorige Woche als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris in Brüssel festgenommen worden. Nach eigenen Worten wollte er sich vor dem Fußballstadion in die Luft sprengen, in dem zu diesem Zeitpunkt ein Spiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand, machte aber im letzten Moment einen Rückzieher. Ob er auch in die Planungen der Brüssel Anschläge involviert war, ist noch unklar.

Brahim Abdeslam

Der ältere Bruder von Salah sprengte sich im November in einem Pariser Café in die Luft. Der 31-Jährige war zuvor von der Türkei in seine Heimat Belgien ausgewiesen worden, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in Syrien einer Extremistenmiliz anschließen. Nach seiner Rückkehr nach Belgien wurde er zwar verhört, aber nicht festgenommen.

Mohammed Abrini

Der 30-jährige Belgier gilt als Freund der Abdeslam-Brüder und wird von Europol gesucht. Medienberichten zufolge könnte er der dritte Mann sein, der am Brüsseler Flughafen einen Selbstmord geplant hatte, dann aber seine Bombe zurück ließ und flüchtete. Abrini soll in Syrien gekämpft haben. Er war kurz vor den Pariser Anschlägen mit Salah Abdeslam in der französischen Hauptstadt gefilmt worden.

Abdelhamid Abaaoud

Der 28-jährige Belgier ist bei einer Schießerei mit der französischen Polizei in einem Pariser Vorort im November 2015 getötet worden. Er hat vermutlich in Syrien gekämpft und wird verdächtigt, dem Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel 2014 und einen gescheiterten Anschlag auf einen Zug von Frankreich nach Belgien 2015 unterstützt zu haben.

Mehdi Nemmouche

Der Franzose soll 2013 in Syrien gekämpft haben, bevor er bei dem Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel im Jahr 2014 vier Menschen getötet hat. Er wurde wenig später festgenommen und sitzt derzeit in dem Gefängnis in Brüssel, in dem auch Salah Abdeslam festgehalten wird.

Mohammed Belkaid

Der 35-jährige Algerier wurde mehrfach mit Laachraoui und Abdeslam gesehen. Er wurde am Freitag bei der Fahndung nach Salah Abdeslam von einem Scharfschützen getötet.

Amine Choukri oder Monir Ahmed Alaaj

Ein Mann, der die falschen Identitäten Amine Choukri und Monir Ahmed Alaaj benutzt hat, wurde am Freitag mit Saleh Abdeslam festgenommen. Der Mann war im Oktober 2015 mit Abdeslam in der Nähe von Ulm gesehen worden und soll ebenfalls in die Anschläge von Paris involviert gewesen sein.

+++ Flugverkehr von und nach Brüssel wird länger eingeschränkt sein +++
Nach den Terroranschlägen wird der Flugverkehr von und nach Brüssel länger eingeschränkt sein als befürchtet. Am Frankfurter Flughafen bleiben die Sicherheitsmaßnahmen auch am Osterwochenende erhöht. Reisende müssen sich laut Bundespolizei auf verstärkte Kontrollen einstellen und mehr Zeit einplanen.

Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben bis einschließlich Montag alle Verbindungen in die belgische Hauptstadt gestrichen. Rund 12.300 Reisende seien davon betroffen, erklärte die Fluggesellschaft. Die größte belgische Fluggesellschaft Brussels Airlines teilte am Donnerstag mit, dass sie innereuropäische Flüge bis mindestens Sonntag über die Flughäfen in Antwerpen und Lüttich abwickeln will. Die Billigfluglinie Ryanair wird nach eigenen Angaben bis einschließlich Dienstag alle angesetzten Flüge vom kleineren Brüsseler Alternativflughafen Charleroi abwickeln.

Wichtige Fragen zu Anschlägen in Brüssel

Wie liefen die Anschläge im Flughafen ab?

Die Terrorserie beginnt um 07.58 Uhr mit zwei Explosionen auf dem Flughafen, kurz hintereinander. Zwei Männer sprengen sich in die Luft. Einer von ihnen wird anhand der Aufnahmen einer Überwachungs-Kamera als Ibrahim El Bakraoui (29) identifiziert, ein Belgier. Der Polizei ist er durch verschiedene Straftaten bekannt, aber nicht als Islamist. Vom zweiten Selbstmord-Attentäter in der Abflughalle kennt man die Identität noch nicht. Ein dritter Mann - auf dem Foto der Überwachungskamera ganz links, mit dem größten Sprengsatz auf seinem Gepäckwagen - sprengt sich nicht in die Luft. Warum, weiß man nicht. Er überlebt, kann fliehen. Neu auch: Das Trio kam mit dem Taxi zum Flughafen. Beim Gepäck wollten sich die drei keinesfalls helfen lassen.

Was ist über den Anschlag in der U-Bahn bekannt?

Der Selbstmord-Anschlag in der Metro-Station Maelbeek geht auf das Konto von Khalid El Bakraoui, dem jüngeren Bruder des identifizierten Flughafen-Attentäters. Wegen verschiedener Vorstrafen waren seine Fingerabdrücke bei der Polizei gespeichert. Der 27-Jährige - ebenfalls Belgier - zündet die Bombe Punkt 09.11 Uhr im mittleren von drei Wagen. Wie der jüngere El Bakraoui dorthin kam und ob er dort Mittäter hatte, weiß man nicht. Am Flughafen kann er eigentlich nicht gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft gibt aus ermittlungstaktischen Gründen keine weitere Auskunft.

Wie viele Todesopfer gibt es?

Noch sind nicht alle Opfer identifiziert. Die belgischen Behörden stellten über Ostern klar, dass die bislang genannte Zahl von 31 Toten die drei Selbstmordattentäter einschließt, die sich selbst in die Luft sprengten. Damit fielen 28 Menschen dem Terror der Attentäter zum Opfer. Zudem gab es circa 260 Verletzte. Unter den Verletzten sind auch mehrere Deutsche, darunter ein schwer verletzter Mann.

Gibt es einen Zusammenhang zum Terror in Paris?

Vieles deutet darauf hin: der Ablauf, der Sprengstoff, die Tatorte. Und auch einiges davon, was man über die Täter weiß. Einer der beiden Brüder - Khalid - soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge mit 130 Toten im November in Paris genutzt wurde. An der Adresse im Stadtteil Schaerbeek, wo der Taxifahrer das Flughafen-Trio abgeholt hatte, wurden 15 Kilogramm hochexplosives Azetonperoxid (TATP), ein Koffer mit Nägeln und Schrauben, sowie weiteres Material für den Bombenbau gefunden. Von Ibrahim El Bakraoui wurde auch ein Testament entdeckt. Darin soll es heißen: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Wer wird noch gesucht?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fandet man noch nach einer ganzen „Reihe von Personen“. Zahlen und Namen nannte Staatsanwaltschaft Frédéric Van Leeuw keine. Der Verdacht richtet sich aber insbesondere gegen ein Mann namens Najim Laachraoui (24), der bereits seit dem Wochenende offiziell gesucht wird. Er soll - zusammen mit Salah Abdeslam, der am Freitag in Brüssel festgenommen wurde - einer der Drahtzieher der Paris-Anschläge gewesen sein. Am Vormittag meldeten belgische Medien bereits seine Festnahme. Das stimmte aber nicht.

Hat sich die Lage in Belgien beruhigt?

Weiterhin gilt Terrorstufe 4 - die höchstmögliche. Das öffentliche Leben funktioniert mittlerweile halbwegs wieder. Aber das ganze Land trauert. Um 12.00 Uhr gab es eine Schweigeminute. Bis Karfreitag ist noch offiziell Staatstrauer. Die Flaggen wehen auf halbmast. Die Metro-Station Maelbeek wird vermutlich noch mehrere Wochen geschlossen bleiben. Der Flughafen Brüssel bleibt auf jeden Fall auch am Donnerstag noch geschlossen.

+++ CDU-Politiker: Berlin lässt sich nicht mit Brüssel vergleichen +++
Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zufolge existieren in der Bundeshauptstadt keine von Islamisten geprägten Parallelgesellschaften wie etwa im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Es gebe zwar „bekannte Treffs und Moscheevereine, in denen die Szene zusammenkommt“, sagte Henkel am Donnerstag der Zeitung „Die Welt“ (Onlineausgabe). Doch „solche Islamistenhochburgen wie Molenbeek haben wir bei uns nicht“.

+++ Noch keine Erkenntnisse zu deutschen Todesopfern +++
Die Bundesregierung hat weiterhin keine gesicherten Erkenntnisse über deutsche Todesopfer. Nach allen bisher vorliegenden Informationen könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass auch Deutsche bei den Anschlägen ums Leben gekommen seien, heißt es aus dem Auswärtigen Amt am Donnerstag. Eine Sprecherin teilte mit, unter den Verletzten seien auch Bundesbürger, darunter mindestens ein Schwerverletzter.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×