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17.07.2014

15:31 Uhr

100 Jahre Erster Weltkrieg

Tangoverbot und kein „überlautes Zuprosten“

In Kleinanzeigen lockten Mittel für „üppige Brüste“. Tango galt als verrucht. Und Frauen durften noch nicht wählen. Wie tickte die Welt vor 100 Jahren?

Modisch schick und scheinbar unnahbar: Die Menschen von 1914 wirkten prüde. dpa

Modisch schick und scheinbar unnahbar: Die Menschen von 1914 wirkten prüde.

BerlinDie Polizei erlässt zum Karneval in München ein Tangoverbot: Der Tanz sei zu verrucht. Aus Furcht vor der Zensur wird ein Vorabdruck von „Der Untertan“ gestoppt, darin rechnet Heinrich Mann mit der Moral der Kaiserzeit ab. Die Bademode ist noch züchtig. Die Rocksäume der Frauen rutschen über die Knöchel, aber Hosen sind noch undenkbar. Im Kriegsjahr 1914 ist an Silvester in den Berliner Lokalen kein „überlautes Zuprosten“ gestattet, „gedenket der Krieger in den kalten Schützengräben“. So tickte die Welt vor 100 Jahren.

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht so wild wie in der Weimarer Republik, aber schon durchaus verrucht, der „lüderlichste Ort von ganz Deutschland“, wie ein Zeitgenosse 1910 meinte. Der Historiker David Clay Large schreibt, dass es um die Jahrhundertwende schätzungsweise 20 000 Prostituierte in der Reichshauptstadt gab. Einige Dirnen gingen ihrer Arbeit in offenen Kutschen im Tiergarten nach. In der Halbwelt waren die Ganoven der „Ringvereine“ unterwegs.

Chronologie: Von Sarajevo bis zum Kriegsausbruch

In 37 Tagen bis zum Krieg

Ein regionaler Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zu einem Weltkrieg, der alle Kontinente erfasste. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn ...

28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, muss Berlin sehr fortschrittlich gewesen sein. Der Künstler George Grosz notierte 1912, es gebe „Kabarette und Revuen, Bierpaläste, so groß wie Bahnhofshallen“, außerdem Weinlokale über vier Etagen, Sechstagerennen und futuristische Ausstellungen.

Mit Toleranz und Emanzipation war es noch nicht weit her. Frauen durften bis 1918 nicht wählen. Männliche Homosexualität war laut Paragraf 175 strafbar. Einer der größten Skandale der Kaiserzeit wurde die Harden-Eulenburg-Affäre (1906-1909). Ein Journalist diskreditierte einen Berater von Wilhelm II. als homosexuell, was mehrere Prozesse nach sich zog.

Immerhin zählte Berlin vor dem Ersten Weltkrieg 40 Schwulenkneipen. Der Forscher Magnus Hirschfeld, Pionier der Schwulenbewegung, veröffentlichte das „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“. Und schon 1914 stand Claire Waldoff, die kesse, Frauen liebende Sängerin, auf der Bühne, im Stück „Immer feste druff“.

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