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01.08.2014

09:59 Uhr

100 Jahre Erster Weltkrieg

Wie konnte es so weit kommen?

VonThorsten Giersch

Heute vor 100 Jahren erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg. Die folgenden vier Jahre brachten Millionen den Tod und bereiteten Hitler den Weg. Doch wie kam es dazu? Und welche Schuld trägt Deutschland wirklich?

DüsseldorfDie Führung des Deutschen Reiches hatte am 2. August 1914 ein ernstzunehmendes Problem: Die Kriegserklärung an Frankreich zu formulieren war keine einfache Sache. Man konnte nun mal weder einen Kriegsgrund noch ein Kriegsziel vorweisen. Anders als tags zuvor bei der Kriegserklärung an Russland, die ja ihrerseits Österreich-Ungarn angriffen, weil diese Serbien den Krieg erklärt hatten: Da ließ sich wenigstens noch Bündnistreue hineinschreiben.

Und so schlitterten vor einhundert Jahren 38 Staaten in den Ersten Weltkrieg, ohne dass es tatsächlich für irgendjemanden irgendetwas Konkretes zu gewinnen gab: „Deutschland hatte kein Ziel, außer den Partner zu retten. Der Partner hatte kein Ziel außer ordinärer Rache“, schreibt der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch 1914/1918.

Historiker streiten bis heute, ob die europäischen Staaten vor den Todesschüssen auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand einen Krieg wollten. Vielleicht ein glorreiches schnelles Scharmützel für Ruhm und Ehre, aber sicher keine jahrelange Auseinandersatzung.

Fakten zum Ersten Weltkrieg

Wer war der "Rote Baron"?

Wegen der roten Farbe seiner Flugzeuge wurde Manfred von Richthofen, der legendäre Kampfflieger des kaiserlichen Deutschland, so genannt. Nach 80 Luftsiegen wurde er im April 1918 über Frankreich abgeschossen.

Welche Rolle spielten Panzer?

Der britische Marineminister Winston Churchill hatte sich schon früh für gepanzerte Kampfwagen starkgemacht. In Nordfrankreich versetzten hunderte britische "Tanks" ab 1916 die Deutschen in Angst und Schrecken, waren aber noch nicht kriegsentscheidend. Deutschland produzierte bis Kriegsende nur etwa 20 frontreife Panzer.

Warum gilt der Krieg als Weltkrieg?

Europa war der Hauptkriegsschauplatz. Aber die geografische Dimension des Krieges umfasste Regionen und Länder aller Kontinente. Nebenschauplätze waren die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, der Nahe Osten, der Kaukasus und die Weltmeere.

Wie viele Länder waren beteiligt?

Direkt und indirekt etwa 40, einschließlich der britischen Empire-Gebiete. Trotz Kriegerklärungen schickten vor allem einige mittelamerikanische Staaten keine Truppen. Andere Länder wie Spanien, die Schweiz und Argentinien blieben neutral.

Welches Land überfiel Deutschland zuerst?

Das neutrale Luxemburg wurde am 2. August 1914 von deutschen Truppen besetzt. Die junge Großherzogin Maria-Adelheid galt als deutschfreundlich, was sie nach Kriegsende den Thron kostete.

Welche Gebiete musste Deutschland 1918 abtreten?

Sämtliche Kolonien sowie etwa 13 Prozent des vorherigen Gebiets mussten abgetreten werden. Dazu zählten Elsass-Lothringen (an Frankreich), Westpreußen, die Provinz Posen und Teile Schlesiens (an Polen), die Kreise Eupen und Malmedy (an Belgien) sowie das Saargebiet, Danzig und das Memelland (unter Verwaltung des Völkerbunds).

Welches Land hatte besonders hohe Menschenverluste?

Serbien, dem Österreich-Ungarn eine Mitschuld an der Ermordung seines Kronprinzen gab, verlor - gemessen an seiner Bevölkerung - mehr Menschen als jedes andere Land. 1,1 Millionen Tote machten 24 Prozent der damaligen Bewohner aus.

Leben noch Teilnehmer des Ersten Weltkrieges?

Nein. Der letzte Veteran, der Brite Claude Stanley Choules, starb mit 110 Jahren im Mai 2011 in einem Pflegeheim in Australien. Bereits im Januar 2008 war bei Köln der letzte deutsche Kriegsteilnehmer gestorben. Der pensionierte Richter Erich Kästner wurde 107 Jahre.

Warum wurden Schützengräben angelegt?

Als der deutsche Vormarsch stagnierte, schaufelten die Soldaten beider Seiten an der 750 Kilometer langen Westfront ein gestaffeltes Graben- und Tunnelsystem. Damit sollte zunächst die Front gehalten werden, um später wieder in die Offensive gehen zu können. Die bis zu zehn Meter tiefen Unterstände boten allerdings keinen sicheren Schutz vor Artilleriefeuer.

Wo wurde erstmals Giftgas eingesetzt?

Bei der belgischen Stadt Ypern, am 22. April 1915 von deutschen Truppen gegen französische Stellungen. Mindestens 1200 alliierte Soldaten kamen durch das Luftwege und Lungen verätzende Chlorgas um.

Was verband den Kaiser und Lenin?

Die ideologischen Todfeinde wollten den Krieg im Osten beenden. In einer Geheimaktion schleuste Deutschland den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im April 1917 aus dem Schweizer Exil nach Petrograd (heute St. Petersburg). Nach der bolschewistischen Revolution schloss er im März 1918 Frieden mit Deutschland.

Wer kannte "keine Parteien mehr"?

Kaiser Wilhelm II. beschwor am 4. August 1914 im Reichstag den Zusammenhalt der Nation. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Auch weite Teile der SPD stimmten dem Burgfrieden zu, weil sie das Vaterland bedroht sahen.

Und dennoch stolperten die Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn) auf der einen Seite und das Dreierbündnis Frankreich, Russland und Großbritannien in einen Krieg, dessen furchtbare Folgen sich niemand auch nur im Ansatz ausmalen konnte. Wie kam es dazu? Immerhin hatte zwischen 1871 und 1914 eine der längsten Friedensphasen in der Geschichte Europas geherrscht.

Es gab keine Angriffsbündnisse – nur solche zur Verteidigung. Warum hat der deutsche Botschafter also am 1. August 1914 um 17 Uhr in St. Petersburg die Kriegserklärung an Russland übergeben? In erster Linie herrschte ein eklatanter Mangel an Vertrauen und Informationen. Die mit der extrem komplizierten Gesamtsituation heillos überforderten Entscheidungsträger wussten zu wenig über die Gedanken der potenziellen Gegner.

Kommentare (16)

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Herr Thomas Behrends

01.08.2014, 10:43 Uhr

Wie konnte es so weit kommen?

Sicherlich ist die sog. "Ur-Katastrophe" auch in unserem deutschen Wesen (an dem die Welt genesen sollte) begründet.

Wir halten uns ja auch immer für so super-schlau, müssen andere Völker bevormunden, über dies dort einmarschieren, unseren Senf überall dazutun usw.

Anstatt einmal das genaue Gegenteil zu praktizieren, bescheiden sein, die anderen auch mal ausreden lassen, positive Dinge (Erkenntnisse aus der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik) anderer Landsleute anzuerkennen, das Rad nicht zum 10. Mal erfinden zu wollen, sondern auch von anderen zu lernen gehört (neben positiven Elementen in Deutschland) nun weiß-Gott-nicht zu den Stärken der Deutschen.

Herr Aleksej Novalnij

01.08.2014, 11:04 Uhr

Die Deutschen machen das selbe Fehler Grad eben schon zum Dritten mal mit dem Wirtschaftskrieg gegen Russland.
Danke Frau Merkel

Herr Fritz Yoski

01.08.2014, 11:27 Uhr

Hurra!!! Endlich gibt es Krieg! Haben damals die Medien, Politiker und die Plebs geschrien. 4 Jahre spaeter gab es dann ganz lange Gesichter, dumm gelaufen.
Aber wieso aus der Geschichte lernen wenn man seine eigenen Erfahrungen sammeln kann? Aus Fehlern anderer lernen ist fuer Weicheier, nichts geht ueber selbst gesammelte Erlebnisse. Also Freiwillige vortreten und ran an den Feind, das ist doch so ungefaehr die Stimmung in Berlin/Bruessel/Washington.

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