Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.10.2015

17:19 Uhr

„15 Länder waren dafür“

Ein Timeout Griechenlands fand nicht nur Schäuble gut

VonThomas Hanke

Man glaubt, die Schlacht um das Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro sei geschlagen. Doch nun stichelt der deutsche Finanzminister noch einmal gegen Athen: Ein Grexit auf Zeit sei nur an drei Ländern gescheitert.

Wolfgang Schäubles Idee eines Grexits auf Zeit hat offenbar nicht nur ihm gefallen. Reuters

Griechenland-Krise

Wolfgang Schäubles Idee eines Grexits auf Zeit hat offenbar nicht nur ihm gefallen.

Das Ringen um Griechenland liegt fast ein Vierteljahr zurück. Anfang Juli hat die griechische Regierung die Auflagen der Europäer akzeptiert – das Land blieb in der Währungsunion. Doch in einer Sendung des deutsch-französischen TV-Kanals Arte, die am Dienstagabend ausgestrahlt wird, geht Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble noch einmal auf die Forderung eines „vorübergehenden“ Ausstiegs der Griechen aus der gemeinsamen Währung ein.

Die Tageszeitung Libération druckte das Interview vorab. Die spannendste Aussage Schäubles: Es habe kein deutsches Diktat gegeben, er sei auch keinesfalls in der Euro-Gruppe isoliert gewesen: „Die Ansicht, dass es für die Griechen am besten wäre, für eine gewisse Zeit aus dem Euro auszuscheiden – ein „timeout“ – haben 15 von 18 Finanzministern der Eurozone (ohne Griechenland) geteilt.“ Nur der französische, italienische und zypriotische Minister seien anderer Auffassung gewesen, unterstreicht der Bundesfinanzminister – dem im Interview gar nicht die Frage nach dem Grexit gestellt wird. „Das ist die Wahrheit, alles andere ist Propaganda, im schlimmsten Fall, oder mangelndes Verständnis“, kritisiert Schäuble.

Schuldenschnitt bis „Grexit“ – wichtige Begriffe in der Schuldenkrise

Griechisches Schuldendrama

Vom Rettungsschirm über den Schuldenschnitt bis zum „Grexit“ – im griechischen Schuldendrama kommen immer wieder schwierige Begriffe vor. Was verbirgt sich dahinter eigentlich?

Hilfsprogramm

Dies bezeichnet aus Sicht der EU-Finanzminister die finanziellen Hilfen plus der von Griechenland versprochenen Sparprogramme und Reformen. Für die Europartner gibt es derzeit nur die Option, das aktuelle Hilfsprogramm inklusive der Sparauflagen zu verlängern.

Kreditprogramm

Die neue griechische Regierung forderte hingegen bislang eine Verlängerung des „Kreditprogramms“. Damit will sie nach Einschätzung der Geldgeber ausdrücken, dass sie das Geld weiter will - aber nicht die Auflagen des Hilfsprogramms.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist – gemessen an der Wirtschaftsleistung – der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Ausstieg (Exit) gebildet – gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung im Rücken ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Grimbo

Der Begriff „Grimbo“ ist eine Fusion von Greece, also Griechenland und Limbo, zu deutsch Limbus. Limbus kommt aus der katholischen Theologie und bezeichnet die Vorstellung einer Art Vorhof zur Hölle, in dem sich nach dem Tod jene Seelen aufhalten, denen der Zutritt zum Himmel verwehrt wurde, die aber auch nicht in die Hölle gekommen sind. Der Ausdruck steht für etwas, das sich in der quälenden Schwebe befindet. Gemünzt auf Griechenland meint „Grimbo“ ein Szenario, in dem Athen von den Europäern kein Geld bekommt und es auf absehbare Zeit keine Lösung gibt.

Graccident

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Unfall (Accident) gebildet. Das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer – oder umgekehrt.

Moral Hazard

Moral Hazard ist die englische Bezeichnung für moralisches Wagnis. Gemeint ist die Ausnutzung der Solidarität aus rücksichtslos verfolgtem Eigeninteresse. Würden alle Staaten nur an sich denken, würde zunächst Griechenland (Verbindlichkeiten von knapp 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach OECD-Prognose) einen Schuldenschnitt bekommen. Dann stünde Portugal (140 Prozent des BIP) und dann Italien (150 Prozent des BIP) auf der Matte. Spätestens an diesem Punkt würde die globale Finanzwelt in die Katastrophe stürzen, weil einer der größten Anleihemärkte der Welt implodieren würde.

In welche Richtung das geht, ist auch klar: Anfang August hatte Schäubles französischer Kollege Michel Sapin ungewöhnlich offen die Haltung seines engsten Partner kritisiert. „Was den Grexit angeht, habe ich einen Dissens mit Wolfgang Schäuble, einen klaren Dissens.“ Schäuble irre sich in Sachen Grexit und „einige von uns haben es als eigenwillige Methode angesehen, während der Debatte bestimmte Vorschläge zu machen.“ sagte Sapin dem Handelsblatt. „Ich glaube, dass Wolfgang Schäuble sich irrt und sogar in Widerspruch zu seinem tiefen europäischen Willen gerät.“ Die Bundesregierung habe auf dem fraglichen Gipfel am 11. und 12. Juli dann ja auch eine andere Position eingenommen.

Schäuble reagierte im Sommer nicht auf die Kritik. Doch scheint sie ihn zu wurmen. Anders ist nicht zu erklären, warum er nun aus heiterem Himmel wieder auf den Grexit zu sprechen kommt.

Schuldenschnitt, Schuldenerlass, Schuldenerleichterung – die Begriffe der Krise

Schuldenerleicherung

Wird oft als Oberbegriff für eine tragbarere Gestaltung der Schuldenlast verwendet, beispielsweise durch Zinsreduzierung. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht in seinen Griechenland-Forderungen bisher immer von Schuldenerleichterungen („debt relief“).

Freiwilliger Forderungsverzicht

Gläubiger vereinbaren mit dem Schuldnerland, dass sie teilweise oder vollständig auf die Rückzahlung ihrer Forderungen verzichten. Im März 2012 verzichteten überwiegend private Gläubiger „freiwillig“ auf rund die Hälfte ihrer Forderungen – als Teil eines umfassenden Hilfsprogramms von Euroländern und IWF.

Schuldenschnitt

Wenn ein Staat so viel Schulden aufgehäuft hat, dass er sie nicht mehr zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt, dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt und es ist die für die Gläubiger – außer dem offiziellen Zahlungsausfall – härteste Maßnahme. Für das Schuldnerland schafft es dagegen finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Haircut

Fachjargon für Schuldenschnitt. Bedeutet, dass die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen an ein Krisenland verzichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte jedoch wiederholt: „Ein Haircut kommt nicht infrage. Das ist ein Bailout innerhalb der Währungsunion, und das ist verboten.“ Mit Bailout ist die Übernahme von Schulden eines Eurolandes durch die anderen Mitglieder gemeint. Weil die europäischen Verträge dies verbieten, hat dies der jüngste Euro-Gipfel zu Griechenland im Juli auch nochmals bekräftigt.

Schuldenerlass

Anderer Begriff für Schuldenschnitt. Gläubiger und Schuldner treffen eine Vereinbarung über eine teilweise oder gänzliche Löschung der Schulden.

Umschuldung

Auch bei einer Umschuldung verlieren Gläubiger unter dem Strich Geld – allerdings nicht auf einen Schlag. So kann die Rückzahlung des geliehenen Geldes über einen längeren Zeitraum, sprich Jahre oder Jahrzehnte gestreckt werden, oftmals werden auch niedrigere Zinsen vereinbart. Je länger die Rückzahlung gestreckt wird, desto stärker kann die Inflation allerdings am Wert des Geldes nagen.

Vor zwei Wochen hatte Schäuble in Paris an der Uni Sciences Po mit Studenten über Europa debattiert. Auf kritische Fragen zu seiner Rolle während der Griechenland-Krise reagierte er etwas dünnhäutig. „Sie sollten sich erst mal um ihr eigenes Land kümmern, Schande über ihr Land“, fuhr er eine Studentin an, die ihn fragte, ob er nicht zu hart gegenüber Athen gewesen sei.

Im Interview, das am Dienstag zu sehen ist, zeigt er dagegen stellenweise trockenen Humor. Niemand habe verstanden, warum Tsipras das Referendum gegen die Bedingungen für den Beistand der Europäer angesetzt habe und die Auflagen dann doch akzeptierte: „Aber ich bin ja auch kein Grieche.“

Hans-Werner Sinn fordert den Grexit

„Gesundung Griechenlands nur durch Austritt möglich“

Hans-Werner Sinn fordert den Grexit: „Gesundung Griechenlands nur durch Austritt möglich“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×