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24.04.2016

08:00 Uhr

30 Jahre nach Tschernobyl

Russlands strahlende Zukunft

VonAndré Ballin

Die Hälfte des ukrainischen Strombedarfs wird 30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl durch Atommeiler gedeckt, doch die Menschen trauen den alternden Kraftwerken nicht. Sorgen, die man in Russland nicht kennt. Im Gegenteil.

30 Jahre nach der Katastrophe in dem sowjetischen Atomkraftwerk setzt Russland voll auf Atomenergie. dpa

Kernkraftwerk Tschernobyl

30 Jahre nach der Katastrophe in dem sowjetischen Atomkraftwerk setzt Russland voll auf Atomenergie.

MoskauVor dem Kulturpalast im ukrainischen Prypjat wuchern Bäume und Sträucher durch den bröckligen Asphalt. Riesenrad und Karussells auf dem Rummelplatz rosten vor sich hin. Der Wind pfeift durch die Straßen. Ansonsten: Stille in der ukrainischen Geisterstadt.

Einst lebten in den Plattenbauten fast 50.000 zumeist junge Menschen. dann mussten sie Hals über Kopf die Stadt verlassen: Am 27. April 1986 wurde die gesamte Bevölkerung innerhalb von zwei Stunden evakuiert – 36 Stunden nach dem Kernreaktorunglück in Tschernobyl, rund vier Kilometer von der Stadt entfernt.

Seither erobert die Natur Prypjat Schritt für Schritt zurück. Wilde Przewalski-Pferde galoppieren häufiger durch die Stadt als Extremtouristen, die den besonderen Kick in der nach wie vor verstrahlten 30-Kilometer-Sperrzone suchen.

Die meisten Bewohner von Prypjat leben heute in Slawutytsch, einer vor 30 Jahren nach dem Reaktorunglück neugebauten Stadt keine 50 Kilometer weiter östlich am Dnepr-Ufer. Bis zum Jahr 2000 arbeiteten viele von ihnen weiterhin im Kernkraftwerk Tschernobyl, ehe es vor 15 Jahren endgültig stillgelegt wurde. Heute ist nur noch ein Bruchteil der einstigen Mannschaft mit Überwachungs- und Wartungsarbeiten beschäftigt.

Doch Tschernobyl ist nicht das einzige Atomkraftwerk (AKW) in der Ukraine: Aktuell werden von der staatlichen Energoatom vier AKW mit einer Gesamtleistung von über 13.000 Megawatt betrieben. Damit tragen die Kernkraftwerke rund 50 Prozent zur Stromversorgung des Landes bei. Alle Kraftwerke stammen noch aus sowjetischer Zeit, allerdings wurden nach einem 1990 vom ukrainischen Parlament verhängten Moratorium später weitere Blöcke fertiggestellt – auch mit Hilfe der EU.

Besonders groß ist das Vertrauen der Ukrainer in die Sicherheit der Anlagen nicht. 2011, als es in Japan zur Nuklearkatastrophe von Fukushima kam, erklärten in einer Umfrage 65 Prozent der Ukrainer, dass die heimischen Reaktoren nicht sicher seien. 2014 erhielt Energoatom von der EU 600 Millionen Euro für die Erhöhung der Sicherheit seiner Kraftwerke.

Und doch geriet auch jüngst wieder ein ukrainisches AKW nach einem Störfall in die Schlagzeilen. Nach einem Kurzschluss in der Transformatoranlage des AKW Saporoschje musste ein Block plötzlich heruntergefahren werden. Strahlung trat dabei glücklicherweise nicht aus, allerdings führte die Abschaltung zu einem Blackout in größeren Landesteilen.

Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme will die ukrainische Regierung die Laufzeiten der bestehenden Reaktoren verlängern. Alle Pläne für den Neubau von AKW sind hingegen eingefroren, auch wegen der Spannungen mit Russland, die als Partner bei mehreren Projekten galten.

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