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28.06.2012

12:02 Uhr

300.Geburtstag

Rousseau würde das Volk über den Euro abstimmen lassen

VonThorsten Giersch

Heute vor 300 Jahren wurde Jean-Jaques Rousseau geboren. Er stand wie kaum eine andere große Persönlichkeit für Kompromisslosigkeit und Konsequenz. Ein Vorbild für Merkel in der Euro-Krise?

Das Geburtshaus von Jean-Jaques Rousseau in Genf. dpa

Das Geburtshaus von Jean-Jaques Rousseau in Genf.

DüsseldorfWer heute auf Rousseaus Werk zurückblickt, wird viele Gründe finden, warum seine Ideen immer noch aktuell sind. Eines seiner bekanntesten Zitate stammt aus dem aus dem „Discours“ von 1755 und beschreibt ziemlich gut, wie der Philosoph und Staatstheoretiker tickte. „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen hätte.“

Rousseau war der erste Öko, der erste Wachstumskritiker und ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Doch er wurde und wird eben auch oft missverstanden oder bewusst missbraucht. Rousseaus Menschenbild war zutiefst pessimistisch. Die Welt basierte auf Angst und Schuldgefühlen.

Einige Historiker wie Philipp Blom sagen sogar: Sein Postulat der Unterdrückung ebnete den Weg für die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts. Das aufrechte Gefühl wurde zum Kult. Das begann bereits in der Französischen Revolution, als Robespierre seine Schreckensherrschaft in den Jahren 1793/94 auf einem verqueren Verständnis von Rousseaus Theorien aufbaute.

Auch heute noch wird der Denker in Haft genommen für so manche Sache, die er so vermutlich nicht unterstützt hätte. So manches Mitglied der Occupy-Bewegung berief sich auf die Schriften Rousseaus.

Rousseau in 140 Zeichen

Freiheit

„Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten.“ (Contrat Social)

Der Mensch

„Ich glaube dargelegt zu haben, dass der Mensch von Natur aus gut ist.“

Unterwerfung und Freiheit

„Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt.“ (Émile)

Familie

„Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften und die einzige natürliche.“ (Contrat Social)

Demokratie

„Eine echte Demokratie hat es nie gegeben und wird es auch niemals geben.“ (Contrat Social)

Gesetze und Freiheit

„Der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selber vorgeschrieben hat, ist Freiheit.“ (Contrat Social)

Geld

„Das Geld, das man besitzt, ist das Instrument der Freiheit; dasjenige, dem man nachjagt, ist das Instrument der Knechtschaft.“ (Confessions)

Reichtum

„Der Stand der Reichen ist es, der dem meinen das Brot für seine Kinder stiehlt.“ (Briefe)

Anstand

„Ich ziehe eine freimütige Kühnheit vor, die um der guten Sache willen zuweilen das alberne Joch des Anstandes abschüttelt.“ (Briefe)

Kinder

„Ein Kind macht die ernsthaftesten Sachen, indem es spielt.“ (Émile)

Seele

„Es gibt eine gewisse Eintracht der Seelen, die sich sogleich beim ersten Anblick bemerkbar macht.“ (La Nouvelle Héloise)

Geschlecht des Menschen

„Sage mir, Kind, hat denn die Seele ein Geschlecht?“ (La Nouvelle Héloise)

Zukunft

„Wir nähern uns dem Zustand der Krisis und dem Jahrhundert der Revolutionen.“ (Émile)

Tatsächlich sagte der Philosoph und Staatstheoretiker schon im 18. Jahrhundert, dass das „System der Finanzen“ jede Republik bedroht. Und dass allein schon der Begriff Finanzen ein „Sklavenwort“ sei. Dies wird heute gern aufgegriffen: „Der Reichtum ist Schuld“, schrieb er einst: „Kein Bürger darf so wohlhabend sein, dass er einen anderen kaufen könnte, und keiner so arm, dass er sich verkaufen müsse.“ So wird man schnell zum Vorbild – aber als solcher taugt er nur sehr bedingt.

Denn Rousseau hat nicht eine (Guy-Fawkes-)Maske auf, er trägt Dutzende. Was wäre Rousseau heute wohl? Das werden in diesen Tagen viele von denen gefragt, die sich mit seinem Leben und seinen Werken auskennen. Und die Unterschiede sind gewaltig: Mal ist er Mitglied der Piratenpartei, mal Leiter eines Erziehungsheimes. Auf einen Tenor kann man die meisten Fachleute dann aber doch festnageln: Die heutige Gesellschaft hätte Rousseau nötiger denn je.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

28.06.2012, 12:29 Uhr

Wahrscheinlich muss erst der Zusammenbruch erfolgen bevor wir bereit sind Änderungen vor zu nehmen. Eigentlich schade, denn wir wissen doch wo die Fehler liegen - nur zugeben will es keiner.

Wieder Crash - Krieg und in die nächste Runde bis zum Abgrund.


EinBuerger

28.06.2012, 12:49 Uhr

Auf dem Wahlzettel hätte man sicher nur diese Alternativen zum Ankreuzen:
- EuroBonds
oder
- Schuldentilgungsfonds
oder
- Bankenunion

Es glaubt doch niemand wirklich dass sich unsere Euro-Wahnsinnigen ihren Experimentier-Baukasten wegnehmen lassen?
Da würde der arme Schäuble doch weinen!
Und der Steinbrück würde toben.
Und der Trittin würde die kommunistische Weltrevolution ausrufen.
Und die Merkel - würde glatt umfallen.

pendler

28.06.2012, 12:49 Uhr

+++Beitrag von der Redaktion gelöscht+++

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