Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.11.2011

14:08 Uhr

32 Jahre in Athen

Mein Leben mit den Papandreous

VonGerd Höhler

Seit 1979 berichtet Gerd Höhler für das Handelsblatt aus Athen. Er hat viele Regierungschefs erlebt - auch den Vater des jetzigen Premiers. Der trug zu dem Schuldendesaster bei, an dem sein Sohn jetzt zu scheitern droht.

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen. Nikos Pilos für Handelsblatt

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen.

AthenAuch Angelos hat jetzt aufgegeben. „Enoikiazete“, zu vermieten, steht an dem Schaufenster seines kleinen Ladens in der Athener Skoufa-Straße. Genauso die Modeboutique, der Uhrenladen gegenüber, die Schuhmacherei an der Ecke: alles geschlossen. Die Skoufa im Stadtteil Kolonaki, das war „meine Straße“, als ich im Frühjahr 1979 als Korrespondent nach Athen kam. Hier bezog ich mein erstes Büro, Skoufa 24a, 6. Stock. Das kleine Penthouse, gerade mal 30 Quadratmeter, war ein Volltreffer: von meinem Schreibtisch aus konnte ich auf die Akropolis sehen.

Angelos war „mein Elektriker“. Er legte nicht nur die Leitung für den Telex-Anschluss. Er hatte auch einen direkten Draht zur Fernmeldebehörde OTE. So musste ich, gegen ein nicht zu knappes Trinkgeld, nur zwei Wochen und nicht die üblichen drei Monate auf den Anschluss warten. Von Angelos und OTE lernte ich, dass die Sprache mehr Rückschlüsse auf die Zustände in einem Land zulässt, als man so annimmt: Das erste Wort, das ich lernte war: „Messo“. Es sollte mir fortan häufiger begegnen. „In Griechenland brauchst Du ein ‚messo’“, erklärte Angelos mir. „Messo“ bedeutet Mittel. Gemeint sind Beziehungen, auch finanzieller Natur, ohne die in Griechenland nichts lief.

Das Messo zeigte mir nicht nur, wie die griechische Gesellschaft funktioniert. Anhand des „Messo“ und der OTE habe ich auch gelernt, warum es so schwer ist, trotz guter Vorhaben und Reformpläne eine Gesellschaft zu verändern. Auf dem Papier ist die OTE längst ein privatisiertes Unternehmen, gehört der Deutschen Telekom. Im echten Leben als Kunde, ist es aber immer noch gut, ein „Messo“ dabeizuhaben, wenn man von OTE Hilfe benötigt. Die Begriffe ändern sich, die Eigenschaften bleiben. Das ist sinnbildlich für das ganze Land.

Und dennoch: Wer über Griechenland urteilt, der muss nicht drei Jahrzehnte hier gelebt haben; der muss aber schauen, wo dieses Griechenland stand, als ich hier 1979 eintraf. Dann sieht er ein Land, geschunden von der Militärdiktatur, das zu einer lebhaften Demokratie wurde. Er sieht natürlich auch Korruption und Betrug. Aber ohne den Blick auf das erste, darf der Betrachter sich kein Urteil über das zweite erlauben.

Spektakuläre Vertrauensfragen

1972: Willy Brandt verliert mit Absicht

Wegen Streit über die Ostpolitik will Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) Neuwahlen erreichen. Seine SPD-/FDP-Koalition hatte deswegen zuvor die Mehrheit verloren. Brandt stellt die Vertrauensfrage. Wie beabsichtigt unterliegt er mit 248 Nein- zu 233 Ja-Stimmen. Die Wahl am 19. November stärkt beide Regierungsparteien.

1982: Helmut Schmidt zügelt die FDP

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) fordert von SPD und FDP die Billigung seiner Wirtschaftspolitik: 269 Abgeordnete stimmen mit Ja, 224 mit Nein. Der Sieg hilft nur kurz, denn der Konflikt in der Koalition geht weiter. Schmidt wird einige Monate später durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt und durch Helmut Kohl (CDU) ersetzt. Die FDP hatte ihm am Ende doch das Vertrauen entzogen.

1998: Romano Prodi tritt ab

Nach einer überraschenden Niederlage bei einer Vertrauensabstimmung tritt Italiens Ministerpräsident Romano Prodi zurück. Sein Mitte-Links-Kabinett bekommt in der römischen Abgeordnetenkammer lediglich 312 Stimmen, 313 Abgeordnete der Opposition votieren gegen ihn. Prodi hatte die Vertrauensfrage wegen eines Streits mit den Kommunisten über den Etat gestellt.

2001: Gerd Schröder setzt den Afghanistan-Einsatz durch

Nach einem regierungsinternen Streit über einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan stellt Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vertrauensfrage – und gewinnt. Er bekommt 336 Ja- und 326 Nein-Stimmen. Auch Abgeordnete von Rot-Grün, die gegen den Einsatz waren, stimmen letztendlich zu, um den Fortbestand der Koalition zu sichern.

2005: Neuwahlen in Deutschland

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) argumentiert, er könne nicht mehr auf das „stetige Vertrauen“ für seinen Kurs zählen. Dabei verweist er auf sein umstrittenes Reformprogramm Agenda 2010 und die SPD-Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen. Er unterliegt wie geplant bei der Vertrauensfrage – mit 151 Ja- gegen 296 Nein-Stimmen bei 148 Enthaltungen. Seine rot-grüne Koalition wird nach der vorgezogenen Bundestagswahl von einer großen Koalition abgelöst.

2009: Frankreich kehrt in die Nato zurück

Die französische Nationalversammlung stimmt der geplanten Rückkehr des Landes in die militärische Kommandostruktur der Nato zu. Die Regierung verbindet das Thema mit einer Vertrauensfrage über ihre gesamte Außenpolitik, so dass die Abgeordneten nicht gesondert über das Thema abstimmen können.

2011: Die Slowakei streitet über den Rettungsschirm

Im Streit um den Euro-Rettungsschirm stellt die slowakische Premierministerin Iveta Radicova die Vertrauensfrage – und scheitert. Bis zu den Wahlen im März 2012 darf sie mit eingeschränkten Vollmachten im Amt bleiben. Danach will sie der Politik den Rücken kehren und wieder als Professorin für Soziologie arbeiten.

2011: Rekordhalter Berlusconi

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi übersteht eine Vertrauensabstimmung im Parlament – wieder einmal. Bei einer Niederlage hätte er zurücktreten müssen. Seit seinem Amtsantritt hat der 75-Jährige bereits mehr als 50 solcher Proben aufs Exempel überstanden.

2011: Schicksalstag für Griechenland

Ministerpräsident Giorgos Papandreou fordert am 4. November um Mitternacht das Vertrauensvotum des Parlaments ein. 300 Abgeordneten werden namentlich aufgerufen. Papandreou benötigt mindestens 151 Ja-Stimmen. Dann will er Verhandlungen zur Bildung einer Übergangsregierung aufnehmen. Scheitert er, gibt es Neuwahlen.

Als ich 1979 in Athen landete, stand ich gemeinsam mit diesem Land auf der Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt. Aufbruch, Neugier, der Durst nach Freiheit – das war uns beiden gleich in diesem Jahr, in dem Griechenland die Fesseln der Vergangenheit zu sprengen scheint. Der Beitritt des Landes zur Europäischen Gemeinschaft war gerade besiegelt – gegen den Widerspruch der Brüsseler Kommission: Zu groß sei das wirtschaftliche Gefälle zwischen Griechenland und dem Kern Europas, warnte sie.

Im Franzosen Giscard d’Estaing und im deutschen Helmut Schmidt aber fanden die Griechen auf europäischer Seite Politiker, die zugunsten der Vision eines einheitlichen Europas bereit waren, über die Probleme in der Gegenwart hinwegzusehen. Sie gaben, getrieben von der Überzeugung, dass dieser Kontinent vereint stärker ist als seine Einzelteile, und dass Griechenland zu diesem vereinten Europa gehörte, grünes Licht für den EG-Beitritt.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

grosses_theater

04.11.2011, 14:30 Uhr

Sie haben die Entwicklung ab 2002 sehr gut beschrieben. Wer offenen Auges durch das Land gegangen ist, hat sich in der Tat über die vielen Porsche Cayenne, X5 etc gewundert, die plötzlich die alten Ladas ablösten. Und auch die Mentalität der Leute hat sich über all die Jahre sehr zum Negativen hin gewandelt, da der schnelle Profit besonders bei den jungen Leuten als Maxime galt, wo früher echte Gastfreundschaft galt. Als Grieche, der hier in Deutschland geboren ist, studiert hat und über einen guten Job verfügt, habe ich mich bei meinen Griechenlandurlauben immer gefragt, wie die Leute diesen Lebensstandard finanzieren, wobei mir die Antwort schon kurz nach 2002 immer klarer wurde. Am meisten wundert mich aber, wie sehr unsere ach so globaliiserte Welt braucht, um solche Entwicklungen zu erkennen, denn dazu braucht es keiner Ratingverahren oder komplizierter Risikoanalysen, man muss einfach nur mal im jeweiligen Land gewesen sein. Und daher kann mir auch keier erzählen, dass seitens der Politik in Europa keiner gewusst hat, dass Griechenland die Beitrittskriterien zum Euro nicht erfüllte; man mußte Griechenland jedoch aufnehmen, da man sonst Italien auch den Zutritt hätte verweigern müssen. Nachdem heute auch Italien unter den Rettungsschirm des IWF gekrochen ist (nichts anderes soll durch die neuen Liquihilfen des IWF erreicht werden) und Berlusconi mit seinem "freiwilligen" Bitten um Kontrollen durch den IWF de facto die Troika implentiert hat (auch wenn man es zur Beruhigung der Märkte und Gesichtswahrung von Berlusconi nicht so nennen will) stehen uns noch spannende Zeiten bevor

Itw

04.11.2011, 15:33 Uhr

Man sollte hier nicht die Verschwörungstheorie heranziehen. Auch Europa hatte stettige Regierungswechwechsel und hat nicht an einer Falle gebastelt. Griechenland sollte sich darauf besinnen, was es ist: ein Entwicklungsland! Politisch und Wirtschaftlich, der Faktor Tourismus schien ja nur noch ein ungewünschtes Produkt aus längst vergangenen Zeiten zu sein. Ehrliche Arbeit hatte keinen Status Quo, war armselig. Ich bedauere es sehr, ein solch wunderschönes Land, mit dieser einzigartigen Kultur und Geschichte am Abgrund zu sehen. Andere sind hoffentlich cleverer, aber vielleicht hat uns Griechenland allen einen Dienst erwießen. Viel Glück.

Stefan41

05.11.2011, 03:01 Uhr

"Es war allerdings damals auch ein offenes Geheimnis, dass von einer nachhaltigen Konvergenz in Griechenland keine Rede sein konnte. Aber das galt auch für Italien. Wer den Griechen den Beitritt zu Währungsunion verwehrte, hätte auch Italien nicht aufnehmen dürfen."

Genaus hier liegt die Wurzel des Problems. Die Entscheidung Griechenland aber auch Italiens in den EURO aufzunehmen, war vorwiegend eine politisch gewollte Entscheidung. Sowohl bei Italien als auch bei Griechenland gab es damals genügend Wirtschaftsexperten - auch hier in Deutschland - die von einem Beitritt Italiens und auch Griechenlands abgeraten hatten. Ich kann mich an diese Stimmen aus den Reihen der Wirtschaftsexperten noch genau erinnern, die davor warnten, dass diese Länder in ihren Wirtschaftsdaten "noch nicht" ausreichend qualifiziert seien.

Damals aber wurden diese Stimmen überhört: zum einem weil gerade griechische als auch italienische Politiker massiven Druck in Brüssel ausübten, um jeweils ihr Land in den EURO hineinzubringen. Da wurden selbst beispielsweise, wie man im Nachgang mittlerweile erfahren hat, falsche griechische Haushaltszahlen nach Brüssel gemeldet.
Zum anderen aber waren in Ländern wie Frankreich oder auch Deutschland ("in Deutschland regierte Rot-Grün) Politiker an der Macht, die wirtschaftlich einfach bei Eurobeitritt Griechenlands die Augen zudrücken, weil sie unbedingt Griechenland in den Euro hinein haben wollten. Wirtschaftsexperten, die vor dem EURO Beitritt Italiens oder Griechenlands warnten, wurden zur Seite gedrängt und überhört.

Und so wurden Italien und Griechenland Mitglied im Euro und verstanden dies nunmehr als wirtschaftlichen Freibrief, um in "Saus und Braus" leben zu können, da man schliesslich durch den EURO in einem sicheren Hafen angekommen schien. Griechenland hätte den EURO damals nicht bekommen dürfen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×