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16.04.2014

16:16 Uhr

Abfall-Politik

EU-Parlament verbannt Plastiktüten

Das EU-Parlament setzt sich entschieden gegen Plastik-und Kunststoffabfälle ein. Insbesondere die Nutzung von Plastiktüten soll radikal reduziert werden. 80 Prozent Abfälle weniger könnten anfallen.

Sollen weniger häufig genutzt werden: Plastiktüten in der Europäischen Union. dpa

Sollen weniger häufig genutzt werden: Plastiktüten in der Europäischen Union.

StraßburgIn der EU soll der Verbrauch von dünnen Plastiktüten drastisch eingeschränkt werden. Darauf zielt ein Gesetzentwurf der Brüsseler EU-Kommission vom November ab, dem das Europaparlament am Mittwoch in erster Lesung zugestimmt hat. Ziel ist es, die Umwelt – und besonders die Meere – vor gefährlichem Plastikmüll zu schützen. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) in Deutschland begrüßte das Votum. Die kommunale Abfallwirtschaft nehme dieses Thema sehr ernst, betonte VKU-Vizepräsident Patrick Hasenkamp.

Der Vorlage zufolge sollen die EU-Staaten ein erweitertes Instrumentarium erhalten, um den Verbrauch von Einweg-Tüten einzuschränken - etwa mit Steuern, Abgaben oder auch Verboten. Das Europaparlament hat in den Entwurf außerdem eine verbindliche Zielvorgabe aufgenommen: Demnach soll der Verbrauch von Einweg-Plastiktüten binnen fünf Jahren um 80 Prozent reduziert werden. Die Kommission hatte keine Zielvorgaben genannt. Außerdem verlangt die EU-Volksvertretung eine Kennzeichnung der Tüten, damit Verbraucher wissen, ob sie für den Gartenkompost geeignet sind.

Entscheidend ist die Dicke des Material der Plastiktüten: Reduziert werden sollen nur dünne Tüten mit weniger als 0,05 Millimetern Dicke, wie sie zum Beispiel fürs Einpacken von Obst und Gemüse verwendet werden. Die robusteren und oft kostenpflichtigen Tüten, die nicht gleich weggeworfen werden, sind nicht betroffen.

Plastik, das große Problem

Müllkippe Meer

Rund zehn Millionen Tonnen Müll gelangen nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) pro Jahr in die Weltmeere, drei Viertel davon ist demnach Plastik. Das Material ist langlebig – Experten gehen von bis zu 450 Jahren aus – und daher eine Gefahr für die Umwelt. Dort, wo besonders viel Abfall schwimmt, spricht man von Müllstrudeln: Hochrechnungen zufolge ist dort von sechsmal mehr Plastikteilen als Planktonorganismen auszugehen.

Tiere

Wegen der riesigen Müllteppiche im Meer sterben jährlich Hunderttausende Vögel und Meeressäuger. Sie verheddern sich zum Beispiel im Plastikmüll oder fressen Kunststoff. Eine Folge sind schwere Verletzungen, an denen die Tiere sterben können. Über die Nahrungskette könnten winzige Teilchen auch in den menschlichen Körper gelangen, warnen Fachleute.

Plastiktüten

Jeder Einwohner der Europäischen Union nutzt im Schnitt 198 Plastiktüten pro Jahr. Zu denen, die am wenigsten zu den Tüten greifen, gehören die Iren: Bei ihnen sind es durchschnittlich 20 Stück, darunter 18 Einwegtüten. In Dänemark und Finnland nutzen die Menschen 79 beziehungsweise 77 Tüten - darunter sind jeweils nur 4 Einwegtaschen. In Bulgarien sind es 421 Tüten, mehr als die Hälfte davon wird nur ein Mal verwendet. Für Portugal werden mehr als 500 Tüten insgesamt angegeben. In Deutschland sind von 71 Tüten 64 Einweg-Taschen (Quelle: Begleitpapier zum Vorschlag der EU- Kommission, die Verwendung von Plastiktüten einzudämmen, Stand 2010 oder die aktuellsten erhältlichen Daten).

Jute statt Plastik

Mit diesem Slogan warben einst Umweltschützer in Deutschland für die Nutzung von Stoffbeuteln - und damit generell für einen bewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen. Mittlerweile gibt es auch Plastiktüten, die biologisch abbaubar sind. Der BUND fordert, dass Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgegeben werden, wie es in einigen Geschäften in Deutschland der Fall ist. In England etwa will die Regierung künftig die Einzelhändler zu einer Gebühr von fünf Pence pro Stück (etwa sechs Cent) verpflichten. In Kanada werden seit 2007 Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgegeben, in China seit 2008.

Nach Angaben des Europaparlaments werden in der EU jährlich rund 100 Milliarden dünne Plastiktüten verwendet, etwa acht Milliarden davon gelangen durch achtloses Wegwerfen in die Weltmeere. Im Jahr 2010 hat demnach jeder EU-Bürger im Durchschnitt 200 Tüten verbraucht. Die Deutschen lagen mit rund 70 Tüten pro Kopf im Mittelfeld, das Schlusslicht bildeten die Polen und Portugiesen mit 450 Stück.

Die SPD-Abgeordnete Jutta Haug verwies auf eine Studie, nach der allein durch die Donau täglich 4,2 Tonnen Kunststoff ins Schwarze Meer gelangen. Maßnahmen zur Eindämmung dieser Abfallflut seien "längst überfällig".

Plastik-Tragetaschen könnten mehrere hundert Jahre fortbestehen, oft als schädliche, mikroskopisch kleine Partikel, die Pflanzen und Tiere besonders im und am Meer gefährdeten, begründete die EU-Kommission ihren Vorstoß. Vögel und Fische könnten sich in den Tüten verfangen - oder sie zu sich nehmen. "In der Nordsee enthalten die Bäuche von 94 Prozent aller Vögel Plastik", heißt es in einer Information der Brüsseler Behörde. Kunststofftüten seien auch in den Eingeweiden bedrohter Schildkröten gefunden worden.

Es sei dringend notwendig, den Plastikmüll und seine Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit in den Griff zu bekommen, betonte die deutsche Grüne Rebecca Harms. Dies könne mit den neuen Vorschriften erreicht werden. Die CDU-Abgeordnete Christa Klaß kritisierte hingegen, dass der geplanten Richtlinie zufolge auch Verbote möglich sein sollen. Hier habe sich die "rot-grüne Verbotskultur" durchgesetzt, was zu einer "Bevormundung und Gängelung" des Verbrauchers führe.

Nach der ersten Lesung geht der Vorschlag nun an den Rat, in dem die 28 EU-Staaten vertreten sind. Parlament und Rat entscheiden über die Richtlinie gemeinsam, sie müssen sich also auf einen Kompromiss einigen. Die Verhandlungen mit dem Rat wird das im Mai neu gewählte Europaparlament führen. Beginnen werden sie frühestens im Herbst.

Kommentare (5)

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16.04.2014, 14:30 Uhr

wenn die keine anderen Sorgen haben, dann gehts uns gut!

Account gelöscht!

16.04.2014, 14:56 Uhr

Pfandfreie Plastikflaschen, pfandfreie Alu-Dosen und Zigarettenschachten sorgen für die Vermüllung unserer Umwelt.

Da die EU-Kommissare bei Thema "Pfand" keine umfassende Lösung erreichten widmen sie sich nun den Tüten.

Wieviel Prozent der weltweit produzierten Folien werden tatsächlich zu Plastiktüten verarbeitet ?

Account gelöscht!

16.04.2014, 15:14 Uhr

Und vor allem: Werden auch die bekannten "Lümmeltüten" verboten ????

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