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25.10.2013

08:56 Uhr

Abhörskandal

Früherer NSA-Chef wird Opfer von „Lauschangriff“

Der frühere NSA- und CIA-Chef Michael Hayden wurde abgehört, während er auf einer Zugfahrt vertrauliche Interviews gab. Allerdings war kein Geheimdienst für den „Lauschangriff“ verantwortlich.

Michael Hayden, der frühere NSA- und CIA-Chef, bekam eine Lektion in Sachen abhören – von einem früheren Onlineaktivisten. AFP

Michael Hayden, der frühere NSA- und CIA-Chef, bekam eine Lektion in Sachen abhören – von einem früheren Onlineaktivisten.

WashingtonInmitten des US-Spähskandals ist der frühere NSA- und CIA-Chef Michael Hayden Opfer eines Lauschangriffs geworden. Während einer Zugfahrt zwischen Washington und New York gab er per Handy eine Reihe vertraulicher Interviews - nicht wissend, dass der frühere führende Vertreter der Onlineaktivistenbewegung MoveOn.org Tom Matzzie ganz in seiner Nähe saß. Dieser twitterte die Informationen prompt weiter und deckte die Identität des „ehemaligen ranghohen Regierungsvertreters“ auf, wie sich Hayden in den Gesprächen unter anderem mit einem „Time“-Journalisten betitelte.

„Sitze im Zug und höre, wie Ex-Spionageboss Michael Hayden vertrauliche Interviews gibt, fühle mich, als würde ich für die NSA arbeiten, mit dem Unterschied, dass es hier vor aller Welt geschieht“, schrieb Matzzie in dem Internetkurznachrichtendienst. Dann verriet er, dass es in den Gesprächen um den Abhörskandal, CIA-Geheimgefängnisse und das Smartphone von US-Präsident Barack Obama gegangen sei. „Klingt defensiv“, kommentierte er noch. Nach kurzer Zeit wurde der Ex-Aktivist, der inzwischen Besitzer einer Firma für erneuerbare Energien ist, allerdings immer nervöser.

Fragen und Antworten zu PRISM

Bekommen US-Geheimdienste Informationen von Internet-Unternehmen?

Ja, und das ist auch seit Jahren bekannt. Nach dem „Patriot Act“ können Behörden mit Gerichtsbeschluss Zugang zu Informationen bekommen. Das neue an den Berichten über ein Programm Namens „PRISM“ wäre der freie Zugang zu den Servern von Google, Facebook & Co. statt eines punktuellen Zugriffs. Sowohl die Regierung als auch die Unternehmen weisen dies zurück. Laut US-Geheimdienstkoordinator James Clapper ist „PRISM“ nur ein internes Computersystem der Behörden.

Die US-Regierung betont, dass die Überwachung und die Verwendung der Daten strikt überwacht werden, von wem?

Die Abläufe bleiben komplett im geheimen Bereich. Die Geheimdienstanfragen nach Nutzerdaten müssen zwar von einem Gericht bewilligt werden - aber es ist ein speziell dafür geschaffenes Gericht mit elf Richtern. Die Anfragen sind so geheim, dass die Unternehmen selbst über ihre Existenz schweigen müssen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür?

Die „New York Times“ zitierte am Wochenende einen Juristen „einer Technologiefirma“, der berichtete, wie die NSA einen Agenten ins Hauptquartier des Unternehmens abkommandiert habe, um den Verdächtigen in einem Cyberangriff zu überwachen. Der Agent habe von der Regierung entwickelte Software auf dem Server installiert und sei für mehrere Wochen geblieben, um Daten in ein Notebook der Agentur herunterzuladen. In anderen Fällen fordere die NSA Echtzeitdaten an, die dann digital übermittelt würden.

Könnte der Geheimdienst sehen, wie Ideen beim Tippen entstehen?

Das muss kein Widerspruch sein. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Marc Armbinder beschreibt das Funktionieren des „PRISM“-Systems so: Zum Beispiel könnte Facebook die Anordnung bekommen, Informationen über alle Profile aus Abbottabad in Pakistan herauszurücken, angenommen, es gibt 50 davon. „Diese Accounts werden ständig aktualisiert. Also erstellt Facebook eine „Spiegel“-Version der Inhalte, zu der nur die NSA Zugang hat. Die ausgewählten Profile werden in Echtzeit sowohl auf dem Facebook-Server als auch auf dem gespiegelten Server aktualisiert. "PRISM" ist das Werkzeug, das das alles zusammenbringt.“

Könnte die NSA Daten auch ohne Kooperation bekommen?

Absolut. Und Zunger beschreibt eine Möglichkeit dafür: Sie könnten den Datenstrom bei den Anbietern von Internet-Zugängen abgreifen und Datenpakete mit Bezug zum Beispiel zu Facebook oder Google herausfiltern.

Wie glaubwürdig sind die Dementis der Internet-Konzerne?

Sie sind ähnlich formuliert und beziehen sich auf einen „direkten Zugriff“ auf Server der Unternehmen. Zugleich klingen einige davon auch sehr persönlich und aufrichtig. So versicherte der Chefentwickler des Online-Netzwerks Google+, Yonathan Zunger, er würde kündigen, wenn er davon Wind bekäme. Und er sei in einer Position bei Google, in der er eine so groß angelegte Spionageaktion eigentlich hätte mitkriegen müssen. Zunger ist offen in seiner „Abscheu“ für die NSA: „Wir haben nicht den Kalten Krieg geführt, damit wir die Stasi nachbauen können“.

Matzzie fürchtete, seine Twitter-Plaudereien seien inzwischen aufgeflogen und Hayden gewarnt worden. Sein Gefühl betrog ihn nicht: Doch statt Ärger zu machen, bot ihm der ehemalige Spionagechef „gnädigerweise“ ein Interview über eine Reihe strittiger Themen an. „Hatte gerade ein sehr nettes Gespräch mit Michael Hayden, er ist ein Gentleman, und wir stimmen nicht überein“, twitterte Matzzie kurz darauf und schickte ein Foto von sich und Hayden, der von 1999 bis 2005 NSA-Chef und von 2006 bis Anfang 2009 Chef der CIA war.

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Von

afp

Kommentare (1)

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TomOrden

25.10.2013, 10:17 Uhr

So läuft das in unseren sogenannten Demokratien!
Alles und jeder wird ausspioniert und abgehört!
Frei nach dem Motto:
"Achtung Feind hört mit" aus dem 2WK.
Heute muss es aber heißen:
"Freund hört mit"(LOL)
Meine Freunde vom "Orden der Patrioten" weisen ja schon seit Jahren auf den totalen Überwachungsstaat hin!
Tipp 9 auf unserer Webseite:
"Protestieren SIE gegen den Plan des totalen Überwachungsstaats, in dem SIE auf Dinge wie zum Beispiel Kreditkarten verzichten. Bargeld ist besser und für gewöhnlich nicht ortbar. Und so wenig uns der Euro verglichen mit der D-Mark auch gefallen mag, so ist er uns lieber als Geld das nur auf Computerbildschirmen existiert! Also weg mit den Kreditkarten und her mit dem Bargeld!!!!"

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